Über artarium

Seit Herbst 07 "das etwas andere Kunnst-Biotop" in der Radiofabrik und seit Anfang 09 daselbst "im Schatten der Mozartkugel" als Artarium unterwegs. Immer auf der Suche nach neuen Gästen, Themen und Gestaltungsformen... Hochfrequente Wortwetz- und Mundwerkskunnst zwischen Live-Unmoderation und Poesie-Performance. Psychodelikate Audiocollagenkunst, stimmungsexzessive Hörweltendramaturgie, subversiver Seelenstriptease, unverzichtbares Urgewürz und... In diesem Unsinn zeig ich euch einen tieferen! Ab- und hintergründige Neu- und Nettigkeiten aus der wundersamen Welt des Artarium, seinen Gästinnen und Hörerichen. Kunnst mi jo a gern hom :*

Bis man für mich spricht

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 13. November um 22:06 Uhr – Diesmal wird Misha Schoeneberg, Autor des soeben erschienenen Romans “Vielleicht wollte er gar nicht schweigen, er fand bloß die Worte nicht” (Mein Vater, Auschwitz und der 7. Oktober) gemeinsam mit dem Schauspieler und Sänger Michael Gerlinger bei uns in der Radiofabrik-Sendereihe Nachtfahrt der Perlentaucher zu Gast sein, einige Passagen aus dem Buch vorlesen und über Entstehung und Hintergründe mit uns sprechen. Zudem ist auch eine Radio On TV Ausstrahlung dieser Sendung auf FS1 vorgesehen. Sie trägt den Titel: “Bis man für mich spricht”. In dem Buch geht es um die Lebensgeschichte(n) seines Vaters, der das KZ Auschwitz überlebt hat, seiner Mutter, die in der Nazizeit beim Bund Deutscher Mädel aktiv war … sowie …

Bis man für mich spricht… von ihm selbst, der durch das Schweigen seiner Eltern über “jene Zeit” und durch ihre tiefe Traumatisiertheit geprägt wurde. Und nicht zuletzt darum, wie sich der Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 und auch die zunehmenden antisemitischen Umtriebe in Deutschland auf ihn selbst und auf seine Arbeit an dieser (Familien)Geschichte bis heute weiterhin auswirken.

Mir ist das im Entstehen begriffene Manuskript just zu jener Zeit “in die Hände gefallen”, als ich mich selbst gerade mit Leerstellen und Sprachlosigkeiten beschäftigte, die mir durch meine einerseits heimatvertriebene und andererseits naziverstrickte Familie verursacht worden waren. Von dem, was die mir alles verschwiegen haben, einmal ganz zu schweigen. Zum Glück konnte ich mit Mishas Lebenswerk, Schweigen in Sprache zu verwandeln, damals in einen Dialog treten. Dadurch durfte ich selbst erfahren, von welch traumatherapeutischer Bedeutung seine Arbeit eigentlich ist.

Platzhalter für das SchweigenAm 14. 11. um 19:30 findet sodann eine gemeinsame Lesung mit Liedern und anschließendem Publikumsgespräch in der Pizzeria No. 1 in der Alpenstraße 112 statt. Dort werden wir das Buch, den Autor und seine Geschichte(n) noch einmal vorstellen sowie dabei auch Gelegenheit zur persönlichen Resonanz bieten. Es ist uns ein persönliches Anliegen, dieses Werk möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, die sich mit den darin angesprochenen Themen beschäftigen und die vor allem auch an einer sinnvollen Weiterentwicklung dessen interessiert sind, was hier auf eine Art und Weise zur Sprache kommt, wie wir das so bisher noch nicht gekannt haben. Für mich steht dieses Buch, was das lebenslange Ringen um die eigene Sprache unter den Bedingungen eines traumatisierten Familienumfelds betrifft, auf einer Stufe mit Maja Haderlaps “Engel des Vergessens”. Und auch für all jene von uns, die wir solche und ähnliche lebensinfragestellende Erschütterungen unserer Eltern und Großeltern überlebt haben, kann es durchaus perspektivstiftend sein, und zwar in dem Sinn, dass wir (obwohl es sich doch immer wieder so anfühlt) nicht allein sind und sogar erleben: “Bis man für mich spricht” …

