Über artarium

Seit Herbst 07 "das etwas andere Kunnst-Biotop" in der Radiofabrik und seit Anfang 09 daselbst "im Schatten der Mozartkugel" als Artarium unterwegs. Immer auf der Suche nach neuen Gästen, Themen und Gestaltungsformen... Hochfrequenter Wortwetz- und Mundwerksmeister zwischen Live-Unmoderation und Poesie-Performance. Psychodelikate Audiocollagenkunst, stimmungsexzessive Hörweltendramaturgie, subversiver Seelenstriptease, unverzichtbares Urgewürz und... In diesem Unsinn zeig ich euch hier einen tieferen! Ab- und hintergründige Neu- und Nettigkeiten aus der wundersamen Welt des Artarium, seinen Gästinnen und Hörerichen. Kunnst mi eigntlich gern ham. So do mi - i di a! Bussal...

Die guten Kräfte – Eine Rezension

Artarium am Sonntag, 26. April um 17:00 UhrEs ist ein Buch entsprungen … Und wir haben uns (mit Vergnügen, das sei vorab gesagt) darauf eingelassen. Es heißt Die guten Kräfte” und entstammt den Schreibfedern von Walter Gröbchen und Thomas Mießgang. Bei diesen beiden Namen klingelt nicht nur irgendwas in meiner Erinnerung, da höre ich plötzlich irgendwo aus dem Hirnarchiv auftauchend längst vergessen geglaubte Musicbox-Beiträge aus den 80ern und 90ern wieder, die von Formulierlust und Sinnstimmigkeit geradezu übergehen – und die mir schon immer Lust aufs Selbstdenken und Selbstsprechen gemacht haben. Wo der Sinn stimmt und die Stimme sinnlich Resonanz zum Eigensinn erzeugt erklären uns die guten Kräfte die Welt: Liebe Kinder, ihr könnt ganz beruhigt sein. Ich bin wieder da

Die guten KräfteSo findet etwa Walter Gröbchen in seiner Betrachtung von Wilfrieds frühem Austropop-Beitrag “Ziwui Ziwui” solch tröstende Worte:

“Ein Song wie Ziwui Ziwui atmet pure Lebenslust, Zeitlosigkeit, Unschuld. Und radikale Menschlichkeit. Ziwui ziwui // ziwui ziwui // ziwui ziwui ziwuia // zibal zabal Zechnkas // es wiad scho hoiba druia – Zeilen wie diese schafft, bei Gott!, keine künstliche Intelligenz. Das ist so genial jenseitig, dass es einem die Fußnägel aufrollt. Ein Landler? Ein Juchzer? Ein Jodler? Ein dadaistisches Manifest? Egal. Kinder verstehen augenblicklich, wovon die Rede ist. Menschmaschinen verzweifeln daran.”

Koinzidenz! Da begegnen wir einander am Puls der Zeit: In unserer letzten Sendung über Wolfgang Borcherts “Formulierlust und Wortschöpfkunst” gerieten wir (ab 29:30) auch in eine Betrachterei darüber, was Künstliche Intelligenz zur Sprachzerstörung beiträgt, indem sie aus ohnehin schon einseitig funktionsreduzierter Sprache “lernt” und gaben diesem Essenzierungsprozess den Namen “Verblöddichtung”. Bitte. Danke. Guten Morgen! Es ist immer wieder so unendlich befreiend und ermutigend, anderen Menschen zu begegnen, die Sprache zur lustvollen Weltaufbereitung verwenden!

Genau das, nämlich gut recherchierte Hintergründe mit lebendigen Anekdoten und persönlicher – nein, nicht Meinung, vielmehr Haltung in einer Form zu verbinden, die immer wieder Lust aufs Lesen macht – und die erkennen lässt, dass es den Autoren beim Formulieren genauso gegangen sein muss: Sprache als gepflegte Kunstform. Sich selbst lustvoll auszudrücken und das Eigene wiederum anderen resonant zu vermitteln – dafür Inseln zu stiften ist uns nicht nur zutiefstes Bedürfnis, sondern zudem der schönste selbstgewählte Bildungsauftrag. Wir sind ein geiles Institut.

 

Handkuss

 

Mir geht es wie dem Borchert

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. April – Mir geht es wie dem Borchert. Naja, doch nicht so ganz. Aber schon auch irgendwie. Denn da will ein Text aus mir heraus, ein langer Text, für den ich (jedenfalls diese Woche) viel zu wenig Zeit habe. Und auch wenn es nicht meine Restlebenszeit ist, die da vor mir schwindet, so werde ich doch an seinem Ende mehr gesagt haben wollen, als mir jetzt möglich scheint. Wie machen wir nun aus dieser Not vielleicht sogar eine Tugend? Thomas Bernhard formuliert das in der Ursache so: “Aber ich deute nur an.” Was eine gute Herangehensweise ist an ein Thema, das so bodenlos abgründig ist, dass es einem sowieso lebenslang immer zu viel sein wird, von den nachfolgenden Generationen einmal ganz zu schweigen. Also versammle ich hier alle Andeutungen … und ihr könnt selber weiter suchen

Wolfgang Borchert - Draußen vor der Tür“Sag deinem Kumpel die Wahrheit, beklau ihn im Hunger, aber sag es ihm dann. Und erzähl deinen Kindern nie von dem heiligen Krieg: Sag die Wahrheit, sag sie so rot wie sie ist: voll Blut und Mündungsfeuer und Geschrei. Beschwindel das Mädchen noch nachts, aber morgens, morgens sag dann die Wahrheit: Sag, daß du gehst und für immer. Sei gut wie der Tod. Nitschewo. Kaputt.

