Über artarium

Seit Herbst 07 "das etwas andere Kunnst-Biotop" in der Radiofabrik und seit Anfang 09 daselbst "im Schatten der Mozartkugel" als Artarium unterwegs. Immer auf der Suche nach neuen Gästen, Themen und Gestaltungsformen... Hochfrequente Wortwetz- und Mundwerkskunnst zwischen Live-Unmoderation und Poesie-Performance. Psychodelikate Audiocollagenkunst, stimmungsexzessive Hörweltendramaturgie, subversiver Seelenstriptease, unverzichtbares Urgewürz und... In diesem Unsinn zeig ich euch einen tieferen! Ab- und hintergründige Neu- und Nettigkeiten aus der wundersamen Welt des Artarium, seinen Gästinnen und Hörerichen. Kunnst mi jo a gern hom :*

A Mediterranean Odyssey

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. September – Nach über 15 Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit schließt sich hiermit einer von nicht wenigen Kreisen, die eine spontan-assoziative, musik/textdramaturgische sowie themenvielfältige Arbeitsweise wie die unsere immer und immer wieder in neugieriger Bewegung gehalten haben. “A Mediterranean Odyssey” von Loreena McKennitt, ein ganzes Album, das im Zusammenwirken mit der Perlentaucher-Nachtfahrt zum Thema “Synästhetische Symphonie” zur Selbsterfahrung synästhetischer Phänomene einlädt, die in streng abgrenzenden Definitionen (entweder bist du im Schachterl drin oder eben draußen) nicht vorkommen: Das Entstehen von neuen Gefühlszuständen durch von äußeren Eindrücken ausgelöste Innenwahrnehmungen zum Beispiel.

A Mediterranean OdysseyOder auch die Möglichkeit, durch entsprechende Übungen neue und bisher nicht vorhanden gewesene Verknüpfungen von Nervenbahnen im eigenen Gehirn herzustellen. Ich erinnere mich da an einen in dieser Hinsicht ganz besonders begabten Musiklehrer, den ich in den 70er Jahren in der 5. Klasse Gymnasium erleben durfte. Professor Kaspar spielte uns die unterschiedlichsten klassischen und modernen und … Musikstücke vor – und stellte uns dabei jedes Mal die Aufgabe, die Augen zu schließen und darauf zu achten, was für innere Eindrücke (Bilder, Farben, Formen, Gerüche, Szenarien, Stimmungen, Geschichten …) wir in uns wahrnehmen würden. Und anschließend lud er uns dazu ein, die jeweiligen Wahrnehmungen mit ihm und der ganzen Klasse zu teilen. Sogar die wortkargsten Mitschüler*innen, die ich als irgendwie “emotional spröde” empfand, erzählten auf ein Mal von ihren inneren Erlebnissen. Bei mir selbst fand ich heraus, dass sich zunächst nur einzelne Eindrücke einstellten, die nach mehreren Versuchen zu ganzen Filmszenen wurden.

“A Mediterranean Odyssey”, wie überhaupt die Musik von Loreena McKennit ist für solche Experimente und Expeditionen (ins eigene Gehirn und dadurch auch darüber hinaus) ganz vortrefflich geeignet, weil sie so vieles ineinander verwebt, was unsere gewohnten und (von wem auch immer) normierten Vorstellungen von uns selbst und “von unserem Platz in der Welt” auflösen, fließend machen und neu (und vor allem selbstbestimmt) entdecken und dadurch bestimmen hilft. Hier begegnen sich uralte Weisheiten der keltischen Ursassen mit orientalischen Formen und Traditionen

 

und auch mit uns, wenn wir offen sind …

 

Synästhetische Symphonie

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. September – Liebes unsichtbares und doch auf merkwürdige Weise auch aus dem Studio heraus immer wieder lebendig wahrnehmbares Publikum … über Synästhesie als neurologische Normvariante hat die moderne “Wissenschaft vom Abstrakten” schon so einiges durchaus Interessantes herausgefunden. Uns allerdings interessiert vornehmlich, was wir in und mit unseren über willkürliche Normen hinaus varianten Gehirnen, überhaupt Nervensystemen (nennen wirs neuroplastisch, neurodivers, resonant, interaktiv, dialogisch oder whatever), was wir also in und mit unseren natürlichen Systemen an neuen Signalwegverschaltungen selbst hervorbringen und erfahren können. Wir spielen die Symphonie des Lebens auf dem Instrument, das wir sind.

