Emotional Overdose (Norbert)

Podcast/Download: Die Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 11. November – gscheit heftig und ordentlich tief! Als Kontrapunkt zum vorab stattfindenden Festmahl der Radiofabrik packen wir ab 22:00 gefühlsgrenzwertiges wie emotional überforderndes Musik- und Stimmungsmaterial aus. Speziell die Untiefen des Norbert’schen Lebensarchivs wollen – passend zu einer beginnenden oder bevorstehenden Herbstdepression – wieder einmal einen Soundtrack zur Sinnkrise hervor rülpsen und euch den passenden Wandbehang zum Weltschmerz in die Existenz montieren. Existenzialismus ist Extrembergsteigen im eigenen Inneren, ist Fährten- und Gefährtensuche trotz aller Gefahr, ist Abenteuer, Grenzerfahrung und Lebendigkeit im Hier und Jetzt.

Es war auch einfach wieder mal notwendig nach all dem Inbetweenigen, Inklusiven und Integrativen der letzten Sendungen, das gute alte Grundbedürfnis nach dem Abfeiern des Abgrunds und dem Zelebrieren der Zerrüttung auszuleben. Erstaunlicherweise dient es ja der melancholischen oder schwermütigen und zur Depression neigenden Seele als Ritual der Reinigung und Selbstheilung, sich im Singen von Einsamkeits- und Verlassenheitsliedern zu versenken. Dieser in Salzburg leider weitgehend ausgeblendeten Kärntner Katharsis wollen wir diesmal zur Geltung verhelfen – und mit ihr all den gering geschätzten, verachteten und unerwünschten Gefühlen, die ja ebenso Teil unseres Lebens sind wie seine sonnigen Seiten.

Zudem wollten wir uns thematisch auf das ebenfalls jeden zweiten Freitag im Monat stattfindende Overdose im Club b.lack beziehen, das ja mit Gothic, Industrial, EBM, 80’s, Dark Wave und Neofolk ganz ähnliche Gefühlsgenres und Stimmungswelten bearbeitet. Allerdings ergibt sich daraus auch eine interessante stilistische Spannung, komme ich doch zum Beispiel noch aus jener Epoche, in der man tatsächlich zu „alternativer, progressiver und psychedelischer“ Rockmusik tanzte, und das nicht nur bei Livekonzerten! Also werden durchaus Overdose-genretypische Musikbeispiele wie Joachim Witt, Laibach oder Collide von gitarrenlastigeren Interpreten wie New Model Army, Tagtraum, Thurston Moore (Sonic Youth) und Martin Konvicka (the who the what the yeah) kontrastiert werden. Experimentell Eigenartiges wie Tony Levin, Rachid Taha, Mutter sowie selbstgebraute Audiocollage verbindet sich schließlich mit Peter Gabriel, Peter Licht – wir sind bestimmt auch beim Konzert am Sonntag, 13. 11. in der ARGE – und natürlich Patti Smith …

Womit wir beim Überraschenden angelangt wären, das dieser Sendereihe wie gewohnt innewohnt. Es müsste schon mit des Posenteufels Großmutter zugehen, wenn solches Versenken in Verzweiflung und Verdruss nicht auch wiederum neue Perspektiven hervorbrächte, oder? „tot(punkt)leben“ hieß das in einem früheren Textexperiment. Dies lassen wir euch dann ebenfalls mit erleben – durch unsere Gespräche und die ausgewählten Spoken-Word-Beiträge rund ums Thema. Und dafür, dass die Playlist nicht vollends ins Abgründige abkackt, sorgt der fabelhafte Chriss mit der ihm eigenen jugendlichen Freundlichkeit und Frische.

Wollen wir als Motto dieser Nacht also am besten den Schluss von Peter Gabriels Songtext zu Darkness wählen, der trefflich den Augenblick der Auflösung tiefster Angst beschreibt:

When I allow it to be
It has no control over me
I own my fear
So it doesn’t own me

Walking through the undergrowth
To the house in the woods
The deeper I go, the darker it gets
I peer through the window
Knock at the door
And the monster I was so afraid of
Lies curled up on the floor
Is curled up on the floor just like a baby boy
I cry until I laugh

 

Evangelische Deformation

Podcast/Download: Artarium vom Sonntag, 30. Oktober – Sind wir von Anfang an schuldig? Zwischen Weltspartag und Reformationsfest wütet heftiger Zweifel an den Konzeptionen von Schuld und Unterwerfung, Macht und Obrigkeit, Hierarchie und – Gott. Michael Hanekes Jahrhundertfilm Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte stellt nämlich nicht zufällig eine preußisch-protestantische Pfarrerfamilie in den Mittelpunkt seiner Geschichte über die Entstehung und Weitergabe von Gewalt in gesellschaftlicher Gewohnheit. Ausgehend von diesem Meisterwerk des Alltagsgrauens (das heute noch genauso stattfindet) untersuchen wir die Ursachen verinnerlichter Unterdrückung.