Denn wir sind Neinsager. Aber wir sagen nicht nein aus Verzweiflung. Unser Nein ist Protest. Und wir haben keine Ruhe beim Küssen, wir Nihilisten. Denn wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bauen. Häuser müssen wir bauen in die freie Luft unseres Neins, über den Schlünden, den Trichtern und Erdlöchern und den offenen Mündern der Toten: Häuser bauen in die reingefegte Luft der Nihilisten, Häuser aus Holz und Gehirn und aus Stein und Gedanken …”

aus “Wolfgang Borchert – Das ist unser Manifest”

 

In der ARGEkultur findet am Donnerstag, 23. April, am Freitag, 24. April sowie am Samstag, 25. April jeweils um 19:30 Uhr eine Aufführung von Wolfgang Borcherts “Draußen vor der Tür” statt – in der Bearbeitung von Jakob Schulte und Johannes Brömmel, die “einen surrealen wie bedrohlich aktuellen Zugriff auf Wolfgang Borcherts berühmtes Nachkriegsdrama von 1947” ermöglicht. Thematisch abgerundet werden alle drei Abende durch die Hör-Installation “VOR UNSERER TÜR” im Foyer, wo die Besucher*innen “ein weiteres zeitgenössisches Echo auf das Stück” erleben können.

Ich habe es als Jugendlicher gelesen (geradezu verschlungen) und war zutiefst beeindruckt. Und zwar von der unmittelbaren Direktheit und Schonungslosigkeit, mit der da die Wahrheit über den mörderischen Krieg und die nach wie vor genauso lebensbedrohliche Nachkriegszeit gesagt wird, eine Wahrheit, die so wichtig ist für das Verstehen der eigenen Person und all dessen, was seither geschehen ist und noch heute geschieht sowie unter bestimmten Voraussetzungen (die wir auch nur verstehen, wenn wir die Wahrheit kennen) in der Zukunft geschehen wird

Eine Wahrheit, die mir von meiner Familie (die diesen Krieg und diese Nachkriegszeit noch selbst miterlebt hat) aus welchen Gründen auch immer weitgehend vorenthalten wurde. Doch auf einmal platzt eine lang versperrt gewesene Tür auf und ich denke mir: “Man kann über diese Dinge ja doch reden!” Und dann gibt es auch keine Grenzen mehr, von denen man geglaubt hat, dass sie existieren: Ein Traum erweist sich als ein Schlüssel für die reale Geschichte von der vermeintlichen Schuld. Gott tritt auf und … resigniert. Der Fluss kann sprechen … sie spuckt den Lebensmüden an Land

 

Ein in vielerlei Hinsicht herausragendes Werk, dem wir näher kommen wollen.

 

Breaking Glass (Film Soundtrack)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 12. April – Seit einiger Zeit tauchen sie wieder öfter auf, die 70er und 80er Jahre, speziell im Hinblick auf die radikalen Einflüsse von Punk, New Wave und D.I.Y. (“Do it yourself”) auf die Musikkultur jener Zeit und darüber hinaus auf weite Teile des Musik- und Kunstschaffens bis heute. Zeit für einen Zeitsprung oder Die Zeitkapsel ist hiermit eröffnet: Wir schreiben das Jahr 1980. In Großbritannien zerfällt die Gesellschaft in gewaltsamen Unruhen. Margaret Thatcher hetzt berittene Polizei gegen demonstrierende Arbeiter*innen. “Anarchy in the UK”. Die Hymne der Sex Pistols aus dem Jahr 1976 hat die Eskalation längst vorweg genommen. Punk mischt das kulturelle Selbstverständnis einer ganzen Generation auf. Und da erscheint der Film “Breaking Glass” mit Hazel O’Connor.