Synästhetische Symphonie 1Und es spielt uns. Wie sehr sind wir das Lied des Lebens – oder haben wir es einmal “auf Pause” gestellt, um einstweilen irgendwas anderes “zu machen”? Finden wir jederzeit zurück “in den Flow” – oder haben wir uns (unser Ursprüngliches) auf unserem Weg woandershin – aus den Augen, aus dem Sinn, aus der Gefühlslandschaft – verloren? Sind wir von uns selbst entfremdet? Sind wir in unserem Innersten entkernt? John Lennon hat es sehr einfach gesagt (Oskar Haag) – in unserem Fall halt: “Life is what’s happening while you are busy making other plans and worrying about things that may never happen.” Während ich das hier schreibe bemerke ich ein leises Gefühl von Zuviel, einen ersten Anflug von “den Überblick verlieren”. Ein Gefühlszustand, in den ich leicht hineinkippen könnte und den der kleine Ich in seinen frühen Jahren bis zur Erschöpfung überlebt hat, wie wir zwei inzwischen wissen. Es ist angenehm, das jetzt gemeinschaftlich zu bekichern. In der Zwischenzeit hole ich mir einen Kaffee 

Synästhetische Symphonie 2… und sage zu mir: “Ich möchte ja eigentlich so schreiben, dass die Geschichte, die dabei entsteht, mir etwas Neues erzählt, etwas, wo ich bis jetzt noch nicht war.” Aus dem Dort, wo bis vor kurzem nichts zu hören war, sagt es vernehmlich: “Du musst halt das Kontrollkasterl ausschalten.” Und aus dem Da, wo ich, seit ich denken kann, gedacht habe, rebelliert es nicht mehr wie mit 13, 14 (ich kann mich erinnern): “Wo soll der Schalter dafür sein, du blöde Kuh?” Nein, es grinst in Übereinstimmung und sagt: “Gute Idee, machen wir so.” Und es weiß, dass es sich so viel leichter und entspannter anfühlt und dass wir sowieso keine Zeit mehr haben für ausführliche Umschreibungen aus der abstrakten Welt der sprachlich-analytischen Erklärketten. Keine Zeit mehr haben” war übrigens der Trigger für das zuvorige Zuvielgefühl, bitte, danke! Und: “Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse.”, heißt es bei Saint-Exupéry. Auf die abstrakte Sprache ohne Körper trifft das wohl zu

Synästhetische Symphonie 3Wir alle sind entwurzelt und haben manche Zugänge zum Lebendigen verloren, unter anderem deshalb, weil wir in einer “zivilisierten Welt” leben. Dadurch müssen wir im Lauf unseres Lebens Gefühlszustände und Wahrnehmungen abspalten, weil der Schmerz, der Schock, das Trauma uns sonst töten würden. In der modernen Zivilisation zu leben ist von vorn herein traumatisch, weil es den Verlust des Zugangs zu unserer Natur bedeutet. Das setzen wir in unseren Sendungen inzwischen als bekannt voraus. Wie aber eine Symphonie erst “funktioniert”, wenn alle Teile, aus denen sie besteht, vollumfänglich stattfinden – und von den Zuhörys (Phettberg) auch vollumfänglich wahrgenommen werden, so ist das mit unserem Leben als alleinige Menschen, zu zweit, in Gemeinschaftenund als gesamte Menschheit. Im Einklang mit der Natur bin ich, bist du, sind wir eine synästhetische Symphonie, in der alles in allem tönt, klingt, vibriert, leuchtet, sich anfühlt, bewegt, einfach stimmt.

 

Probieren wirs aus …

 

Die Hundeblume

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30 August – Ein Mann sitzt im Gefängnis. Warum? Für wie lange? Man weiß es nicht. Das einzige, was wir wissen, ist, dass er in Einzelhaft ist und dass er sich dabei sehr genau beobachtet: “Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt hat man mich mit diesem Wesen, vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst.” Einmal am Tag eine halbe Stunde in den Hof, das heißt immer in einer Reihe, immer in demselben Kreis, immer von denselben aggressiven Gefängniswärtern mit lautem Geschrei angetrieben. Sein einziger Lichtblick ist ein einsam blühender Löwenzahn, eine Hundeblume, wie man in Norddeutschland sagt, und an diesem einzigen farbigen Lebewesen inmitten all der grauen und grausamen Eintönigkeit hält er sich fest …