Bis man für mich sprichtNun unsere Bitte an euch: Laden wir gemeinsam zu den genannten Veranstaltungen ein! Lest und besprecht dieses Buch, empfehlt und verbreitet es weiter, helft uns dabei, “es unter die Leute zu bringen” … damit immer wieder aufs neue ein Dialog mit jenem Leben gelingt, das hinter dem Schweigen, hinter den Vorhängen und Fassaden, hinter all dem angeblich Normalen wirksam ist … in uns allen … Welchen Weg unser gemeinsames Interesse an den spezielleren Kriegsfamiliengeschichten, aus Opfer- wie aus Täterperspektive, bis zur aktuellen Begegnung zurückgelegt hat, das lässt sich am besten anhand einiger Artarium-Sendungen der letzten 3 Jahre nachspüren: “Der Krieg in mir” (transgenerationale Traumaweitergabe), “Unzerstörbar” und “Das Leben geht weiter” (erste Lesungen aus Mishas Manuskript) sowie “Engel des Erinnerns” (Rezension zum Erscheinen)  “Vielleicht wollte er gar nicht schweigen, er fand bloß die Worte nicht” …

 

Zum ersten Mal war Misha Schoeneberg im Herbst 2014 bei uns zu Gast, und zwar anlässlich des Erscheinens von POEM – Leonard Cohen in deutscher Sprache, ein Musikalbum, das seine von Cohen selbst autorisierten Textübertragungen in von verschiedensten Interpret*innen dargebotenem Gesang versammelt. So beruht “Bis man für mich spricht” auf einer Zeile aus seiner Fassung von “If It Be Your Will”

 

Traumfenster

 

Lost & Found Lyrics & Songs

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. Oktober – In welche Richtung fließt der Fluss der Zeit? Bilddenkmenschen verfügen ja über erstaunliche Fähigkeiten: Sie können in ihrer Phantasie die Geschwindigkeit des Zeitablaufs verlangsamen oder beschleunigen. Sie können in die jeweilige Sequenz hinein oder aus ihr heraus zoomen. Und sie können den ganzen Film auch an jeder beliebigen Stelle anhalten und ins Einzelbild hinein gehen. Man kann es drehen und wenden wie man will … und das können sie natürlich auch … eine inwendige Kameradrohne gepaart mit der Lust auf fortwährenden Perspektivwechsel ist keine Lernbehinderung, sondern eine Begabung, die wahrlich nicht jedem gegeben ist. Wollen wir also heute einmal zwei Zeitströme in einander entgegengesetzte Richtungen fließen lassen …

Lost & Found Lyrics & Songs

Am Almkanal – Foto: Ben-Luca Malzer

“Found Lyrics” wäre ein guter Titel dieses Sendungsversuchs, denn um das Wiederentdecken von längst erledigt Geglaubtem ist darin ein Reden und ein Hören und, zumindest was mich betrifft, auch ein Staunen. In Momenten zwischenmenschlicher Resonanz entstehen neue Sichtweisen auf das, was wir zu kennen meinen, von dem wir zu wissen glauben, wie es heißt, wozu es da ist und wie wir damit umgehen (sollen). Sichtweisen … sie umfassen in unserem Fall natürlich auch Hörgewohnheiten … wir hatten doch mal diesen Claim: “Ihre Ohren werden Augen machen” … sowie das ganze Spektrum von möglichen Sinneserfahrungen. Mein Neuland für diesen Versuch ist das Frühwerk von Pink Floyd (also alles, was vor der Trennung von Roger Waters zustande kam), verbunden mit den erstaunlichsten Entdeckungen der abgründig vielschichtigen Poesien in ihren Texten. “Found Lyrics” … soweit ist alles klar. Das alles regt mich dazu an, die Resonanz von Text und Musik hier auch noch einmal ganz anders zu untersuchen.

“berühren” … das ist das Wort, mit dem die Beschreibung gelingt. Sowohl von dem, was sich zwischen zwei Menschen, als auch von dem, was sich zwischen zwei Medien ereignet. Zwei verschiedene Transportgefäße, deren äußerste Verzweigungen die äußersten Verzweigungen des jeweils anderen “berühren”. Dazwischen ist das, was geschieht. Was entsteht. Was in ein zuvor nicht Dagewesenes übergeht. Aus dem ein Gemeinsames wird. Linda Sensenberger hat diesen zugleich aktiven wie passiven Vorgang, Zustand, Übergang in ihrem ersten Roman behutsam genug beschrieben:

 

“Leos Haarspitzen berühren meine Fingerspitzen. Meine Fingerspitzen berühren Leos Haarspitzen.”

 

Peter Gabriel nennt diesen Resonanzraum menschlicher Nähe “The Secret World”

 

Die in dieser Sendung zu hörenden Texte von Christopher Schmall und Norbert K.Hund entstammen den Sendungen Erlesene Kreationen (“Editorial mit Bernd und Maurice” ab 33:05 und “In Resonanz” ab 02:43:34) sowie Sarajevo, nicht nur 1914 (“Letzter Wille” ab 22:18) bzw. Das lyrische Wir – Tenebra (“Letzter Wille” in Musik von Maik & Pirmin Styrnol ab 18:43).