Breaking GlassProduziert von jenem Dodi Fayed, der 18 Jahre später zusammen mit Lady Diana bei einem Autounfall Im Jahr 1980 jedoch, genau an der Grenze zwischen gewohnten Rock-Strukturen und unerhörten Punk- und New-Wave-Sounds, im Umbruch der althergebrachten Verwertungsindustrien und noch bevor alternativ selbstbestimmte Lebens-, Öffentlichkeits- und Marktformen für Bands erfunden und ausprobiert werden konnten, da dazwischen – im Inbetween –erzählt sich uns die etwas andere Geschichte der No-Future-Generation in ihrem lebensbejahenden Kampf mit den verlogenen Verhältnissen, in denen sie sich auf ihrer Suche nach Liebe (was denn sonst, seit Anbeginn der Menschheit, seit jeder Geburt seither) zunächst fassungslos wiederfindet. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Protagonistin in ihren Versuchen, “die Welt da draußen mit ihrer Botschaft zu erreichen”, ganz ähnliche Erfahrungen macht wie Pink aus dem etwa zur selben Zeit und ebenfalls in England entstandenen Pink-Floyd-Opus “The Wall” – nämlich von der Menschenvernichtungsmaschine der Musikindustrie bis zum Zerbruch ausgebeutet und ausgewrungen zu werden.

Und auch die Rettungs- und Erlösungsphantasien aus der Nazibildwelt kommen bei beiden Hauptfiguren vor – wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Wobei man hier schon fragen kann, inwieweit die jeweiligen Erlöserposen“Die anderen als Lichtgestalt vor den Naziumtrieben retten” (Breaking Glass) oder “Zur Rettung der Gesellschaft selbst zum Diktator werden wollen” (The Wall) nicht zwei Seiten desselben Scheiterns auf der Suche nach Liebe sind, wie Arno Gruen das in dem Kapitel über linke und rechte Rebellen aus “Der Verlust des Mitgefühls” nahelegt.

“Then comes „Will You?“, the jewel. Tender, almost fragile, then broken open by saxophone. For me, it was the first time I realized Hazel could devastate as well as rage.”, schreibt Howard Salmon in einer Betrachtung des Soundtracks wie auch des Films und seiner Begleitumstände. Lesenswert! Und auch für mich als ein Perlentaucher in vielerlei Hinsicht ist dieser Song eine herausragende Kostbarkeit. Zeigt er doch die Feinfrequenz und Behutsamkeit auf, die uns allen in dem Moment der Resonanz eigen ist, wenn wir der Liebe (wieder oder zum ersten Mal) begegnen.

Nur von dort aus können wir maßnehmen (erkennen und feststellen) inwieweit Weltpolitik, Wirtschafts-, Gesellschaftsordnung, whateveroder wir selbstvom eigentlichen Leben abweichen. Es ist die Perspektive des Neugeborenen. Alles andere ist Breaking Glass.

 

Glaub nicht alles, was du denkst

 

Und überhaupt: Die Texte des Albums mit ihrer in biblisch-apokalyptischen Bildern verpackten radikalen Zivilisationskritik sind gut 45 Jahre nach ihrem Erscheinen allemal eine neuerliche Betrachtung und Interpretation (aus heutiger Perspektive) wert. Hier die komplette Tracklist mit sämtlichen Lyrics. Allein schon die Titel der Songs lassen Freunde und *innen der gepflegter Metapher interessiert aufhorchen: “Writing On The Wall” (Menetekel), “Monsters In Disguise” (Angepasstendiktatur) oder “Big Brother” (Kontrolle, Überwachung, Zensur). Ein zeitloses Aufbegehren.

In dieser Hinsicht hat Breaking Glass ein noch darüber hinaus weisendes und aus heutiger Sicht geradezu prophetisches Stück zu bieten, nämlich “Eighth Day”, ein an die biblische Vorlage angelehnter alternativer Schöpfungsmythos, in welchem der Mensch am vorletzten Tag “zu seinem Ebenbild” Maschinen erschafft, die am achten Tag durchdrehen und das biologische Leben auf dem Planeten zerstören. Soweit, so gruselig. Passt allerdings, wiewohl vor 45 Jahren ausgesagt, erstaunlich präzise in die derzeitige Diskussion rund um die Gefahren künstlicher Intelligenz:

 

In our image, let’s make robots for our slaves
Imagine all the time that we can save
Computers, machines, the silicon dream
Seventh he retired from the scene

And he said, “Behold what I have done
I’ve made a better world for everyone
Nobody laugh, nobody cry
World without end, forever and ever”
Amen, amen, amen

On the eighth day machine just got upset
A problem man had never seen as yet
No time for flight, a blinding light
And nothing but a void, forever night

He said, “Behold what man has done
There’s not a world for anyone
Nobody laughed, nobody cried
World’s at an end, everyone has died”
Forever amen, amen, amen

 

Na dann, Gute Nacht

 

Menschenvernichtungsmaschine

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 10. April – Was für ein Wort – und wie es zustande gekommen ist. Es trifft ein jedem Menschen innewohnendes Grundgefühl, ungeachtet dessen, ob das nun verdrängt, verleugnet, verboten oder unterdrückt ist. Die Diktatur der guten Laune herrscht doch nicht nur irgendwie “da draußen”, sie findet zugleich auch in uns allen statt. Um es persönlich zu sagen: In dir – in dir – in dir – und in mir. Ein Gefühl unentrinnbaren Ausgeliefertseins, das in den frühesten Erfahrungen des Nichtselbstseindürfens erstmals erlebt wird und das von da an immer wieder auftaucht, sobald von uns Anpassung an die Übermacht verlangt wird, die wir als gegen unsere Lebensinteressen gerichtet erkennen. Doch hätten wir diese Gefühle nicht von uns abgespalten, hätten wir das nicht überlebt.