Die HundeblumeSie wird zum Objekt seiner Begierde und erst durch sie findet er – in einer Situation, die ihm nur aussichtslos erscheinen kann – zu einem neuen Ziel, auf das er sein ganzes Dasein ausrichtet. Die Geschichte, die hier erzählt wird, begleitet ihn dabei bis zur tatsächlichen Begegnung “mit dem Lebendigen”. In dem Moment, wo sich sein inneres Überleben und die äußere Wirklichkeit des Lebens berühren (das in seiner Hundeblume verkörpert ist), in dem Moment “erkennt sich das Leben im anderen selbst”. Und für den “lebendig Begrabenen”, dessen einzige Aussicht bislang das Zugrundegehen war, erschließt sich in einem zeitlosen Augenblick der eigentliche Sinn allen Lebens: “Er war so gelöst und glücklich, dass er alles abtat und abstreifte, was ihn belastete: Die Gefangenschaft, das Alleinsein, den Hunger nach Liebe, die Hilflosigkeit seiner zweiundzwanzig Jahre, die Gegenwart und die Zukunft, die Welt und das Christentum – ja, auch das!” Ihr könnt die ganze Geschichte hier lesen, sie heißt “Die Hundeblume”.

Geschrieben hat sie Wolfgang Borchert kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs, aus dem er sterbenskrank heimgekehrt war – als er bereits wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. An diesem Punkt seines Lebens entschied er sich, die ihm noch verbleibende Zeit zu nutzen, so viel als möglich von dem, was er selbst erlebt und überlebt hatte, zu verdichten und für die Nachwelt (uns) aufzuschreiben. Über sein bekanntestes Theaterstück “Draußen vor der Tür”, das noch in seinem Todesjahr 1947 auch als Hörspiel gefeiert wurde, haben wir im April eine Sendung gestaltet.

“Die Hundeblume” scheint mir jedoch noch dichter, noch wesentlicher zu sein. Weil sie nämlich einer grundsätzlichen Frage nachgeht: Was macht den Unterschied zwischen Untergehen und Überleben aus? Und dabei ähnliche Antworten gibt wie Viktor Frankls “Trotzdem Ja zum Leben sagen” – ebenso beglaubigt durch seine eigene Erfahrung: “Noch kurz vor seinem Tode erklärte Borchert, dass es diesen Hundeblumen-Mann gab, dass er 21 Jahre alt war und 100 Tage in einer Einzelzelle saß mit dem Antrag des Anklagevertreters auf Tod durch Erschießen.” (Wikipedia)

 

Walid Ben Selim & Agathe Di Piro – Live at the MuCEM, Marseille

 

Das wilde Denken

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. August – Aha, wohl eine Sendung über Hannah Arendt, die ja gesagt haben soll, “Denken ist Zwiesprache mit sich selbst.“ Und über die unlängst ein ziemlich genialer Dokumentarfilm mit dem Titel “Denken ist gefährlich” erschienen ist? Aber nicht doch … oder … das kommt schon auch noch. Heute wollen wir unter anderem “den zwei Arten von wissenschaftlichem Denken” nachspüren, die Claude Lévi-Strauss in seinem Buch “La pensée sauvage” (auf deutsch als “Das wilde Denken” bekannt) 1962 erstmals beschrieben hat. Und, wie vor allem einer dieser beiden doch sehr unterschiedlichen “Wege zum Wissen” für die Werke von Marina Abramović, Silvia Federici und Audre Lorde wesentlich ist,  angeregt durch ein faszinierendes Buch von David Wengrow und David Graeber:

Das wilde Denken“Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit”. Zugegeben, ein weit gespanntes Thema – und aufgrund der Fachkompetenz der Autoren auch streckenweise atemlosmachend reich an wissenschaftlichen Ergebnissen und den verschiedensten Angeboten an daraus möglicherweise zu ziehenden Schlüssen … Nach etwa 300 Seiten sagte ich halblaut zu mir: “Jetzt verlieren wir uns aber bald in den vielen Daten und Fakten. Höchste Zeit, mal wieder etwas zu lesen, wo Menschen konkrete Dinge erleben, darüber nachdenken, miteinander sprechen – und daraus dann Gemeinsames entsteht.” Schon sind wir mittendrinDenn das Faszinierende an diesem Buch ist ja, dass hier hochqualifizierte Wissenschafter ihre Erkenntnisse endlich nicht mehr nur auf einen überschaubaren Kreis an Expert*innen oder “das Fachpublikum” begrenzen, sondern sie in einer bemerkenswert verstehbaren Sprache allen an der Entwicklung ihrer Welt Interessierten mitteilen. Das habe ich bisher, etwa an den anthropologischen Forschungen meiner Cousine Elke Mader, von denen ich über Jahrzehnte hinweg so einiges mitbekommen habe, immer wieder schmerzlich vermisst: Dass sie über den wissenschaftlichen Dunstkreis hinaus der ganzen Gesellschaft zur Verfügung stehen.

