Artarium am Sonntag, 31. Mai um 17:00 Uhr – Bei unserer Besprechung des Buches “Die guten Kräfte” hat mein Kollege Andreas Woldrich aka MC Randy Andy von der Sendereihe “Battle and Hum” noch ein weiteres Kompendium ähnlichen Aufbaus mit einbezogen, und zwar “VÖLLIG SCHWERELOS” von Wolfgang Zechner, welches wir euch diesmal aus guten Gründen vorstellen wollen. Während das erstgenannte Werk “Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs” erzählt, beleuchtet zweiteres “Glanz und Elend der deutschsprachigen Popmusik in 99 Songs”. Und dabei überschneiden sich die Themen und ihre Beispiele naturgemäß an der einen oder anderen Stelle. Ganz besonders dicht wird das in den jeweiligen Beiträgen zu Freddy Quinns “Wir”– da hat Wolfgang Zechner nämlich Entscheidendes bemerkt:
Textautor der Biedermann-Polemik von 1966 ist der jüdische Holocaustüberlebende Fritz Rotter… so weit, so bekannt. Dass er aber Zeilen wie “Denn jemand muß da sеin, der nicht nur vernichtet.” oder “Doch manchmal in guten, in stillen Minuten, da tut uns verschiedenes leid.” womöglich gar absichtlich “mitten in die deutsche Nachkriegsverdrängung eingeträufelt” hat, und dass er als Trägermedium dafür ausgerechnet den fraglosen Fixstern des seit dem Wirtschaftswunder geradezu explodierenden Heile-Welt-Sehnsuchts-Schlagergeschäfts nutzt – das ist fürwahr “eine steile These”, die allerdings, sobald sie ins Selbstweiterdenken übergeht, so einiges an weiterführenden Überlegungen zeitigt. Denn ist die damals in den 60ern aufkommende Auseinandersetzung zwischen den Generationen, die auch immer um die Fragen “Was habt ihr im Krieg gemacht? Seid ihr mitschuldig geworden? Warum habt ihr zu all dem geschwiegen?” kreiste, nicht irgendwie längst in der nächsten Lagerbildung nach dem 2. Weltkrieg, nämlich in die Militärblöcke des Kalten Kriegs, stecken geblieben? Und ehrlich, die zugegeben unsäglich arrogant und oberlehrerhaft daherkommenden Vorhaltungen des Herrn Quinn lediglich durch die links/rechts-, schwarz/weiß- oder progressiv/konservativ-Brille zu sehen, ist mir schlicht zu dogmatisch, also dumm.
Wenden wir uns aber jetzt vom Elend ab … widmen wir uns ganz und gar dem Glanz: Eine meiner Leib- und Magenbands (meine slowenische Familiengeschichte spielt hierbei gewiss eine Rolle), die aus der NSK (Neue Slowenische Kunst) entsprungene Formation Laibach, wird in VÖLLIG SCHWERELOS unter der Überschrift “Die totale Anwesenheit von Pop im Werk Gottes” – nein, nicht erwähnt oder beschrieben, nicht einmal gewürdigt, sondern regelrecht besungen, Gegenstand der Betrachtung ist nämlich das in jeder Hinsicht hervorragende Opus-Cover “Leben heißt Leben”.
“Eine slowenische Band hatte den englisch klingenden Pop-Song einer österreichischen Band genommen, den Nonsens-Text wortwörtlich ins Deutsche übertragen, um ihn sodann mit starkem Akzent zu singen. Die mehrfache Brechung brach den Bann. Der gordische Knoten wurde durchschlagen. Das gute, alte deutsche Pop-missverständnis wurde aufgelöst, das Ende der Geschichte erreicht.
Schön wär’s. Leider ging die Geschichte weiter. Eine Handvoll Punk-Musiker aus der ehemaligen DDR bekam Wind von „Leben heißt Leben“. Nach dem Mauerfall befreiten sie das Laibach-Konzept von allem, was daran intelligent und interessant war, und ersetzten die orchestrale Instrumentierung durch kreuzbrave Metal-Riffs. Mit rollendem R, Malen-nach-Zahlen-Texten und einem brachial-drögen Sound machten sie sich daran, die Rock-Welt zu erobern. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich später in der gebotenen Ausführlichkeit erzählen werde.” aus VÖLLIG SCHWERELOS (S. 252)
Apropos Steile Thesen – am 17. Juni gibts die auch live in der SFU Wien