Martin Luther wird ja gemeinhin als großer Reformator und die Evangelische Kirche als die demokratischere, liberalere und überhaupt menschlichere Abteilung angesehen. Dennoch ist Luther mit seinem Obrigkeitsverständnis auch ein Wegbereiter des missionarischen Imperialismus und mit seinem Motto “sola scriptura” ein Geburtshelfer der evangelikalen Fundamentalisten. Und – was bedeuten die mir bekannten Erniedrigungsrituale in evangelischen Pfarrhäusern oder die Missbrauchsfälle in allerlei diakonischen Einrichtungen anderes als ein fundamentales Scheitern der so genannten Reformation?

Die Systemfrage wurde nämlich nicht gestellt, was uns recht direkt zur heutigen Banken-, Schulden- und Weltfinanzkrise führt. Auch hier wird es natürlich nicht genügen, wenn Schwester Angela ihre 95 finanztheologischen Prothesen an die Kirchentür des deutschen Bundestags nagelt, seien die Insider auch noch so verzückt und der Hammer – pardon, Hebel – noch so groß! Denn ob Glaube und Gehorsamkeit wie im Haneke-Film 1913/14 direkt in den Weltkrieg übergeht – oder in der aktuellen politischen Situation in die Vernichtung von Millionen durch Verarmung und Verschuldung, das macht für das einzelne Opfer wohl genau gar keinen Unterschied. Denn die Gewalterfahrung (das Opfersein) des Einzelnen wird nach wie vor durch neurotische Verdrängung – nämlich Abspaltung des Schmerzes, Nichtbenennung der Täter/Verursacher sowie Verwechslung von Scham mit Schuld – an die Nächsten (Schwächeren, also Opfer) weiter gegeben. Weiterführende Informationen zu den Grundlagen dieser Feststellung gibt es in einem Vortrag von Arno Gruen – im Rahmen unserer Sendung “Der Wahnsinn der Normalität”

Schuld aber gelangt eben nicht durch irgendwelche “stellvertretende Opfer” aus der Welt, sondern durch (An)Erkenntnis, (Aus)Sprache und (Auf)Arbeiten – also durch die tatsächliche Vergebung einer Entschuld(ig)ung. Insoweit muss die Gegenthese aufgestellt werden, dass “Christentum” (und damit die uns allen innewohnenden Vorstellungen vom Ausgeliefertsein an eine “höhere Macht”) – und zwar entgegen dem erhobenen Anspruch von Beichte, Gnade und Erlösungjede echte zwischenmenschliche Vergebung verhindert und verunmöglicht, somit nicht nur psychologisch krankheitswertig ist, sondern sogar sozial schädlich, weil es die Strukturen von systemischer Ungerechtigkeit in Form von faktischem individuellen Unrecht befördert, sanktioniert und einzementiert. Es wäre also endlich allerhöchste Zeit für eine umfassende Umwälzung – eine Revolution statt Reformation – der bestehenden Verhältnisse. Beginnend beim eigenen Denken und Empfinden – und eben ohne Erlöser, Führer, “Gott”, Partei und Programm.

Dann können wir uns den ganzen Jammer mit den Luftkasperln nämlich sparen! Zur Auflockerung nutzen wir ein exklusives Interview mit dem Gläubigkeitskritiker Günther Paal (Gunkl) sowie handverlesene Musiken von Chumbawamba, Rio Reiser, E Nomine, Zeitzeuge und Zupfgeigenhansel. Zum Wohl!