 

Hier nun ein Zitat aus “Anfänge”, in dem die Autoren Claude Lévi-Strauss zitieren:

 

“… dass es nämlich zwei verschiedene Arten wissenschaftlichen Denkens gibt, die beide Funktion nicht etwa ungleicher Stadien der Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern zweier strategischer Ebenen sind, auf denen die Natur mittels wissenschaftlicher Erkenntnis angegangen werden kann, wobei die eine, grob gesagt, der Sphäre der Wahrnehmung und der Einbildungskraft angepasst, die andere von ihr losgelöst wäre; wie wenn die notwendigen Beziehungen, die den Gegenstand jeder Wissenschaft bilden, auf zwei verschiedenen Wegen erreicht werden könnten, einem, der der sinnlichen Intuition nahekommt, und einem, der ihr ferner liegt …” 

 

Dass für die Entwicklung des “ersten Weges”, den Lévi-Strauss als “Wissenschaft vom Konkreten” im Unterschied zum zweiten, der “Wissenschaft vom Abstrakten”, bezeichnet, speziell Frauen maßgeblich sein könnten, das erwähnt der Begründer des Strukturalismus in den 60er Jahren mit keinem Wort. Warum wohl? Jedenfalls werden wir in musikalisch gerahmter Zwiesprache versuchen, so viel als möglich von diesen abstrakten Ausdrucksformen in konkret Sinnliches zu übersetzen, ähnlich wie das die eingangs erwähnten Frauen in ihrer Kunst und in ihrer Sprache auch tun …

 

It’s time for a treaty

 

INCONTRO

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. August – Das italienische Wort “Incontro” mit seinen Bedeutungsnuancen von Begegnung bis Gegenüber haben wir in unseren letzten Artarium- wie auch Nachtfahrtsendungen bereits in einigen seiner äußerlichen Aspekte angeschaut: Was die wechselseitige Inspiration unterschiedlicher Kulturen angeht, wie sich verschiedene Einflüsse in einzelnen Menschen oder zu kleineren Gemeinschaften “vermischen”, warum es besonders schön und vor allem auch wertvoll sein könnte, selbstbewusst so etwas wie ein “Mischling” zu sein. Die nächste, noch unbeackerte Ebene des Begegnens und des Dialogs mit dem Gegenüber ist dann der Übergang vom “äußeren Anderen” zum “inneren anderen Selbst” sowie derjenige vom Menschgestaltigen ins Spirituelle

Incontro 1In diesem brutalistischen und oft abstoßend kalt und gefühlsamputiert wirkenden Gehäuse vibrieren alle unsere Körperzellen in einem unfassbar lebendigen Tanz. Was wie ein Widerspruch erscheint, ist genauso richtig und wahr wie alles sonstige Leben auf dem zunehmend verunstalteten Planeten, den wir in unseren kreativen Expeditionen aus diesem Leben heraus bereisen. Die Dimension der Resonanz, wenn wir von Lebewesen, von Dingen, von Themen, von Umständen, von unserem Dasein im Sein selbst angerührt, angesprochen, angezogen werden, wenn wir nichts mehr anderes als nur noch antworten, mit allem, was wir sind und was uns ausmacht. Die Schwingung von Allem in allem, die wir wahrnehmen, sobald wir bemerken, dass da etwas in gleicher Weise mitschwingt, das wir so zuvor so noch nicht erkannt haben oder das wir in unserem ersten Augenblick längst vergessen haben, nur um es auf unserem Lebensweg wiederfinden zu können. Alles in allem vom Glück verfolgt.

Incontro 3Mitten im Abgehackten, im zur sinnleeren Verwurstung bestimmten Menschenzoo, im immer noch gefühllosere und abgespaltenere Funktionsklone hervorbringenden Suppentopf der Weltherrschaft stehst du, tapfer im Widerstand und immer auf der richtigen Seite und bemerkst, dass du dich längst selbst verloren hast. Dass du genauso verloren bist wie all die verlorenen Seelen ringsum und die gleiche Gewalt in dir trägst, die dir auch angetan wurde und vor der du die schützen willst, die du liebst. Und wenn du dann durch die Nacht deines Schreckens und deiner Angst hindurch gehst, um davon Zeugnis abzulegen, dass du ein Mensch bist so wie alle anderen auch … Wenn du dein Menschsein wieder zu fühlen beginnst, kannst du alles sein: Der du warst und der du bist und der du sein wirstalles in allemhier und jetzt und jenseits der Zeit In unserem Incontro, in unserer Resonanz,

 

in unserem Eros.