Menschenvernichtungsmaschine 1

© Zum goldenen Lamm (Film: Freistatt)

Eine solche Begegnung mit der gewaltsam Anpassung fordernden Funktionsmaschinerie zeigt der Film “Freistatt” auf eindrucksvolle Weise. Doch offensichtlich ist die schwarze Pädagogik wohl kein Phänomen, das der einen oder anderen Zeitepoche punktuell zuzuordnen wäre. In Michael Hanekes Film “Das weiße Band” wird die umfassende Durchdringung der gesamten Gesellschaft mit den gleichen Vorgehensweisen gegen das Lebendige in Kindern zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezeigt. Und die Salzburger Pädagogin Sabine Seichter deckt in ihrem Buch “Das normale Kind” deren Fortbestehen in heutigen Erziehungsmethoden auf. Soviel erstmal zu der diese unsere Sendung umgebenden Mentalitätslandschaft. In dieses Setting setzen wir unser Set aus Musik, Stimmungen, Texten und Gesprächenunseren kleinen Koffer mit Werkzeugen zur Reparatur der Welt (Tikkun Olam)

Menschenvernichtungsmaschine 2

© Zum goldenen Lamm (Film: Freistatt)

Ein Kind kommt in einen Kindergarten und erlebt dort etwas so Schreckliches, dass es zunächst seine Wortsprache verliert. Zugleich erlebt es etwas so Schönes, dass es ein Bild zeichnen kann, in dem nicht nur seine eigenen Gefühle, sondern zudem die seiner Familie sowie alle Wirklichkeit(en) der Welt enthalten sind. Und als ob das nicht schon Wunder genug wäre, hat es auf ein Mal auch sämtliche Worte wieder, um seiner Mutter die ganze Geschichte des Bildes zu erzählen: “Das ist die Menschenvernichtungsmaschine …” Was das Schöne war, das es zuvor im Kindergarten erlebt hat und das es zu dieser Entwicklung befähigte, diese “geheimnisvolle Ressource”, das will ich noch nicht verraten. Das werde ich in der Sendung erzählen und ihr könnt dabei, wie wir zu sagen pflegen, gut zu hören. Das Kind nämlich bin ich selbst und es ist meine eigene, wunderbare Geschichte.

Menschenvernichtungsmaschine 3

© Zum goldenen Lamm (Film: Freistatt)

Die Erinnerung an die Erlebnisse im Kindergarten sind mir erst unlängst wieder aufgetaucht. Aber das Bild und die damit verbundene Geschichte, das hat sich mir seit damals dermaßen eingeprägt, dass ich es auch früher schon immer wieder abrufen konnte. In Verbindung mit dem “schrecklichen Schweigen” meiner Familie, etwa für die Sendung “105 Jahre Marko Feingold” oder in Bernhard Jennys Buchprojekt “100x NIE WIEDER …” Doch diese eine Bedeutungsebene, die auf die Verbrechen des Nationalsozialismus verweist, ist nur eine von mehreren, die in diesem einen Augenblick glückhafter Selbstbegegnung enthalten sind. Und ich bin mir sicher, dass da noch einiges mehr an Zuordnungen und Verknüpfungen im Synapsenlabyrinth zustande kommen wird. Es geht dabei darum, sich selbst wieder zu spüren sowie die Verbindung wieder aufzunehmen, die damals abgerissen ist.

Die Menschenvernichtungsmaschine ist ein wiederkehrendes Motiv. Es zeigt uns zutreffend den Zustand der “zivilisierten” Welt auf. Ein individuelles Schicksal muss es allerdings nicht sein.

 

WOMAD (Peter Gabriel Live 1982)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 29. März – “It was a simple idea; to create a festival out of all the brilliant music and art made all over the world, stuff made outside of the mainstream – music that wasn’t getting on the radio and was even harder to find in record stores …” Dem können (und wollen!) wir abhelfen. Weil der Liveauftritt von WOMAD-Mitbegründer Peter Gabriel aus dem Jahr 1982 jüngst liebevoll überarbeitet als Download-Album veröffentlicht wurde, spielen wir es, in einer Reihe von Peter-Gabriel-Arbeiten, die unsere Sendungen seit Jahren immer wieder inspirieren, begleiten, befruchten … Über die Vielseitigkeit seiner kreativen Arbeit haben wir hierorts auch schon vieles gesagt, also wollen wir uns heute mit seinem Engagement für eine egalitäre Weltkunst und Weltmusik beschäftigen.