 

New Blood – Das halbe Album

Podcast/Download: Das Artarium vom Sonntag, 16. Oktober präsentiert die erste Hälfte des neuen Peter Gabriel Albums New Blood in 41 hochdramatischen Minuten ganz ohne Zwischenrede, sowie zur Einstimmung einen Ausschnitt von seinem Interview über die Entwicklung dieses Projekts. Und auch wenn meine einführenden Worte als Satzbau in Progress gehört werden mögen – atmosphärisch vermitteln sie genau, weshalb Peter Gabriel nach wie vor eine wesentliche Inspiration für junge Kreative ist: Weil er selbst immer wieder neue Ausdrucksformen sucht und uns damit halt nicht langweilt, sondern zu eigenen Experimenten anregt.

Wir hören folgende Stücke im Orchester-Arrangement (also ganz ohne Rockband):

01 Rhythmof the Heat

02 Downside Up

03 San Jacinto

04 Intruder

05 Wallflower

06 In Your Eyes

07 Mercy Street

Das ist mit Abstand der „nackteste“ Peter Gabriel, den es bislang auf Konserve zu hören gibt, und das will etwas heißen bei jemandem, der schon einige seiner intimsten Abgründe und Isolations-Tank-Erfahrungen zu Songs verarbeitet sowie in seinen Livekonzerten das (singende!) Crowd-Surfen als Grenzauflösung zwischen sich und dem Publikum etabliert hat. Sein nunmehr zu erlebendes „Verpflanzen“ von durchaus psychodramatischen Rocksongs in ein klassisch orchestrales Ambiente funktioniert ganz ähnlich wie die bekannten Unplugged-Darbietungen zahlloser Rockmusiker – allerdings ist der Effekt hier, vor allem durch die ausgesuchten stilistischen Zitate des Arrangeurs John Metcalfe, ungleich heftiger, schillernder, vielschichtiger. Eine echte Weiterentwicklung, wieder einmal…

So haben auch wir, inspiriert von solch mutig verspielter Genre-Auflösung und Genre-Verknüpfung, beschlossen, daraus noch etwas Besonderes zu gestalten: Gemeinsam mit unseren lieben Kolleg_innen von der Soundtrack-Sendung spot.sound und dem versierten Composer Sascha Selke werden wir unter anderem dem filmmusikalischen Schaffen des Peter Gabriel in Form eines 2stündigen Double-Feature zu Leibe rücken. Diese Crossover-Cooperation krönen wir dann (am Sonntag vor Weihnachten!) mit den verbleibenden Orchester-Stücken vom New Blood Album. Sozusagen das zweite halbe Album zur Artarium Adventfeier. Denn wir sind – ja, richtig – ein geiles Institut!

POESIE UND ENGAGEMENT (CHRISS)

In der Sendung vom Freitag dem 14. Oktober (Download) begeben wir uns auf die Suche nach der Vereinbarung von Poesie und Engagement. Thomas Oberender – geschiedener Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele – beschrieb mit diesen zwei, anfangs kontrovers erscheinen wollenden Worten, das Album „Nervöse Welt“ der Wiener Band „the who the what the yeah“Rio ReiserTon, Steine, Scherben… Postkapitalistisches Lebensgefühl… eine junge Generation die sich sehr eigen engagiert… – Und das wissen wir, Norbert K Hund und Christopher Schmall, die zwei Perlentaucher und Sternpflücker vom Dienst auch. Engagement und Poesie. Eine interessante Verbindung…

The Who?

Aber wer sind eigentlich „the who the what the yeah“? Ja, eine Band aus Wien! Doch warum haben wir uns schon so oft mit ihnen beschäftigt? (Der Skaverda Effekt, Nervöse Welt- das ganze Album, Das Salzburg Syndrom… nur um mal die markantesten Sendungen zu nennen). „The who the what the yeah“ haben etwas geschaft, vor dem viele andere Bands zurückschrecken, resignieren, schweigen – mit dem sie sich schlichtweg nicht befassen. Und genau das ist der Punkt! „The who the what the yeah“ sprechen, nein, schreien ihre Wahrheit in die Welt hinaus und haben das Gedankengut von Rio Reiser aufgegriffen, für sich selber weiterentwickelt und so verdichtet, dass das Album „Nervöse Welt“ eigentlich als Manifest gelesen werden kann… So da habt ihrs! Selbst schuld! Ihr mit eurem System, das unsicher macht, einengt und verbraucht! Die Maus hatte also doch Recht… Tanzen wenn einem etwas gefällt… am Ende bleiben tausend offene Fragen, die sich wie von selbst stellen…

 The What?