 

The Unternationale

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 16. August — Meine Großmutter war schon eine eigenartige Frau. Sie wohnte seit den 50er Jahren bei ihrer Tochter, meiner Tante, die zeitlebens eine überzeugte Nationalsozialistin war. Und dennoch (oder gerade deswegen) versorgte sie mich während meiner gesamten Jugendzeit mit Literatur vornehmlich jüdischer Autoren. So zum Beispiel Friedrich Torberg, Ephraim Kishon  oder Joseph Roth. Ihr verdanke ich einen gewissen Einblick in die unterschiedlichen Entwicklungen jüdischen Denkens und jüdischer Kultur. Was mich dazu befähigt, “The Unternationale” von Daniel Kahn, Psoy Korolenko und Oy Division als eine besonders inspirierende Arbeit zu begreifen. Oder, wie meine Großmutter gemeint hätte, lassen wir jüdische Musiker ihre Identitäten doch einmal selbst hinterfragen.

The UnternationaleUnd im Falle ihrer Verbearbeitung von “Sympathy For The Devil” mit dem jiddischen Titel “Rakhmones Afn Tayvl” wirds auch sprachlich interessant. Wer kann hierzulande schon hebräisch lesen, wer versteht den jiddisch gesungenen Part mit den vielen versteckten (oder sinds doch offensichtliche) Anspielungen? Hier einmal die “Romanization” des hebräisch/kyrillischen Originals. Und wenn man sich ein bisserl mit der Google-KI spielt (für sowas können Sprachmodelle ganz sinnvoll sein), dann kann man, wenn man möchte, schon etwas weiter in die Welt des Witzes und der Selbstironie eindringen. Oder seh das nur ich so, weil ich einseitig vorentlastet bin, will heißen, dass ich schon mit 12, 13 Jahren über wirklich Witziges lachen konnte? Mir tut heut noch der Bauch weh … aber sehr angenehm 🙂 Meine Großmutter und ich waren geheime Partisanen in unserer Familie, einem fundamentalistisch totalitären Herrschaftssystem, in dem Gewalt und Unterdrückung durch hinterrücks schleichende Gewissenskorruption ausgeübt wurde. Aber ich war (schon wieder) nicht allein. Hoch die Unternationale!

Der sehr sehenswerten Film “Lauf Junge lauf” erzählt die Geschichte eines jüdischen Jungen, der die Nazizeit in Polen überlebt, indem er seine ursprüngliche Identität verleugnetja, beinah vollständig auflöst und dann die Identität eines polnischen katholischen Jungen annimmt. Am Ende des Films hilft ihm Moshe, väterlicher Freund aus dem jüdischen Widerstand, sein fast schon komplett abgespaltenes Selbst wieder anzunehmenseinen Platz in der Weltunter behutsamer Achtung seines freien Willens – selbstbestimmt zu finden und einzunehmen:

 

„Ich habe keine Angst vor dir!“

„Ach, wirklich?“

„Die haben auf mich geschossen. Mich mit Hunden gejagt. Ein Haus über mir angezündet. Aber ich lebe noch immer. Ich lass mich nicht wieder einsperren! Und wenn, dann lauf ich wieder weg. Lass mich also in Ruhe.“

„Ich kann nicht. Wir brauchen solche wie dich.“

„Wer ist Wir?“

„Wir Juden. Dein Volk. Die Kinder Israels.“

„Ich will aber kein Jude sein. Dann hätte ich meinen Arm noch.“

„Jurek, vielleicht glaubst du mir nicht, aber ich verstehe dich. Bis jetzt bist du deinen eigenen Weg gegangen. Mit deinen eigenen Entscheidungen. Das ist gut. Ich bewundere dich dafür. Wirklich. Aber wir wollen dir jetzt einen Weg zeigen, von dem wir denken, dass er der richtige ist. Für dich. Für uns. Und für unser gequältes Volk. Ob du diesen Weg dann auch gehen willst, das darfst du allein entscheiden.“

 