Peter Gabriel Live at WOMAD 1982Ich erinnere mich noch gut, was für eine plötzliche Gefühlserweiterung ich beim erstmaligen Hören der “Drums Of Makebuko” erlebte – und seitdem begreife und schätze ich Peter Gabriels Beitrag zu einer Neuentdeckung Afrikas und noch darüber hinaus zu einer wirklich spannenden Neuentdeckung der Welt. Die bis in die Gegenwart wirkende Lebendigkeit rund um Konzept/Idee der Gründenden – das erste WOMAD war kommerziell ruinös – der Gegenentwurf zu den schon von Pasolini vorhergesagten und von Ignacio Ramonet auf den Punkt gebrachten Globalitären Regimen, die auf nichts anderes abzielen als die Einebnung aller Kulturen, die Entlebendigung aller Menschen und die Verdinglichung (also beherrschbar und ausplünderbar und für Geld/Machtgewinn verkäuflich/handelbar machen) allen Lebens, dessen sie auch nur irgendwie habhaft werden. Habhaft werden, dingfest machen, einsperren und für eine imaginierte Größe (“Ich bin eine gute Mutter”, “Make Deutsches Reich great again”, “Weltmarktführer”) enteignen, entselbsten, entlebendigenmissbrauchen!

Der Gegenentwurf besteht darin, das Eigene, das hinter der Angstgrenze nach wie vor bestehende Unverletzte, Unzerstörte, das dem Überleben zugrunde liegende Leben wieder gleichrangig, gleichberechtigt, “auf Augenhöhe” mitbestimmen, mitentscheiden, mitgestalten zu lassen. Den Geschichten, die es uns erzählt, zuzuhören. Seine Lieder zu lernen und gemeinsam zu singen. Die Bilder, die es zeichnet, wieder in uns aufsteigen zu lassen und zusehen, woraus sie entstehen. Und den Tanz des Lebens zu feiernzumalsind wir das alles nicht selbst?

 

WOMAD – World of Music, Arts and Dance

 

Binario Due

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. März – Binario bedeutet im Italienischen Bahnsteig oder Bahngleis und dient uns hier als Metapher für unsere Begegnung mit dem Nichtbinären. Binario Due bedeutet also, dass es nicht mehr nur eingleisig weiter geht, auf einer einzigen eingleisigen Strecke, die genau zwei festgelegte Schienen hat, rechts/links, schwarz/weiß, männlich/weiblich. Nein, da ist noch mindestens ein anderer Bahnsteig, von dem aus Reisen in ganz andere Richtungen möglich sind. Diese anderen Geleise bestehen zwar wiederum aus jeweils zwei Schienen … aber nicht einmal hier endet unsere Metapher: Biologisch bestehen wir ja alle aus zweiDer Umgang mit nichtbinären Geschlechtsidentitäten regt zur Selbstbestimmung an in einer von Rollenklischees und Geschlechterstereotypen eingeengten Welt.

Binario DueZur Klarstellung vorweg: Wir wollen in dieser Sendung einfach ein paar Beispiele aufzeigen, wo sich erste Risse im vermeintlich so festen Definitionsgefüge bilden (und Definition ist ja immer auch Herrschaft, wie uns Begriffe wie “Definitionshoheit” verraten). Und wir wollen auch zu ein paar “anderen” Denk-, Sicht- und Wahrnehmungsweisen einladen, die uns Mut machen können, neue Wege auszuprobieren. Dies alles, weil wir selbst erfahren haben, wie weh es tut, in ein Korsett, eine Zwangsjacke oder ein viel zu enges Schachterl gezwungen zu werden, nur weil jemand anders damals geglaubt hat (oder immer noch glaubt?), das müsste so sein. Wir aber sind in between

Irgendwann in den 70er Jahren tauchten ein paar langhaarige Familienväter in der Welt des Progressive Rock auf, die auf eine angenehm andere Art als sonst üblich von Liebe und Beziehung sangen. Nicht in der hörgewohnten Weise, dass es sich, wenn zwei Menschen zusammen kommen, natürlich nur um einen eindeutigen Mann und eine eindeutige Frau handeln kann, Yeah Baby, was denn auch sonst? Das war die damals aus allen Schalltrichtern auf eine/n eintönende “Normalität”, die jeder nicht heteronormative Mensch als zutiefst verletzende, penetrante Propaganda erlebte.

Die inzwischen nicht mehr ganz so langhaarigen Familiengroßväter der Rockgruppe YES stellten innerseelische Entwicklung und zwischenmenschliche Beziehungen jedoch jenseits der Chiffren und Codes dar, die mit angeblich selbstverständlichem Mannfraupimperanto assoziiert werden. Das war (und ist) dermaßen wohltuend, dass deren Altersdarbietung von “And You And I” Live in Montreaux hier bestaunt gehört. Und die Bilder, die es beim Hören aufsteigen lässt, unserer Phantasie zur Erweiterung ihrer Möglichkeitsformen beim UmGestalten unseres Selbst dienlich sein mögen …

In den 80er Jahren beschrieb Peter Gabriel das “Geheimnis eines wirklich guten Lovesongs”. Es gehe dabei darum, dass nicht explizit ausgedrückt werden dürfe, ob es sich bei der besungenen Liebe um die zwischen einem Mann und einer Frau oder zwischen zwei sonst irgendwie anderen Menschen oder überhaupt zwischen zwei Lebewesen handle. Das müsse unausgedrückt offen und so der Imagination der Zuhörenden überlassen bleiben, damit es ein wirklich wesentliches Lied über die Liebe sein könne. Umfassend inklusivund so wahr: “Love To Be Loved”