Fragen die wohl oft gar keine Antwort haben oder haben wollen. Fragen die einfach Fragen sind, damit wir nachdenken, so lange bis wir einsehen, dass es nicht auf die Antwort ankommt, sondern auf die Gedanken die wir uns machen… die ganzen kleinen Schritte… denn wir sind ja eigentlich alle nur Maulwürfe, die am Zuckerberg des Konsumismus graben… Wir müssen’s nur noch einsehen! Und dann werden wir dieses System zum Kippen bringen… Und genau das ist es! Poesie und Engagement. Sich für etwas das einen selbst betrifft und berührt, verletzt und beunruhigt, angreift und betrifft einsetzten mit Sätzen und Bildern. Mit Worten, Musik, Farben, mit allem was die Fantasie zu bieten hat. Das ist Poesie! Poesie die aus dem Leben kommt und den Leuten etwas sagt. Schon beim bloßen Ansehen und Erkennen der einzelnen Worte…

 The Yeah!

Also liebe Mitorgler und Zerrinnenden, lasst uns dieses System von Macht, Hierarchie, Geld, Ansehen und nazi-katholischem Kreuzweh endgültig zum Einsturz bringen! Lasst die Gitarren plärren, die Orgeln den Weltuntergang verkünden und vor allem: Lasst uns endlich etwas tun! Schlafen können wir später immer noch lange genug! Jetzt müssen wir aufstehen, die Stimme erheben und uns wehren gegen diese Unterdrückung! Jedoch… wenn ihr nicht von alleine wollt, ich kann euch nicht zwingen, ich kann euch nur vor Augen führen, warum ICH mich wehre und mir nicht länger den Mund verbieten lasse…

Poesie und Engagement (Norbert)

Die Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. Oktober (Download) untersucht eine wesentliche Aussage, mit der Thomas Oberender in unserem Gespräch Ende August aufhorchen ließ: „Es erinnert etwas an Rio Reiser. Spätkapitalistisches Lebensgefühl. Zum ersten Mal seit langem höre ich wieder eine junge Generation sich auf eine doch reife und sehr persönliche Weise engagieren. Da kommt eine tolle Mischung aus Poesie und Engagement zur Sprache.“ Wir unterhielten uns just über das Album „Nervöse Welt“ von the who the what the yeah aus Wien und in diesem einen Augenblick tauchte in uns allen gleichzeitig die Ahnung auf, dass genau in der Verbindung dieser beiden angeblichen Gegenpole ein wesentlicher Treibstoff für individuelle wie gesellschaftliche Entwicklung liegen könnte…

Um diesen Gedankengang weiter zu vertiefen, haben wir die Protagonisten der Nervösen Welt anlässlich ihres ebenfalls freitäglichen Salzburg-Konzerts zu uns ins Studio eingeladen. The who? Das werdet ihr bestimmt erfahren. The what? Könnt ihr ab 22:00 Uhr live im Radio hören – und auch wenn ihr es nicht versteht, ab 23:00 Uhr im Denkmal dazu tanzen. Sagte die Maus zum Elefanten. The Yeah! Eine Synthese aus Radiosendung und Livekonzert, Gespräch und Musik, Dichtkunst und Politik. Und angewandtes Perlentauchen zwischen Parolen und Poesie, überraschend, unorthodox und unvorhersehbar…

Es gibt, ähnlich wie bei einem plötzlichen Aha-Erlebnis durch Schmunzeln über sich selbst oder durch Lachen über einen gelungenen Witz, eine Art Impuls zum Aufstehen und sich Einmischen, zum nicht mehr hinnehmen Wollen der bestehenden Welt, zum Gestalten der Gegenwart und zum Verändern der Verhältnisse, einen Impuls also, der durch das gleichzeitige Wahrnehmen von Vollkommenheit und Zerstörung ausgelöst wird. Oder sagen wir durch das Einfühlen in das Leiden (auch das eigene!) an der Unfertigkeit, Ungerechtigkeit, Unvollkommenheit menschlicher Gemeinschaft – und die gleichzeitig vorhandene Phantasie, Sehnsucht, Vorstellung einer Lebenswirklichkeit, in der sich Alltag und Realität mit Gefühl und Bedürfnis deckt. Oder zumindest mehr in Einklang und Übereinstimmung zu bringen wäre, als dies in bisheriger leidvoller Entbehrung erfahren wird. Phantasie und Realität? Poesie und Engagement!