Engel des Erinnerns

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 9. August – Unlängst ist Misha Schoenebergs neuer Roman erschienen: “Vielleicht wollte er gar nicht schweigen, er fand bloß die Worte nicht.” Ein insofern bemerkenswertes Buch, als es sich mit dem Nachhall des Schweigens der Kriegsgeneration im Leben ihrer Kinder auseinandersetzt. Mit dem, was diese als oft schwer fassbare “Leerstellen” auf der Suche nach ihrer Identität erleben. Aber auch deshalb, weil in dieser Familie zwei Seiten des Traumas wie in einer Miniaturausgabe der deutschen und österreichischen Nachkriegsgesellschaft eine Verbindung mit unterschwelliger Sprengkraft eingehen: Der Vater, ein Berliner Jude, hat Auschwitz überlebt – die Mutter, ein deutsches Mädel aus Westpommern, ist von Nazis geprägt. Der Engel des Erinnerns sucht nach dem Sinn der Geschichte.

Engel des ErinnernsMitten in die Arbeit an dem Manuskript platzen am 7. Oktober 2023 die Hamas-Massaker in Israel sowie gleich darauf das Wiederaufflackern von eigentlich unbegreiflichen antisemitischen Umtrieben in ganz Europa. Nach einer längeren Phase überfallsartig (und wie ich meine, retraumatisierungsbedingt) über ihn hereingebrochener Sprachlosigkeit gelingt es Misha Schoeneberg schließlich, die ideologische Vereinnahmung von Nichtausgesprochenem zu entzaubern. Und zwar in einer derart klaren und präzisen Sprache, dass das in diesen Zeiten voll von zunehmend verschwommener Aufgeregtheit eine wahre Wohltat ist. Das Kapitel “Shabbat im Oktober” fügt sich auf diese Weise organisch an das früher entstandene und penibel recherchierte Kapitel “Auschwitz” und erzeugt zusammen mit weiteren Erinnerungsperspektiven (aus der Kindheit, aus dem frühen Erwachsenwerden, aus der sich verwandelnden Einstellung zur Familiengeschichte bis hin zur Begleitung seiner zunehmend dement werdenden Eltern) “… ein Buch von atemberaubender Intensität … das geschichtliche Tatsachen mit einer Tiefe und Unmittelbarkeit vermittelt, die sie nachfühlbar macht.” Marianne Rosenberg in den Verlagsinfos. Weil wir den Autor selbst zu einer Lesung im November einladen werden, wollen wir euch schon jetzt darauf neugierig machen.

Warum ich für diese Sendung den Titel “Engel des Erinnerns” gewählt habe, das hat mit meiner eigenen Familiengeschichte und ihrer Erforschung im Kontext einer traumatherapeutischen Aufarbeitung zu tun. Und natürlich bezieht er sich auch auf das unlängst zitierte Buch “Engel des Vergessens“ von Maja Haderlap. Was meine/unsere Arbeit mit den Texten von Misha Schoeneberg betrifft, dem kann man in der Sendung “Unzerstörbar” nachspüren. Und wie die ganze Expedition in die Abgründe des Grauens und des Unsagbaren vor drei Jahren begann, erzählt “Der Krieg in mir”

Die Arbeit an der eigenen Familiengeschichte, so sie durch Trauma, Krieg, Gewaltdurch Verfolgtwerden und durch Verfolgenalso durch Opfersein und Tätersein geprägt ist, führt uns unweigerlich ins Labyrinth des Fragmentarischen, wo uns bis zu einem gewissen Grad nachprüfbare Fakten begegnen – zugleich jedoch auch allerlei Auslassungen, Umdeutungen sowie (aus welchem Grund auch immer) absichtsvoll Verschwiegenes. Sich seine eigene Geschichte daraus hervor zu erschließen, das Gefundene und das Verschwundene mit sich selbst vergleichen und überprüfen …

 

auf Stimmigkeit

 

Incontro culturale

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. JuliEine ganze Sendung nur mit italienischer Musik! Weil es bei jedem “ins Leben treten”, bei jeder Begegnung zuallererst darum geht, wie es sich anfühlt. “Wenn es nicht spüren darf, dann fängt es halt an zu denken” (das kleine Lebewesen). Natürlich, sonst hätte es nicht überlebt. Doch Spüren und Denken müssen zusammenwirken, damit ihr ganzer Reichtum und ihre ganze Kraft zur Entfaltung kommen. Und dieses gleichzeitige Vorhandensein und sich auswirken können von Intellekt und Emotionalität ist ein Wesensmerkmal italienischer (und überhaupt mediterraner) Lebenskultur. Ein Incontro culturale, bei dem sich unsere beiden Hirnhälften (und noch mehr) begegnen und das Gefühlte mit dem Gedachten in Einklang bringen. Das Leben umarmt sich sozusagen selbst.