 

IN RESONANZ

 

Immanuel Kant im Café Bazar

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. Oktober – FRAGE: “Werden sie von ihren Kindern noch um Rat gefragt?” FAKT: “Laut Studien fragt nur noch die Hälfte der Kinder und Jugendlichen ihre Eltern, Lehrer oder andere nahe Erwachsene um Informationen oder um Rat bei all den Fragen, die das Erwachsenwerden so mit sich bringt.” GEDANKE: “Wie entwickelt sich eine Gesellschaft, deren nächster Angehöriger ein stochastischer Papagei, eine kalt berechnende Wahrscheinlichkeits-Software ist?” Solcherart kluge Überlegungen entnehmen wir dem Programmheft zur Salzburger Erstaufführung von Thomas Bernhards Immanuel Kant, wie gewohnt vielschichtig inszeniert von Cassandra Rühmling. Eine weitere Spezialität dieser Umsetzung zum 95. Geburtstag des Autors ist seine Salzburger Spielstätte: Das Café Bazar.

Immanuel Kant im Café Bazar by Foto FlausenWir konnten schon vorab einige Details dieser ungemein spannenden und zugleich visionär zeitgemäßen Inszenierung in Erfahrung bringen … und wollen jetzt in der Sendung dem gedanklichen Schwerpunkt der “transhumanen Unsterblichmachung durch künstliche Intelligenz” im Gespräch mit der Regisseurin noch näher kommen. Oder es zumindest versuchen, so wie sie uns die Arbeitsweise von und mit Thomas Bernhard beschrieben hat, “eine Reduktion der gedanklichen Essenz” durchzuführen. Es gibt nun einmal Menschen, die Eindrücke wahrnehmen, welche den meisten anderen gar nicht erst auffallen, und die sich aufgrund ihrer Gehirnstruktur (oder was auch immer) mit nichts anderem beschäftigen, als aus all diesen auf sie einwirkenden Informationen wiederum Zusammenhänge herzustellen. Und diese “weiter gefassten Spannungsbögen” oder eben auch “übergeordneten Zusammenhänge” gehören unbedingt dargestellt sowie allen Menschen zugänglich gemacht, zumal sonst ein wesentlicher Beitrag zur individuellen persönlichen Freiheit einfach fehlen würde … Cassandra, was ist bei deiner Arbeit an “Immanuel Kant” zu deinem Lieblingssatz geworden? … “Jedes Leben ist von der größten Tragweite.”

Im Programmheft heißt es außerdem: “Als Thomas Bernhard 1989 starb, gab es KI bestenfalls als feuchten Traum ambitionierter Science-Fiction-Autoren. Aber der große Dramatiker war immer gut darin, gesellschaftliche Entwicklungen aufzuspüren, vorauszusehen und sie gnadenlos zu kritisieren bzw. sie zur Kenntlichkeit zu entstellen.” Dazu fällt mir jetzt als anregende Weiterführung die bekannte TV-Serie Babylon Berlin ein. In der 3. Staffel kommt der Film “Dämonen der Leidenschaft” vor … Sein fiktionales Drehbuch speist sich aus durchaus realen Konzepten …

 

Man wird sehen.

 

Erlesene Kreationen

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. Oktober – Kreationen, das kann vielerlei bedeuten. Und vielleicht nicht immer das, woran wir zuallererst denken. So ähnlich wie bei Kompositionen, da denken die meisten wohl zunächst an Musik. Dabei können Kreationen wie Kompositionen vielerlei mehr sein: Kulinarische zum Beispiel, vom einzelnen Gang bis hin zum gesamten Menü. Oder aus verschiedenen anderen Kunstrichtungen herrührende Beiträge: Raumgestaltung und Bühnenbild, Inszenesetzung von Tanz, Film, Theater. Im Leben folgt alles einer Choreographie. Ein Bild komponieren, oder einen Text … womit wir beim zweiten Begriff angelangt wären, “erlesen”, nicht erst einmal als Beschreibung dessen verwendet, was jemand sich durch das Lesen anverwandelt … in sich aufnimmt und sich zu eigen macht …