Ein gelungenes Beispiel poetischen Engagements ist der rassismus-ironische Smir Fink, hier neben dem Eingang zur Salzburger Synagoge. Ein jüdischer Witz unterwandert humorverwandelnd die x-te Metaebene postmoderner Zitatensammlung und entzieht sich so der Verhaftung ins Normative der Hierarchien. Chapeau!

Und wir ergehen uns somit wieder in allerlei Abgründen, Assoziationen und Aushängigkeiten – auf Messers Schneide, im Schatten der Mozartkugel und unter dem Einfluss von Musen, Wahrheit und Zukunft. Die definitive Playlist gibts demnach auch wieder erst im Anschluss an unsere Selbstüberraschung!

Die tödliche Doris – Das ganze erste Album (30 Jahre Geniale Dilletanten)

Podcast/Download: Das Artarium vom 11. September 2011.

Wieder einmal nach langer Zeit eine Solo-Sendung mit Peter.W., ganz ohne Norbert K. Hund der dieser Tage 50 geworden ist (Wir gratulieren herzlich!) und Christopher Schmall der nicht müde wurde diesen Umstand mit seinem Kompanion feierlich zu begießen. Wem die beiden nun erholungsbedürftigen Edelgruschler fehlen, dem und derjenigen sei nochmal mit Nachdruck die preisverdächtige Episode Das Salzburg Syndrom ans Herz gelegt, ebenso der neue Nachtfahrt-Perlentaucher-Blog

Am 4. September 1981 fand im Berliner Tempodrom die legendäre große Untergangsshow Festival Genialer Dilletanten statt. Unter den Musikern und Künstlergruppen die dieser Tage die Bühne rockten, waren u.a. später bekannter gewordene Vertreter wie die Einstürzenden Neubauten, FM Einheit, Christiane F. (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo) mit ihrer Band Sentimentale Jugend, Westbam damals noch als Mitglied von Kriegsschauplatz Tempodrom und viele mehr. Außerdem noch Max Müller, der später die Gruppe Mutter gründen sollte und sein Bruder Wolfgang Müller, der eine wichtige Rolle in der Entstehung der Genialen Dilletanten spielte.

Mehr zum Festival und die Genialen Dilletanten: Wikipedia.

Wolfgang Müller heute Autor, Musiker und Kopf der Walther von Goethe Foundation in Reykjavíc war zwischen 1980 – 87 Gründungsmitglied der experimentellen Gruppe Die tödliche Doris (aka. Deadly Doris), die international – auch in den Bereichen Kunst, Fotografie, Filmkunst, Video, Performance und Literatur – aktiv war. Weitere Mitglieder waren zu Beginn Nikolaus UtermöhlenChris Dreier, Dagmar Dimitroff, Käthe Kruse und der bereits erwähnte Bruder Max, bevor sich die endgültige Besetzung um Müller, Utermöhlen, Kruse und Tabea Blumenschein manifestierte. Eine ihrer bekanntesten Nummern war Tanz im Quadrat das 2001 von Stereo Total unter dem Titel Wir tanzen im Viereck gecovert wurde.

Mehr zu Wolfgang Müller und Die Tödlichen Doris: Wikipedia & Youtube.

Im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums der Genialen Dilletanten präsentiert das Artarium in seiner Reihe Das ganze Album die erste Langspielplatte von Doris aus dem Jahr 1982, produziert u.a. von Blixa Bargeld. Mit freundlicher Unterstützung von Wolfgang Müller höchstselbst, der uns – und auch euch – den freien digitalen Zugang zu ihrem akustischen Werk gewährt hat, siehe: http://www.die-toedliche-doris.de/mp3/TD001.mp3 bis TD061.mp3 – oder auch etwas detailierter zusammengefasst bei Rattenjule.

Sehr ans Herz legen wollen wir euch auch die Bücher Geniale Dilletanten,  das Feinmotorik Kompendium vom Institut für Feinmotorik und das neueste, noch in Arbeit befindliche Werk von Wolfgang Müller Subkultur West-Berlin 1979–1989.

 

Female. Feel male.