Als das Kind noch ein Kind war, verbrachte ich mehrere Wochen jedes Sommers in der Bucht von Sistiana. Dort begann meine Reise ins Eigene – etwa bei den bunten Fischen unter Wasser oder in den Vorstellungen des Freiluftkinos. Seitdem verbinde ich emotionale Spontaneität und ein dem Leben zugewandtes Entdecken (und in weiterer Folge auch beschreiben können) der eigenartigsten Abenteuer mit dem, was passiert, wenn man in Italien ist. Und das reimt sich auf erstaunliche Weise darauf, worüber Christopher und ich uns in einigen der letzten Perlentaucher-Sendungen unterhalten haben, wenn es ums Unterwegssein ging und ja: “Was urlauben sie sich?” Die wahrgenommenen Übergänge und Wechselwirkungen zwischen alpiner, mitteleuropäischer und eben mediterraner Lebenskultur stellen “den sprachlich-gedanklichen Überbau” oder “die distanziert-reflektierte Beschreibung” dessen dar, was wir bei der Begegnung mit den sich dort begegnenden Kulturen so alles empfinden, erleben, und spüren.

Anders ausgedrückt: “Die Pizza schmeckt gut.” Ja, aber was genau meinst du mit “gut”? Kannst du das etwas detaillierter ausführen? Oder – wie fühlt sich das an, was du als ersten Eindruck mit “gut” beschreibst? Anderes Beispiel: “Dieser Song taugt mir voll.” Aha – bitte versteh mich nicht falsch, wenn ich jetzt “Warum?” frage. Ich will damit nicht an deinem Geschmack zweifeln, sondern verstehen, was genau an dem Song dein “gefällt mir” hervorruft. Ist es der Klang der Stimme? Oder ist es diese Verschiebung zwischen dem Schlagzeug und dem Gesangsrhythmus?”

Anmerkung: Für das Zustandekommen dieser Sendung waren einige Musiktipps sowie Hintergrundgeschichten meines Pizzaiolo Illy von der Pizzeria No. 1 überaus hilfreich.

 

Incontro culturale

 

Alex is Corner

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Juli – “Seit einem viertel Jahrhundert … eine der ersten Sendungen auf der Radiofabrik … CornerRadio … ebenfalls seit 25 Jahren mit dabei … unser lieber Kollege Alex Habitzreuther …” So und so ähnlich klingen die sich in letzter Zeit häufenden Würdigungen seines bemerkenswerten Engagements, das ihn seit 1999 nicht nur als Radiomacher, sondern vor allem als gestaltgebende Gestalt im JuZ Corner auszeichnet. Demnächst “geht er”, wie man das gemeinhin zu nennen pflegt, “in Pension” – und in dem Zusammenhang fällt schon auf, dass er der weiteren Entwicklung seines Lebens, seiner Arbeit sowie der damit verbundenen gesellschaftlichen Wirkung ungemein entspannt entgegensieht. Ein guter Grund, ihn zu einem Gespräch über seine Sicht auf das letzte Vierteljahrhundert einzuladen.

Alex is CornerDenn der entschiedene Verfechter umtriebiger Gelassenheit (oder war es gelassene Umtriebigkeit?) unterstützt uns ja auch noch in der Programmkommission und lässt darüber hinaus sowohl “Rund um den Radioschorsch” als auch bei anderen Gelegenheiten, etwa wenn  “Echte Menschen Live” einander begegnen, mit seinen Einsichten aus einem ganzheitlichen, nicht abgespaltenen Leben aufhorchen. Genau so etwas wollen wir einmal in einer Livesendung “einfangen”, weil wir neugierig darauf sind, wie sich zum Beispiel gemeinsam erlebte Musikkultur auf die Gruppendynamik in einem Jugendzentrum auswirkt oder wie überhaupt ein sicherer Ort (ein unverbunkerter Schutzraum) für die Jugendlichen entsteht, die mit sexuellen Orientierungen und Identitäten jenseits des angeblich allgemein Üblichen experimentieren möchten … oder was überhaupt Integration sein könnte in einem Stadtteil mit so vielen verschiedenen kulturellen und lebensgeschichtlichen Voraussetzungen und Hintergründen … und … oder …