Erlesene Kreationen 1Kaffeepause. Ein guter Kaffee ist doch ebenfalls eine auserlesene Kreation. Allein schon die Auswahl der Kaffeebohnen, ihre jeweilige Röstung, das fein abgestimmte Mischungsverhältnis und zuletzt eine so achtsame Zubereitung, die gar an japanische Teezeremonien denken lässt … Mmmm, einfach ein Gedicht! Sagt man doch so, wenns mehr als nur schmeckt, oder? Und dem werden wir heute nachspüren: Wie eigentlich aus besonderen Zutaten, also “erlesenen Rohstoffen”, ein aus dem allgemein Üblichen herausragendes Gesamtkunstwerk und eine all unsere Sinne beglückende und herausfordernde Eindrucksvielfalt entstehen kann. “Es muss Ambivalenzen geben.”, sprach der Weise (und wir wissen es nicht, ob er wusste, wie weise das war), denn genau darum geht es ab einer gewissen Erfahrung dessen, wie sich Liebe anfühlt: Gleichzeitig verschieden, aber im Zusammenklang. Glückselig und tieftraurig zugleich und mit beidem einverstanden: Es ist, wie es ist.

Erlesene Kreationen 2Unlängst ist eine 5. Staffel der auch von uns mehrfach zitierten Serie “Babylon Berlin” aufgetaucht und … Oh, mein whatever … da gehts jetzt einigermaßen verschroben zu! Und weil da einer meiner absoluten Lieblingsregisseure mitgestaltet, wollte ich unbedingt wissen, wie sich die ursprünglichen Kreationen des Autors der zugrundeliegenden Romanreihe beim unverfilmten Lesen in meinem Kopfkino zeigen würden. Und siehe oder besser erlebe (mit allen Sinnen) da – es begegneten mir nicht wenige geradezu verstörende Diskrepanzen. Nachdem ich das Gleiche bereits mit Tom Tykwers (jetzt ist es heraußen) Verfilmung von Patrick Süskinds Roman “Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders” gemacht hatte und dabei überwältigende Detailgenauigkeit in all der Üppigkeit der Bilderfluten festgestellt habe, können wir ja einmal über aus unserer Sicht gelungene oder missratene filmische Umsetzungen von literarisch erschaffenen Welten reden … Sprache kann mehr, als man glaubt.

Erlesene Kreationen 3Naturgemäß reden wir dabei nicht nur miteinander, sondern eben auch mit euch. Und wir lesen die Texte, die wir dafür auswählen, nicht nur einander, sondern eben auch euch vor. Woraus schlussendlich und in logischer Konsequenz folgt, dass wir die mitgebrachte Musik nicht nur spontan und je nach dem jeweiligen Gesprächsverlauf einsetzen werden, sondern sie auch im Hinblick darauf, was wir von euch an Unsichtbarem und “was nicht dingfest zu machen ist” wahrnehmen, zur erweiternden Abrundung unserer gemeinsamen, hoffentlich tiefergehenden Themenenverdichtung verwenden. Hier stößt Sprache, wie wir sie bisher kennen, zunächst einmal an gewisse Grenzen. Doch wir wären nicht wir, wenn wir nicht alles daran setzten, immer wieder aufs neue zu versuchen, über die bisher erfahrenen Grenzen hinaus unseren Gegenübern in so etwas, das man als umfassende Resonanz bezeichnen kann, zu begegnen – und mit ihnen – also auch mit dir, mit euch – zusammen in stimmiger Schwingung zu sein.

 

Frequenz ist schließlich keine Einbahnstraße … auch nicht im Radio …

 

The Dark Side Of The Moon

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Oktober — Zum 50. Jubiläum? Eines im Jahr 1973 erstmals erschienen Albums? Heuer? Nun, bei diesem im wahrsten Sinn epochemachenden Kapitel der Musikgeschichte soll in unserem Fall auch meiner persönlichen Erstbesteigung – besser gesagt Erstbehörung – im Jahr 1976 gedacht werden. So wie jedweder erstmaligen Begegnung mit diesem Stück musikalischen Selbstausdrucks, das jedesmal und für jede(n) eine Tür zu einer bislang so noch nie betretenen Welt öffnet. “The Dark Side Of The Moon” von Pink Floyd war das erste Konzeptalbum, bei dem die erzählte Geschichte sowie ihre klangliche Umsetzung eine vom Anfang bis zum Ende ineinander übergehende Einheit bildeten, dass die Assoziation mit den zwei Seiten des besagten Himmelskörpers unvermeidlich ist …