Irgendwie kommen wir noch in die GegenwartAuf einer spirituellen Reise zum Geist des Widerstands, der wie “da Wind in die Bam” durch unsere Träume weht, womöglich? Jedes Beharren auf “den eigenen Sinn” und somit auf “die eigenen Sinne” ist ein Akt des Widerstands und der Keim eines Aufbruchs: “Il prossimo treno parte dal binario due.” Der nächste Zug fährt von Gleis zwei. Wir sind viele und unsere Möglichkeiten sind unendlich. Die wahren Abenteuer sind im Kopf weil die wahren Veränderungen zuerst in uns selbst stattfinden. Also dann

 

Gute Reise!

 

Querschläger Gegenwind 35 / 900

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. März – Nunmehr, was wäre Werbung in einem nichtkommerziellen Medium? Und wenn ja, wie könnte das ausschauen oder besser noch, sich anhören? Schließlich sind wir ja im Radio und “Das Beste gibt es nicht zu kaufen.” Bewirkt solch Vorhaben nicht gehörigen Gegenwind? Mitnichten. Denn “auf etwas aufmerksam machen” und “anderen davon erzählen“ – ja, auch “das, womit man gute Erfahrungen gemacht hat, anderen nahebringen wollen” und “es daher weiter empfehlen” – all das bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn “für etwas die Trommel rühren”, also ganz allgemein “dafür zu werben”. Und so wollen wir heute für eine weit jenseits des Durchschnittsblues und der verflachten Texte agierende Musikkapelle werben, die uns schon seit einiger Zeit begleitet.

Querschläger - Gegenwind 35_900Die Rede ist von der Lungauer Band Querschläger und weder sie noch ein Vertrieb, eine Agentur oder ein Veranstalter haben uns für dieses Unterfangen auf irgendeine Weise bezahlt, begütert oder begünstigt. Darauf käme es nämlich an bei der “kommerziellen Werbung”, der wir uns aus guten Gründen enthalten – auf die jeweilige “Gegenleistung”. Und da finden wir uns auf einer Linie mit den sympathischen Nichtangepassten wieder, die ihr feines Jubiläumskonzert aus dem Salzburger Landestheater (vom 10. Oktober 2025) nicht nur in beachtlicher Tonqualität aufgenommen haben, sondern sämtlichen Verwertungsinteressen zum Trotz als Gratis-Download verfügbar machen. Naturgemäß bewerben sie auf diesem Konzert auch ihr aktuelles Album “Gegenwind”, das tun wir hiermit genauso – völlig gegenleistungslos, versteht sich. Ihr Kommentar zur Geldübermacht, die sich gegen jede Selbstbesinnung/Selbstbestimmung richtet, ist hier nachzulesen und geht so:

 

“glabst den schmårrn und trotzdem kimmst vom regn in de traufn
weil da teife weil da teife scheißt en greaßan haufn”

 

Wie das alles zusammenhängt mit dem uns seit Jahrhunderten gefickt eingeschädelten Schmårrn, der Kirche, den Nazis und den Brüdern Grimm, das wollen wir in unserer nächsten Perlentaucher-Nachtfahrt mit dem Titel “Eigensinnig” noch eingehender untersuchen. Die Querschläger jedenfalls, so viel steht fest, sind im allerbesten Sinn “eigensinnig” – das lässt sich nicht nur in den Texten von Fritz Messner nachlesen, das lässt sich auch in der 35jährigen Bandgeschichte mit über 900 Konzerten und 17 Tonträgern (Bootlegs nicht mitgerechnet) nachvollziehen. Daher also 35 / 900

 

Für die heutige Sendung in der Reihe “Das ganze Album” werden wir einige Stücke aus diesem Programm – sowohl neueste Gegenwind-Lieder als auch alte Hådern – auswählen, so dass ihr Lust aufs gesamte Jubiläumsmenü bekommt … Mahlzeit!

 

Eigensinnig

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. März – Was ist das“eigensinnig sein” … und was kann es für die Entwicklung des Menschenwelpen zum vollausgebildeten Homo sapiens bedeuten? Unlängst tauchte aus den Untiefen der europäischen Kulturgeschichte ein ebenso erschreckendes wie erhellendes Dokument (wieder) auf, nämlich eines der kürzesten Märchen aus der berühmten Sammlung der Gebrüder Grimm mit dem Titel “Das eigensinnige Kind”. Einmal abgesehen davon, dass dies der faktische Beweis dafür ist, dass die Nazis nicht einmal die “schwarze Pädagogik” selbst erfunden haben, offenbart diese bis aufs äußerste verdichtete Geschichte alle Elemente der von Generation zu Generation zur Seelenabtötung und Kindeszerstörung angewandten Unterwerfungsgewalt.