Wie sagte schon der alte Zen-Meister? “Man wird sehen.” Und so oder so ähnlich wird sich unser Gespräch auch entwickeln, irgendwie organisch, von einer Wendung des Lebens zur vielleicht überraschenden nächsten. Oder wie sagt der Corner-Radio-Macher? “Weil es ein Medium ist, das präsent ist, wo man spontan sein kann, wo man Menschen zusammen bringt, die sonst nicht zusammenkommen würden …” Und dann war da noch etwas “mit jener speziellen Hirnverdrahtung, die es einem überhaupt erst ermöglicht, die oft sprunghaften Veränderungen junger Menschen wertzuschätzen …”

 

Man wird sehen …

 

PS. Diese beiden Videos zu unserer heutigen Playlist solltet ihr euch zusätzlich zur gespielten Musik auch noch anschauenerzählen sie doch viel mehr als “nur” die Songs über die Situationen, in denen die Künstler*innen jeden Tag leben:

 

The Freelancers – Pse? … über Gefühllosigkeit und korrupte Politik im Kosovo

 

EsRAP & Gasmac Gilmore – Freunde dabei … über ein neues Selbstbewusstsein von Jugendlichen in den Wiener “Ausländervierteln”

 

Rachid Taha – Tekitoi?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. Juli – Der leider viel zu früh verstorbene “Crossover-Pionier des Maghreb” und kulturübergreifende Ausnahmemusiker Rachid Taha hat uns ein sowohl künstlerisch als auch menschlich inspirierendes Gesamtwerk hinterlassen. Und einige Aspekte davon wollen wir in dieser Sendung hervorheben, indem wir sein 2004 erschienenes Meisterwerk “Tékitoi?” zumindest anspielen, denn das originale Album würde voll ausgespielt insgesamt 1:12:48 dauern. Viel zu lange – und das eine oder andere möchte ich schon auch sagen, etwa zur sehr belebenden Wirkung seiner Musik … in der sich traditionelle algerische Musiken wie unter anderem der Raï, dem er zeitlebens eng verbunden war) sowie moderne Einflüsse aus Rock, Punk und Electronic auf ganz einzigartige Weise verbinden

Rachid Taha - Tékitoi?So kommen im speziellen Fall gewohnte Worte wie verbinden, vermischen oder verschmelzen schnell an die Grenzen ihrer Aussagekraft und wirken beliebig. Ich möchte sie daher für die Art und Weise, wie Rachid Taha mit dem Zusammensein von Musikwelten aus Nordafrika und Europa und weit darüber hinaus umgeht, gar nicht mehr verwenden, sondern einer biosystemischen Metapher nachgehen: “Da geben sich die beiden Gehirnhälften die Hand.” Und ungefähr so stelle ich mir das Zusammenkommen und Zusammensein dieser vielen verschiedenen kulturellen Traditionen vor, wenn ich seine Musik höre, spüre und erlebe: Da geben sich Afrika und Europa die Hand, grinsen sich gegenseitig an, essen miteinander, erzählen sich Geschichten, packen ihre Instrumente aus und fangen an, gemeinsam zu musizieren. Es dauert nicht lange, bis sich daraus ein völlig selbstverständliches Fest entwickelt und sich auch die verschiedensten Tänze in einem einzigen zeitlosen Feiern des Lebendigseins auflösen. Genau so etwas in der Art habe ich schon einmal erlebt

Das war Anfang der 80er Jahre in Marokko, als ich einmal zu einer Berberhochzeit eingeladen wurde, bei der ich dann spätabends (was für mich völlig überraschend war) aufgefordert wurde, mit einigen bärtigen Scheichs zu tanzen … Zu meinem großen Glück hatte ich zuvor “im alten Mark” in Salzburg die Gelegenheit gehabt, einen ganz eigenen spontanen Ausdruckstanz zu entwickeln, den ich alsdann, einem Luftgitarre fudelnden Derwisch nicht unähnlich, zur allgemeinen Freude vollführen konnte. Das ich dabei das genaue Gegenteil von nüchtern war, erwies sich zudem als hilfreich.

Wenn ich heute darauf zurückblicke, wäre ich neugierig, was ich ohne enthemmende Berauschung damals an verschiedenen feinen Nuancen von Gesichtsausdrücken und Stimmungen noch so alles hätte mitbekommen können. Aber da schau her – ich kann ja mein Heute-Ich in mein Damals-Ich zurückschicken und überhaupt auch im Hier und Jetzt neue Erfahrungen machen, nüchtern betrachtet. Wie zum Beispiel mit dem zauberhaften Stück “Stenna (wait)” von Rachid Taha, das mich jedesmal beim Anhören in einen gesamtkörperlichen Friedens- und Entspannungszustand versetzt.

 

Rock el Casbah