Podcast/Download: Die Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. September folgt der Fährte interessanter Frauenstimmen in die gar nicht so leicht erfassbare Zone zwischen Pose und Profil ihrer sexuellen Selbstdarstellung. Als Gegenpol auch ein paar männliche Interpreten, die uns atmosphärisch etwas in Richtung gelungener Integration – oder besser Inklusion ihrer andersgeschlechtlichen Persönlichkeitsanteile – zu vermitteln vermögen. Selbstbewusste Identitäten jenseits von Anpassung und Abspaltung also…

Emanzipation, Gender Mainstreaming, Role Models, Identitätskrisen und die leidige sexuelle Orientierung, allüberall umfuchteln uns eigentlich schon ziemlich heftige Karikaturen von Verhaltensweisen, die sich dabei aber leider auch viel zu ernst nehmen. Wo sind eigentlich die entspannten Identität_innen geblieben?

Also machen wir uns auf die Suche nach jenen gelungenen Musikdarbietungen, in welchen etwas vom friedlichen Miteinander des Männlichen und Weiblichen zu spüren ist. Oder in welchen eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Anderen wie auch dem Eigenen in sich selbst ausgetragen wird – und somit auch mit der umgebenden Gesellschaft und ihren merkwürdigen Konventionen. Denn wie bemerkte schon der kleine Prinz gar vortrefflich: „Les grandes personnes sont décidément très, très bizarres.“

Damit die Untersuchung auch der eigenen Abgründe nicht vollständig im Spontanchaos beliebig wechselnder Perspektiven versinkt, haben wir den 3 Stunden Programm eine gewisse Struktur verpasst: Wir bewegen uns also von Ideal und Pose über Irritation und Protest zu Inklusion und Perspektive. Mehr wird nicht verraten!

Unsere persönlichen Gedanken zur Annäherung an dieses Thema könnt ihr gern wieder im Nachtfahrt-Perlentaucher-Blog lesen – und zwar wie gehabt aus der Sicht vom Chriss und aus der Sicht vom Norbert – ein Salzburger Synoptikum sozusagen.

FEMALE. FEEL MALE! (CHRISS)

Podcast/Download: Die Nachtfahrt vom Freitag, 9. September widmet sich den etwas anderen Frauen- und Männerstimmen. Nämlich denen, die das Weibliche und Männliche in sich integrieren, und nicht solchen, die eine Frauen- oder Männerpose vertreten. Denn wir sind alle männlich und weiblich! Ja, richtig gelesen! Guten Morgähn liebe Orgler und Orglerinnen, willkommen im unendlichen Kosmos der Wahrheit…

 Aber was ist eine Pose?

Für mich ist eine Pose, ein verstelltes, nicht ehrliches und komerzielles Auftreten, das keinen Raum für tiefe Gefühle, ernstgemeinte Träume und wahrer Liebe lässt. Eine Vergewaltigung der eigenen Sexualität, nur um irgendwelchen Konventionen oder Vorstellungen von Mann/Frau zu entsprechen, die sich irgendeine wahnsinnige Gesellschaft ausgedacht hat!!!

Das ist eine Pose und das ist nicht die Art von Musik, die ich gerne höre. Natürlich kann man nicht alles in ein und die selbe Schachtel werfen. Posen gibt es verschiedene: Die Metal-Pose, die Liebes- Mädchen- von- nebenan- Pose, die Ich- scheiß- auf- euch- alle- Pose, die Ich- bin- so- geil- Pose…

Was auch immer… Solange nur Vermarktung und Geld dahinter stecken, bleibt die Pose, eben  nur eine Maske und der Künstler kommt nicht wirklich zum Vorschein…

Irritiert? 

Braucht ihr nicht sein, denn so ist das Leben. Man muss sich eben nicht entscheiden! Jeder darf seine Sexualität ausleben, genauso wie er oder sie möchte. Und da kann’s schon mal passieren, dass sich Patti Smith als female ziemlich male fühlt. Und sie zum Beispiel, ist eine Meisterin im Vereinen beider Geschlechter in ihrer Musik. So auch Elliott Smith oder P!nk.

Es ist wichtig beide Seiten zu akzeptieren, erst dann berührt Musik und wird greifbar…

Inclusion In Confusion?

Also mit was beschäftigen wir uns eigentlich in dieser Sendung? Mit der Problematik der ewig unterdrückten Frau oder der Großschwänzigkeit von Rival-Musikern? Nein, wir werden einen kritischen Blick auf die Musikindustrie werfen, Frauenstimmen zeigen, die rotzig, schräg, gefühlvoll und löwenhaft sind, Männerstimmen die zerbrechlich, verletzlich und gleichzeitig kraftvoll sind, also den Gehstock als Zepter verwenden, aus ihrem Schmerz Kraft schöpfen und Stimmen die beides in sich vereinen: Schwach und Stark. Schön und Rotzig. Dunkel und Hell. Männlich und Weiblich. Stimmen, die allen Rollenbildern und Gender-Mainstream-Richtlinien den Stinkefinger zeigen und voll Power ins Gesicht springen!