Eigensinnig 1“There must be some kinda way out of here …” Oder etwa nicht? Wollen wir einmal innehalten und uns die verschiedenen Aussagen in dem erwähnten Märchen genauer anschauen. Und ja, wiewohl der Text äußerst knapp ausfällt, enthält er doch in aller Kürze eine Vielzahl von Informationen, die uns exakt erklären, wie und wodurch ein Kind von seiner Mutter in Verbindung mit all den Gegebenheiten, denen sie wiederum unterworfen ist, als mögliche eigenständige Person … umgebracht wird. Der Vater, der in dem Text nicht erwähnt wird, spielt als vermittelnde Schnittstelle zwischen Mutter und Gesellschaft, als Übersetzer zwischen seiner Familie und der Außenwelt meines Erachtens eine ganz fatale Rolle. Im patriarchalen Kontext (Familienoberhaupt etc.) der Märchensammlung (erschienen im Jahr 1840) steht er für die Durchsetzung jener Werte und Normen, die von der Herrschaftsordnung in Kirche und Staat vorgegeben sind – und eingefordert werden. Und zwar mit Gewalt:

Eigensinnig 2“Wenn du nicht so bist, wie wir das haben wollen – und wenn du nicht das tust, was wir von dir haben wollen – dann kommt der liebe Gott und bringt dich um.” So übersetzen wir die Aufforderung zur Selbstvergewaltigung, der man ja vielleicht zu entkommen glaubt, indem man gehorcht und wieder andere vergewaltigt.

Lesen wir dazu jetzt den Text des Märchens im Original und lassen wir ihn auf uns wirken:

“Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.”

Outrage von Kerosin95 und Ozive

Eigensinnig 3Die Begegnung mit diesen beiden im besten Sinn politischen Künnst … schaffenden nach ihrem Konzert in der ARGEkultur war inspirierend für die heutige Auseinandersetzung mit der Frage: “Was ist eigensinnig genug für ein eigenes Leben?” oder auch “Was macht so eine möglichst eigenständige Person eigentlich aus?” Und genau da, wo Phantasie und Realität ineinander übergehen, wo die vermeintliche Verbotsgrenze zu einer tatsächliche Erlaubniszone wird, genau da wollen wir noch ein paar Betrachtungen zum “eigenen Sinn”zu den “eigenen Sinnen” anstellen. Beginnen wir mit “bei Sinnen sein” ebenso wie “seine Sinne beisammen haben”, was ja nichts anderes als das Ergebnis eines “zu sich kommens” veranschaulicht. Laut den Forschungsergebnissen von Joachim Bauer über Spiegelneuronen und Resonanzphänomene ist Eigensinn nicht nur sinnvoll, sondern grundlegend für unsere Entwicklung”. In diesem Sinn möchten wir dann auch “eigensinnlich” sein …

 

Wir alle sind die Radiofabrik

 

Kein Zurück – Fürs Klima ins Gefängnis

< Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. März – Vor einiger Zeit sind wir gefragt worden, ob wir nicht anlässlich des Internationalen Frauentags wieder einmal ein besonderes, also ein themenspezifisches, auf die Inhalte dieses (bei uns auch als Feministischer Kampftag bekannten) Tages bezogenes Programm gestalten wollen. Koinzidenterweise sind wir gerade unlängst einem sehr besonderen Radiobeitrag begegnet, den wir sowieso gern mit euch teilen und so weiter verbreiten möchten, nämlich dem Feature von Radio Radieschen mit dem Titel “Kein Zurück: Fürs Klima ins Gefängnis”, das mit dem 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung, und zwar in der Kategorie “Nachhaltigkeit und Zukunftskompetenzen”, ausgezeichnet wurde. Das Feature-Format “Hörfeld” empfielt sich – und wir empfehlen es heute weiter:

Radio Radieschen - Kein Zurück: Fürs Klima ins GefängnisDas Portrait einer jungen Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht und gegen alle Widerstände ankämpft. Sie soll davon abgebracht werden, die von ihr erkannte Wahrheit über die Gefährdung unseres Lebens mit den ihr zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln aufzuzeigen und die sie umgebende Gesellschaft aufzurütteln, endlich etwas gegen die fatalen Konsequenzen einer Politik zu unternehmen, deren Grundhaltung sie als zutiefst menschen-, lebens- und somit naturverachtend begriffen hat. Als “Verfügbarmachung allen Lebens zur verwert- und handelbaren Sache”, woraus ja folgt, dass alles Leben (Mensch und Natur) hinfort als jemandes Eigentum gilt, mit dem eben alles gemacht werden kann, was immer der Absicht und dem Willen der Eigentümer entspricht. Das bedeutet auch, dass durch diese Sichtweise (die längst eine Verfahrensweise ist) Natur verdinglicht wird, man kann mit ihr machen, was man willLeben verdinglicht wird, man kann mit ihm machen, was man willund Menschen verdinglicht werden, man kann mit ihnen machen, was man will

Die Verdinglichung von Menschen, sie zu einer Sache zu machen, über die man nach Belieben verfügen kann, das beschreibt der Philosoph Vilém Flusser in dem Vortrag “Der Boden unter den Füßen” als Kennzeichen jener Entmenschlichung”, die wir in den Verbrechen der Nationalsozialisten erkennen können, als besonders dramatisches Beispiel im Holocaust und da im mittlerweile zur Chiffre gewordenenen Symbol Auschwitz. Da er diese drastische Gestaltwerdung des Destruktiven als unserem zivilisatorischen Denken immanent begreift, ist dies auch kein Vergleich.