Pink Floyd - The Dark Side Of The MoonOder sind es gar drei Seiten? The Bright Side (Vollmond), The Dark Side (Neumond) sowie “Another Dark Side” (The Far Side of the Moon), nämlich die Rückseite des Mondes, die wir von der Erde aus nie zu Gesicht bekommen? Bei der psychologischen Vielschichtigkeit der auf diesem Album vermittelten Gedanken und Gefühle und bei all seiner musikalischen Komplexität drängen sich doch jede Menge an weiterführenden philosophischen Betrachtungen auf, die wir zuerst einmal jedem einzelnen System, das diese außergewöhnliche Erlebniswelt bereist, sowie seiner ganz individuellen Sicht zum Weiterspinnen überlassen wollen … Gemeinsam mit Ben-Luca Malzer, der mit diesem Album auf einem anderen Weg als ich in Berührung gekommen ist und dabei doch sehr ähnliche Erfahrungen gemacht hat (eine Tür öffnet sich und ein neuer Raum will betreten werden), entdecken wir das immer gleiche Phänomen des “in Resonanz Gehens” mit einer neuen Welt – einem Musikwerk der Extraklasse, das schon bei seinem ersten Erscheinen die Welt der Wahrnehmung verändert hat.

Dabei bleiben sowohl die äußeren, formalen Entwicklungsschritte der Band hin zu diesem wirklich bewusstseinserweiternden (Zeitzeugen bestätigen dies) Meisterwerk – etwa das Cover-Artwork von Hipgnosis oder die Entstehung des Gesamtsounds und “Echoes” – wie auch persönliche und gesellschaftliche Bedingungen – etwa Roger Waters‘ Verlusttrauma oder die allgemeine Depression nach den weithin als unvollendet empfundenen Aufbrüchen der späten 1960er Jahre – nicht unerwähnt. Der gemeinsame Nenner ist und bleibt, sich mit allen Sinnen darauf einzulassen.

 

Oder eben: “All you need is love … und genau so is es a.”

 

Takeshi’s Cashew

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. September – Dass es hier in nächster Zeit die eine oder andere musikalische Neuentdeckung zu erleben gibt, das hat sehr viel mit Hans Webersdorfer zu tun. Besser gesagt mit der nach ihm benannten Straße im Süden Salzburgs. Dorthin werde ich nämlich jetzt eine Zeit lang unterwegs sein. Und wenn man sozusagen “auf Reisen” ist, dann nimmt man ganz andere Eindrücke mit von dieser Welt, die da an einem vorüber zieht. Und man “sieht” auf einmal Details, “entdeckt” dahinter verborgene Geschichten und “erzeugt” (oder mediopassiv, es entstehen in einem) neue Verknüpfungen und Zusammenhänge, auf die man sonst nie gekommen wäre … Der kongeniale Soundtrack zu diesem Roadmovie kommt heute von Takeshi’s Cashew und heißt “Enter J’s Chamber”. Fare well, my love!

Takeshi's MahnmalIn der Hans Webersdorfer Straße steht ein eigenartiges Denkmal, das aus lauter Arbeitshandschuhen zu bestehen scheint. Bei näherer Betrachtung stellte sich mir die Frage, wie “die” das so derartig realistisch hingekriegt haben als Bronzeguss und so … Wie es der Zufall (oder die Regie des Lebens) haben will, traf ich kurz darauf einen Freund, der mir erzählte, dass er mit dem Schöpfer dieses Kunstwerks namens Benjamin Zsak gemeinsam die Bildhauer-HTL in Hallein besucht und sogar noch bei der Herstellung der Gussform mitgewirkt hat. Frage findet Antwort! Darüber hinaus erfuhr ich von ihm, dass besagter “Benji” nicht nur Banjo spielt, sondern auch Bass bei einem international erfolgreichen Musikprojekt namens Takeshi’s Cashew. Und deren Musik, die er mir nach unserem ersprießlichen Gespräch noch hinterher schickte, die berührt mich auf so ungewohnt angenehme Weise, dass ich sie schlicht nicht für mich allein behalten mag. Weshalb ich sie euch hier auch weiterempfehle.

Im MICA-Interview “Auskennen im Musikbusiness” erfährt man von Florian Feit (Woodwinds) einiges über den Werdegang der Multiinstrumentalistentruppe sowie deren Self-Learning-Odyssee durch die Wirrungen des Musikmarkts. Mich hat vor allem die Aufzählung der unterschiedlichsten Instrumente, die einige der Mitglieder da einsetzen, fasziniert: Benjamin Zsak und Lukas Zettl spielen etwa Gitarre(en) und dazu noch Synthesizer. Solches “Musik verstehen” aus Gitarrengefühl und zudem aus Keyboard-Soundigkeit heraus, das erzeugt einen ganz eigenen Klangteppich …

 

Welcome to my heart!