Man sollte jene Sendung also unbedingt anhören und sich mal den Female feel male – Gedanken zu Gemüte führen… Was mit euch darauf passiert, liegt allerdings nicht in der Verantwortung der Redaktion und entzieht sich unserem…….. 😉

female. feel male. (Norbert 1.0)

Ich möchte euch jetzt einmal einen kleinen Einblick in unsere Produktionsweise ermöglichen – am Beispiel des Entstehens unserer aktuellen Sendung. Es begann alles damit, dass der gute Chriss vor einigen Wochen die doch recht spontane Idee gebar, eine ganze Sendung nur mit den unterschiedlichsten Frauenstimmen zu machen. Meine erste Reaktion war: “Das halt ich nicht aus!” Doch dann brütete ich ein paar Tage daran herum und fiel noch einmal über das legendäre Gedicht von Patti Smith “female. feel male.”, das bereits bei der KT Tunstall Sendung (wieder) auftauchte. Danke, Jochen Distelmeyer!

Also fragte ich, ob es denn okay wäre, wenn wir den Grundgedanken, Frauen in verschiedenen Musikstilen und Sing- oder Sprechweisen zu spiegeln, noch einmal durch irgendwie sehr “weiblich” interpretierende Männer kontrastieren könnten. Und auf einmal war da dieses Konzept des Weiblichen im Männlichen und umgekehrt. Denn eigentlich beschreibt Patti Smith ja den frühpubertären Ekel mit der Entwicklung ihrer körperlichen Geschlechtseindeutigkeit und den ihr damit einhergehend auferlegten Zwängen zu typisch weiblichen Kostümierungen und Verhaltensweisen. Und im Nachwirken einiger sehr intensiver Festspiel-Erlebnisse, unter anderem mit Signa – Das ehemalige Haus – näheres dazu in der Festspiel-Sendung, festigt sich für uns die Erkenntnis, dass die Eindeutigkeit der weiblichen wie der männlichen Posen – gerade auch in der Kunst – ohnehin zum Einschlafen todlangweilig ist. Ambivalence Rocks! – und Orgel !!!

Schaut euch zum Beispiel dieses Video von Heather Nova – Sugar (Live) mit der wunderbaren Berit Fridahl (Gitarre) an. Nicht nur die Stimmführung vom schmetterlingszärtlichen Spoken-Word bis hin zum orgiastischen Stakkato von “Sugar” im Refrain widerspiegelt beide Welten – die wir eben als typisch weiblich (zart) und typisch männlich (hart) verinnerlicht haben. Nein, die gesamte Band verteilt hier die männlich/weiblichen Persönlichkeitsaspekte höchst originell gebrochen auf ihre Protagonisten: Den mehr feminin-fragil herum hupfenden Bastian Juel am Bass möchte man eigentlich nicht allzu sehr erschrecken, die hemdsärmelig kraftwerkende Berit Fridahl würde man jedoch jederzeit gern anrufen, wenn mal der Dachstuhl zu reparieren ist. Ihr seht also, worauf es hinaus läuft? Schon wieder ist es ein Inbetween, ein Inzwischen, das uns interessiert …

Bis nächste Woche finalisieren wir also noch die entsprechende Musikauswahl – danke an MarLou für die Widererweckung des alten Ohrwurms What’s Up. Richtig spannend wird diesmal allerdings die Auswahl der eigenen Texte, die wir wieder mit Spoken-Word Beiträgen (diesmal von Joolz Denby, Annie Lennox, Laurie Anderson und Heather Nova) mischen werden. Denn welche unserer Spiegelscherben, Fragmente und Gedichte repräsentieren unsere abgründig verschleierten wie auch öffentlich dargelebten inneren Weiblichkeiten am besten? Wir bestehen zwar alle jeweils zur Hälfte aus weiblichem Material (nein, nicht nur seelisch, durchaus biologisch, genetisch…) allerdings ist man(n) nicht so gewohnt, dies auch entsprechend wahrzunehmen, geschweige denn auszudrücken.