Der Versuch, “die jüdische Rasse in Europa zu vernichten” (Adolf Hitler), und die Bedrohung des Lebens der Menschen (psychisch noch halbwegs gesund sowie in unzerstörter Natur) durch den Klimawandel, diese beiden Ereignisse sind nicht vergleichbar. Umstände und Bedingungen zu ergründen, welche zu derartigen Auswüchsen führenund darin womöglich Parallelen zu finden, das sollte allein schon deshalb getan werden, weil es uns ermöglichen kann, wieder mit uns selbst, mit einander und mit dem gesamten Leben (was immer das ist) in Dialog zu treten.

 

Es gibt keinen Dialog ohne gedeihliches Gesprächsklima.

 

Respekt und Vertrauen.

 

Und Resonanz.

 

Das Herz ist ein Muskel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. Februar“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust” vom Hamburger Musikkollektiv Früchte des Zorns ist eines jener Lieder, auf das wir uns mit unserer langjährigen Radiokollegin Rosi Krenn jederzeit hätten einigen können. Die unermüdliche Beschützerin und Ermutigerin jeglicher Art von normabweichenden, unangepassten, speziellen, diversen und auch sonst “in keins von den üblichen Schachterln passenden” Lebensentwürfen ist vor kurzem und also leider viel zu früh von uns gegangen. Wenn man sie – ob ihres vielfältigen Engagements für so viele – als jemand beschreiben möchte, die (in den Worten von Roxy Music) “Both Ends Burning” war, dann darf man auch sagen, dass es für das Licht der Welt besser gewesen wäre, wenn sie noch etwas länger geleuchtet hätte …

Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust

Freiheit statt Schubhaft – Foto: Rosi Krenn

Kennen gelernt haben wir uns im sogenannten “Streiklager” der Aktion Freiheit statt Schubhaft. Während der Jugoslawienkriege flüchteten Kriegsdienstverweigerer (natürlich illegal, wie auch sonst?) zu uns nach Österreich. Sie sollten nach damals “Restjugoslawien” zurück abgeschoben werden, wo ihnen als Deserteure, also wegen “Fahnenflucht”, oftmals sogar die Todesstrafe drohte. Ein Umstand, der die Rosi bis ins Herz verletzte, was sie auf dieser mehrmonatigen Dauerkundgebung nach außen hin immer wieder in aller Drastik und Deutlichkeit zum Ausdruck brachte. Nach innen jedoch verströmte sie eine inspirierende Atmosphäre von Wohlwollen und Gastfreundschaft, die ich rückblickend als angenehm bestätigend und zugleich als in sehr einladender Weise herausfordernd empfand. Langsam wird mir klar, was für einen wesentlichen Beitrag sie dadurch auch zu meinem ersten Radioauftritt im Ö1-Feature “Im Schatten der Mozartkugel” geleistet hat, welches dort in ihrer Gegenwart aufgenommen wurde.

Und sie lebt sogar im Untertitel dieser Sendereihe weiter: Die Idee dafür, was ein Kunst- beziehungsweise Kunnst-Biotop eigentlich ist und wie sich sein Sinngehalt, seine Bedeutung beschreiben ließe, entstand damals auch unter ihrer Mitwirkung:

“Und das, was wir unter Kultur verstehen, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar ist mit einem Biotop. Das vergleichbar ist mit einem kleinen Tümpel, mit einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das. Und denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen – und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Nur folgerichtig wurde ihre Sendung “Radio Stachelschwein” dann fast genau 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung im Rahmen der Feier “15 Jahre Radiofabrik” 2013 mit einem Radioschorsch für “Soziale Visionen und deren Verwirklichung” ausgezeichnet. Und – hier schließt sich dieser Kreis – ich durfte diesen Preis damals überreichen und auch die entsprechende Laudatio halten. Wenn ich mir überlege, was ichvor allem zu Rosis Wesensart und Gestimmtheitnoch sagen könnte, dann möchte ich diesen Ball jetzt an euch weiterspieleneine kleine Aufgabe: 

Lasst uns einen Moment lang gemeinsam innehaltenund den ganz am Anfang dieses Artikels zitierten Songtitel (der ihre Wesensart, wie ich meine, recht gut auf den Punkt bringt) wie einen einfachen Satz auf uns wirkenWas spüren wir da? Was hören wir in uns? Was erzählt erüber das Leben?

 

“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust.”

 

PS. “Nichts ist vergeblich.”