 

Austrodrama

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. September – Machen wirs kurz: Im Jahr 2025, als wir selbst gerade mit der Produktion unserer dokumentarischen Erzählung “IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” beschäftigt waren, geriet ein lieber Kollege, den ich noch aus seiner Salzburger Zeit kenne, in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Mwita Mataro hatte da soeben seinen Film “Austroschwarz” erfolgreich in die Kinos gebracht, dessen Themen und Hinterfragungen vor allem mich selbst zu ein paar Nachforschungen im Kolonialwarengeschäft meiner Vorfahr*innen inspirierte. Und so sollte Kunst unserer Ansicht nach funktionieren, dass sie immer auch Anregungen zu wiederum neuen und eigenen Verbearbeitungen anbietet. So stellen wir euch heute das auf Vinyl bereits erschienene Soloalbum “Austrodrama” von Mwita Mataro vor …

AustrodramaEinige der Songs daraus hat er auf seinem YouTube-Kanal (auch als recht schräge, launige Musikvideos) auch schon vorab veröffentlicht. Die komplette digitale Playlist wird sich dann noch bis zum CD-Release im Oktober Zeit lassen … Wir spielen jedoch bereits heute “das ganze Album”, zumal wir finden, dass es gehört gehört (danke, Wolf Haas). Wir, das sind diesmal Der kleine Ich und Ben-Luca Malzer, der mich auf erfrischendste Weise schon beim Digitalisieren der “Schallplatte” (yes, it’s analogue, so wie damals) mit seiner zeitlosen Hardware unterstützt hat. Was uns sogleich in die klanglichen Finessen des vorliegenden Musikwerks einsteigen lässt. Der Produktion hört man die langjährige Erfahrung des Sängers von At Pavillon im Funkpop Indierock whatever jedenfalls genreverschmelzenden Musikbetrieb deutlich an – und auch sämtliche am Zustandekommen von einem so runden und schillernd vielseitigen “Austrodrama” wie diesem Beteiligten tragen zu seinem Gelungensein bei. Allein die Texte, die ich bemerkenswert finde, könnten da für meinen Geschmack noch deutlicher klingen …

 

Zum Beispiel “Es begann alles mit Feuer”

 

Hast du’s kommen geseh’n, kommen geseh’n, kommen geseh’n?
Hör’s auf dir schönzureden, schönzureden, schönzureden
Du weißt, nichts wird, wie’s früher einmal war
Schau mich an, wenn ich mit dir red‘, schau mich an
Die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr
Sondern bunte Farbflecken, oder viel mehr
Bäume führen einen endlosen Tanz um uns rum

Es begann allеs mit Feuer, dann kam Strom
Es begann allеs mit Feuer

Es dampft aus dem Kopf, aus dem Kopf, aus dem Kopf
Du schaust zum Himmel auf, Himmel auf, Himmel auf
Beobachtest die Wolken, du schaust ihnen nach
Kann sein, dass sie von mir sind? Kann das sein?

Hören wir auf, in Metaphern zu reden
Hören wir auf, in Zahlen zu leben
Du weißt, es begann alles mit Feuer, dann kam Strom
Es begann alles mit Feuer

 

Mwita Mataro – Austroschwarz in progress

 

A Mediterranean Odyssey

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. September – Nach über 15 Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit schließt sich hiermit einer von nicht wenigen Kreisen, die eine spontan-assoziative, musik/textdramaturgische sowie themenvielfältige Arbeitsweise wie die unsere immer und immer wieder in neugieriger Bewegung gehalten haben. “A Mediterranean Odyssey” von Loreena McKennitt, ein ganzes Album, das im Zusammenwirken mit der Perlentaucher-Nachtfahrt zum Thema “Synästhetische Symphonie” zur Selbsterfahrung synästhetischer Phänomene einlädt, die in streng abgrenzenden Definitionen (entweder bist du im Schachterl drin oder eben draußen) nicht vorkommen: Das Entstehen von neuen Gefühlszuständen durch von äußeren Eindrücken ausgelöste Innenwahrnehmungen zum Beispiel.

A Mediterranean OdysseyOder auch die Möglichkeit, durch entsprechende Übungen neue und bisher nicht vorhanden gewesene Verknüpfungen von Nervenbahnen im eigenen Gehirn herzustellen. Ich erinnere mich da an einen in dieser Hinsicht ganz besonders begabten Musiklehrer, den ich in den 70er Jahren in der 5. Klasse Gymnasium erleben durfte. Professor Kaspar spielte uns die unterschiedlichsten klassischen und modernen und … Musikstücke vor – und stellte uns dabei jedes Mal die Aufgabe, die Augen zu schließen und darauf zu achten, was für innere Eindrücke (Bilder, Farben, Formen, Gerüche, Szenarien, Stimmungen, Geschichten …) wir in uns wahrnehmen würden. Und anschließend lud er uns dazu ein, die jeweiligen Wahrnehmungen mit ihm und der ganzen Klasse zu teilen. Sogar die wortkargsten Mitschüler*innen, die ich als irgendwie “emotional spröde” empfand, erzählten auf ein Mal von ihren inneren Erlebnissen. Bei mir selbst fand ich heraus, dass sich zunächst nur einzelne Eindrücke einstellten, die nach mehreren Versuchen zu ganzen Filmszenen wurden.