Es ist, bleibt und wird also spannend. Erwartet euch am besten gar nichts – oder zumindest gemeinsam mit uns – das Unerwartete! Denn wir wissen ja – wie immer – auch noch nicht, was uns auf dieser Seelen-Expedition erwartet. Man hört sich jedenfalls – am Freitag, 9. September von 22:00 bis 01:00 Uhr auf den Radiofabrik Frequenzen, per Livestream im Internet oder danach als Stream/Download im Cultural Broadcast Archive CBA. Wir sind ein geiles Institut …

 

Ein fester Festspielflash…

> Sendung: Das Artarium vom Sonntag, 28. August präsentiert unter anderem Impressionen zu Thomas Oberender, den Festspielen, A Game Of You, Salzburg, kapitalistischen Konsumwichteln, der Verleihung und dem Fächer der Gabi…

Am Abend des 21. August fing die Reise in die gestylte und hochintellektuelle Welt der Reichen und Schönen an, die alle nach Salzburg pilgern um wenigstens für ein paar Stunden zu glänzen, bevor sie dann wieder in den Alltag zurück gespuckt werden. Natürlich sind nicht alle versnobbt und tragen ihre Nasen eigentlich schon als Hut, vor lauter Hochnäsigeit; aber je näher man dem Festspielhaus kommt, desto feiner angezogen, reicher, eingebildeter, schöner und stolzer werden die Leute

An jenem Abend machten wir, Norbert K. Hund, Babu – unser Gast in der Sendung: „Graffiti on Tour“ – und meine Wenigkeit uns auf in die „Young Directors Project“ – Aufführung: „A Game Of You“. Ein Selbstfindungtrip verpackt mit Herzklopfen und dem unbekannten Raum. Um und in sich… Wir waren alle drei hellauf begeistert und ziemlich verpeilt als wir die Aula der theologischen Fakultät verließen. So viel über sich selbst zu erfahren, kann einen ganz schön versetzen.

Und am Ende bleibt nur noch die Frage: Wer bin ich für mich selbst und für andere? Wie sehen mich die Leute und wie sehe ich mich?“

Christopher Schmall & Norbert K.Hund nach dem Interview-Marathon

Das Gespräch

Am nächsten Tag fanden wir uns auf der Presseterasse wieder – und lernten den scheidenden Schauspieldirektor Thomas Oberender kennen. Ein genialer Spagatkünstler, der es nicht nur versteht zwischen kreativem Prozess und geldpolitischem Dramafest den Bogen zu spannen, sondern sich auch als exzessiver Leser, Radiofabrik-Liebhaber, Familienvater und Arbeitstier entpuppte. Ein Mensch, der Revolutionäres in Salzburg geleistet hat und nun nach Berlin als Intendant der dortigen Festspiele geht… Aber wie wird es mit den Festspielen in Salzburg, dieser barocken Kult(ur)stadt weiter gehen? Wird man dort weiter machen wo Thomas Oberender anfing? Oder wird man zurück zum konventionellen und nicht-experimentellen Theater-Schaukasten gehen? Wir werden abwarten müssen…

Die Verleihung und ein roter Fächer 

Feiner gekleidet und mit der Beute des Interviews in der Tasche folgten wir der Einladung zur „Verleihung des großen Verdienstzeichens des Landes Salzburg“ an Thomas Oberender durch Landeshauptfrau Gabi Burgstaller! 😀 Leicht ungewöhnlich für uns Post-Punks des rebellischen Lebens, nicht? Naja, sei es wie es sei… Wir waren auf jeden Fall dabei und waren erstaunt über die Worte von Gabi B. und von der offenen Nettheit der selben, die uns ihren Fächer lieh, der von einem absolut grenzgenialen roten Farbton war. Lobende Worte, strahlende Gesichter, Champagner, die Andeutung von Brötchen und ein glücklicher Oberender, der natürlich, denn wie sollte es anders sein, nach der Ehrung in ein Theaterstück ging.

Zusammenfassend kann ich nur noch sagen, dass mich dieser Mensch, der Salzburg erfolgreich überlebt hat und immer noch voller Kraft an seine Projekte herantritt, schwer beeindruckt hat – und das nachhaltig!

PS. Die Fotos zur Vorgeschichte und zur Produktion dieser Sendung haben wir in einem eigenen Facebook-Album veröffentlicht. Guten Appetit allerseits! Die Festspiele sind vorüber – wir haben noch lange nicht genug! Und die Aufzeichnung der Sendung könnt ihr jederzeit hier anhören/downloaden.