“A Mediterranean Odyssey”, wie überhaupt die Musik von Loreena McKennit ist für solche Experimente und Expeditionen (ins eigene Gehirn und dadurch auch darüber hinaus) ganz vortrefflich geeignet, weil sie so vieles ineinander verwebt, was unsere gewohnten und (von wem auch immer) normierten Vorstellungen von uns selbst und “von unserem Platz in der Welt” auflösen, fließend machen und neu (und vor allem selbstbestimmt) entdecken und dadurch bestimmen hilft. Hier begegnen sich uralte Weisheiten der keltischen Ursassen mit orientalischen Formen und Traditionen …

 

… und auch mit uns, wenn wir offen sind …

 

Synästhetische Symphonie

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. September – Liebes unsichtbares und doch auf merkwürdige Weise auch aus dem Studio heraus immer wieder lebendig wahrnehmbares Publikum … über Synästhesie als neurologische Normvariante hat die moderne “Wissenschaft vom Abstrakten” schon so einiges durchaus Interessantes herausgefunden. Uns allerdings interessiert vornehmlich, was wir in und mit unseren über willkürliche Normen hinaus varianten Gehirnen, überhaupt Nervensystemen (nennen wirs neuroplastisch, neurodivers, resonant, interaktiv, dialogisch oder whatever), was wir also in und mit unseren natürlichen Systemen an neuen Signalwegverschaltungen selbst hervorbringen und erfahren können. Wir spielen die Symphonie des Lebens auf dem Instrument, das wir sind.

Synästhetische Symphonie 1Und es spielt uns. Wie sehr sind wir das Lied des Lebens – oder haben wir es einmal “auf Pause” gestellt, um einstweilen irgendwas anderes “zu machen”? Finden wir jederzeit zurück “in den Flow” – oder haben wir uns (unser Ursprüngliches) auf unserem Weg woandershin – aus den Augen, aus dem Sinn, aus der Gefühlslandschaft – verloren? Sind wir von uns selbst entfremdet? Sind wir in unserem Innersten entkernt? John Lennon hat es sehr einfach gesagt (Oskar Haag) – in unserem Fall halt: “Life is what’s happening while you are busy making other plans and worrying about things that may never happen.” Während ich das hier schreibe bemerke ich ein leises Gefühl von Zuviel, einen ersten Anflug von “den Überblick verlieren”. Ein Gefühlszustand, in den ich leicht hineinkippen könnte und den der kleine Ich in seinen frühen Jahren bis zur Erschöpfung überlebt hat, wie wir zwei inzwischen wissen. Es ist angenehm, das jetzt gemeinschaftlich zu bekichern. In der Zwischenzeit hole ich mir einen Kaffee …

Synästhetische Symphonie 2… und sage zu mir: “Ich möchte ja eigentlich so schreiben, dass die Geschichte, die dabei entsteht, mir etwas Neues erzählt, etwas, wo ich bis jetzt noch nicht war.” Aus dem Dort, wo bis vor kurzem nichts zu hören war, sagt es vernehmlich: “Du musst halt das Kontrollkasterl ausschalten.” Und aus dem Da, wo ich, seit ich denken kann, gedacht habe, rebelliert es nicht mehr wie mit 13, 14 (ich kann mich erinnern): “Wo soll der Schalter dafür sein, du blöde Kuh?” Nein, es grinst in Übereinstimmung und sagt: “Gute Idee, machen wir so.” Und es weiß, dass es sich so viel leichter und entspannter anfühlt und dass wir sowieso keine Zeit mehr haben für ausführliche Umschreibungen aus der abstrakten Welt der sprachlich-analytischen Erklärketten. “Keine Zeit mehr haben” war übrigens der Trigger für das zuvorige Zuvielgefühl, bitte, danke! Und: “Sprache ist eine große Quelle für Missverständnisse.”, heißt es bei Saint-Exupéry. Auf die abstrakte Sprache ohne Körper trifft das wohl zu …

Synästhetische Symphonie 3Wir alle sind entwurzelt und haben manche Zugänge zum Lebendigen verloren, unter anderem deshalb, weil wir in einer “zivilisierten Welt” leben. Dadurch müssen wir im Lauf unseres Lebens Gefühlszustände und Wahrnehmungen abspalten, weil der Schmerz, der Schock, das Trauma uns sonst töten würden. In der modernen Zivilisation zu leben ist von vorn herein traumatisch, weil es den Verlust des Zugangs zu unserer Natur bedeutet. Das setzen wir in unseren Sendungen inzwischen als bekannt voraus. Wie aber eine Symphonie erst “funktioniert”, wenn alle Teile, aus denen sie besteht, vollumfänglich stattfinden – und von den Zuhörys (Phettberg) auch vollumfänglich wahrgenommen werden, so ist das mit unserem Leben als alleinige Menschen, zu zweit, in Gemeinschaften … und als gesamte Menschheit. Im Einklang mit der Natur bin ich, bist du, sind wir eine synästhetische Symphonie, in der alles in allem tönt, klingt, vibriert, leuchtet, sich anfühlt, bewegt, einfach stimmt.

 

Probieren wirs aus …

 

Die Hundeblume

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 30 August – Ein Mann sitzt im Gefängnis. Warum? Für wie lange? Man weiß es nicht. Das einzige, was wir wissen, ist, dass er in Einzelhaft ist und dass er sich dabei sehr genau beobachtet: “Und nun hat man mich mit dem Wesen allein gelassen, nein, nicht nur allein gelassen, zusammen eingesperrt hat man mich mit diesem Wesen, vor dem ich am meisten Angst habe: Mit mir selbst.” Einmal am Tag eine halbe Stunde in den Hof, das heißt immer in einer Reihe, immer in demselben Kreis, immer von denselben aggressiven Gefängniswärtern mit lautem Geschrei angetrieben. Sein einziger Lichtblick ist ein einsam blühender Löwenzahn, eine Hundeblume, wie man in Norddeutschland sagt, und an diesem einzigen farbigen Lebewesen inmitten all der grauen und grausamen Eintönigkeit hält er sich fest …

Die HundeblumeSie wird zum Objekt seiner Begierde und erst durch sie findet er – in einer Situation, die ihm nur aussichtslos erscheinen kann – zu einem neuen Ziel, auf das er sein ganzes Dasein ausrichtet. Die Geschichte, die hier erzählt wird, begleitet ihn dabei bis zur tatsächlichen Begegnung “mit dem Lebendigen”. In dem Moment, wo sich sein inneres Überleben und die äußere Wirklichkeit des Lebens berühren (das in seiner Hundeblume verkörpert ist), in dem Moment “erkennt sich das Leben im anderen selbst”. Und für den “lebendig Begrabenen”, dessen einzige Aussicht bislang das Zugrundegehen war, erschließt sich in einem zeitlosen Augenblick der eigentliche Sinn allen Lebens: “Er war so gelöst und glücklich, dass er alles abtat und abstreifte, was ihn belastete: Die Gefangenschaft, das Alleinsein, den Hunger nach Liebe, die Hilflosigkeit seiner zweiundzwanzig Jahre, die Gegenwart und die Zukunft, die Welt und das Christentum – ja, auch das!” Ihr könnt die ganze Geschichte hier lesen, sie heißt “Die Hundeblume”.

Geschrieben hat sie Wolfgang Borchert kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs, aus dem er sterbenskrank heimgekehrt war – als er bereits wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. An diesem Punkt seines Lebens entschied er sich, die ihm noch verbleibende Zeit zu nutzen, so viel als möglich von dem, was er selbst erlebt und überlebt hatte, zu verdichten und für die Nachwelt (uns) aufzuschreiben. Über sein bekanntestes Theaterstück “Draußen vor der Tür”, das noch in seinem Todesjahr 1947 auch als Hörspiel gefeiert wurde, haben wir im April eine Sendung gestaltet.

“Die Hundeblume” scheint mir jedoch noch dichter, noch wesentlicher zu sein. Weil sie nämlich einer grundsätzlichen Frage nachgeht: Was macht den Unterschied zwischen Untergehen und Überleben aus? Und dabei ähnliche Antworten gibt wie Viktor Frankls “Trotzdem Ja zum Leben sagen” – ebenso beglaubigt durch seine eigene Erfahrung: “Noch kurz vor seinem Tode erklärte Borchert, dass es diesen Hundeblumen-Mann gab, dass er 21 Jahre alt war und 100 Tage in einer Einzelzelle saß mit dem Antrag des Anklagevertreters auf Tod durch Erschießen.” (Wikipedia)

 

Walid Ben Selim & Agathe Di Piro – Live at the MuCEM, Marseille