Kein Zurück – Fürs Klima ins Gefängnis

Artarium am Sonntag, 8. März um 17:00 Uhr – Vor einiger Zeit sind wir gefragt worden, ob wir nicht anlässlich des Internationalen Frauentags wieder einmal ein besonderes, also ein themenspezifisches, auf die Inhalte dieses (bei uns auch als Feministischer Kampftag bekannten) Tages bezogenes Programm gestalten wollen. Koinzidenterweise sind wir gerade unlängst einem sehr besonderen Radiobeitrag begegnet, den wir sowieso gern mit euch teilen und so weiter verbreiten möchten, nämlich dem Feature von Radio Radieschen mit dem Titel “Kein Zurück: Fürs Klima ins Gefängnis”, das mit dem 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung, und zwar in der Kategorie “Nachhaltigkeit und Zukunftskompetenzen”, ausgezeichnet wurde. Das Feature-Format “Hörfeld” empfielt sich – und wir empfehlen es heute weiter:

Radio Radieschen - Kein Zurück: Fürs Klima ins GefängnisDas Portrait einer jungen Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht und gegen alle Widerstände ankämpft. Sie soll davon abgebracht werden, die von ihr erkannte Wahrheit über die Gefährdung unseres Lebens mit den ihr zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln aufzuzeigen und die sie umgebende Gesellschaft aufzurütteln, endlich etwas gegen die fatalen Konsequenzen einer Politik zu unternehmen, deren Grundhaltung sie als zutiefst menschen-, lebens- und somit naturverachtend begriffen hat. Als “Verfügbarmachung allen Lebens zur verwert- und handelbaren Sache”, woraus ja folgt, dass alles Leben (Mensch und Natur) hinfort als jemandes Eigentum gilt, mit dem eben alles gemacht werden kann, was immer der Absicht und dem Willen der Eigentümer entspricht. Das bedeutet auch, dass durch diese Sichtweise (die längst eine Verfahrensweise ist) Natur verdinglicht wird, man kann mit ihr machen, was man willLeben verdinglicht wird, man kann mit ihm machen, was man willund Menschen verdinglicht werden, man kann mit ihnen machen, was man will

Die Verdinglichung von Menschen, sie zu einer Sache zu machen, über die man nach Belieben verfügen kann, das beschreibt der Philosoph Vilém Flusser in dem Vortrag “Der Boden unter den Füßen” als Kennzeichen jener Entmenschlichung”, die wir in den Verbrechen der Nationalsozialisten erkennen können, als besonders dramatisches Beispiel im Holocaust und da im mittlerweile zur Chiffre gewordenenen Symbol Auschwitz. Da er diese drastische Gestaltwerdung des Destruktiven als unserem zivilisatorischen Denken immanent begreift, ist dies auch kein Vergleich.

Der Versuch, “die jüdische Rasse in Europa zu vernichten” (Adolf Hitler), und die Bedrohung des Lebens der Menschen (psychisch noch halbwegs gesund sowie in unzerstörter Natur) durch den Klimawandel, diese beiden Ereignisse sind nicht vergleichbar. Umstände und Bedingungen zu ergründen, welche zu derartigen Auswüchsen führenund darin womöglich Parallelen zu finden, das sollte allein schon deshalb getan werden, weil es uns ermöglichen kann, wieder mit uns selbst, mit einander und mit dem gesamten Leben (was immer das ist) in Dialog zu treten.

 

Es gibt keinen Dialog ohne gedeihliches Gesprächsklima.

 

Respekt und Vertrauen.

 

Und Resonanz.

 

Das Herz ist ein Muskel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. Februar“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust” vom Hamburger Musikkollektiv Früchte des Zorns ist eines jener Lieder, auf das wir uns mit unserer langjährigen Radiokollegin Rosi Krenn jederzeit hätten einigen können. Die unermüdliche Beschützerin und Ermutigerin jeglicher Art von normabweichenden, unangepassten, speziellen, diversen und auch sonst “in keins von den üblichen Schachterln passenden” Lebensentwürfen ist vor kurzem und also leider viel zu früh von uns gegangen. Wenn man sie – ob ihres vielfältigen Engagements für so viele – als jemand beschreiben möchte, die (in den Worten von Roxy Music) “Both Ends Burning” war, dann darf man auch sagen, dass es für das Licht der Welt besser gewesen wäre, wenn sie noch etwas länger geleuchtet hätte …

Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust

Freiheit statt Schubhaft – Foto: Rosi Krenn

Kennen gelernt haben wir uns im sogenannten “Streiklager” der Aktion Freiheit statt Schubhaft. Während der Jugoslawienkriege flüchteten Kriegsdienstverweigerer (natürlich illegal, wie auch sonst?) zu uns nach Österreich. Sie sollten nach damals “Restjugoslawien” zurück abgeschoben werden, wo ihnen als Deserteure, also wegen “Fahnenflucht”, oftmals sogar die Todesstrafe drohte. Ein Umstand, der die Rosi bis ins Herz verletzte, was sie auf dieser mehrmonatigen Dauerkundgebung nach außen hin immer wieder in aller Drastik und Deutlichkeit zum Ausdruck brachte. Nach innen jedoch verströmte sie eine inspirierende Atmosphäre von Wohlwollen und Gastfreundschaft, die ich rückblickend als angenehm bestätigend und zugleich als in sehr einladender Weise herausfordernd empfand. Langsam wird mir klar, was für einen wesentlichen Beitrag sie dadurch auch zu meinem ersten Radioauftritt im Ö1-Feature “Im Schatten der Mozartkugel” geleistet hat, welches dort in ihrer Gegenwart aufgenommen wurde.

Und sie lebt sogar im Untertitel dieser Sendereihe weiter: Die Idee dafür, was ein Kunst- beziehungsweise Kunnst-Biotop eigentlich ist und wie sich sein Sinngehalt, seine Bedeutung beschreiben ließe, entstand damals auch unter ihrer Mitwirkung:

“Und das, was wir unter Kultur verstehen, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar ist mit einem Biotop. Das vergleichbar ist mit einem kleinen Tümpel, mit einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das. Und denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen – und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Nur folgerichtig wurde ihre Sendung “Radio Stachelschwein” dann fast genau 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung im Rahmen der Feier “15 Jahre Radiofabrik” 2013 mit einem Radioschorsch für “Soziale Visionen und deren Verwirklichung” ausgezeichnet. Und – hier schließt sich dieser Kreis – ich durfte diesen Preis damals überreichen und auch die entsprechende Laudatio halten. Wenn ich mir überlege, was ichvor allem zu Rosis Wesensart und Gestimmtheitnoch sagen könnte, dann möchte ich diesen Ball jetzt an euch weiterspieleneine kleine Aufgabe: 

Lasst uns einen Moment lang gemeinsam innehaltenund den ganz am Anfang dieses Artikels zitierten Songtitel (der ihre Wesensart, wie ich meine, recht gut auf den Punkt bringt) wie einen einfachen Satz auf uns wirkenWas spüren wir da? Was hören wir in uns? Was erzählt erüber das Leben?

 

“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust.”

 

PS. “Nichts ist vergeblich.”

 

IN BETWEEN

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. Februar – Nachdem wir nun (völlig zu Recht) mit der ausgezeichneten Gedenkkultursendung “Unzerstörbar” zum 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert waren, denselben dann aber leider doch nicht gewonnen haben (warum auch immer) und jetzt am Montag, 16. Februar um 19 Uhr die Premiere unseres Dokumentarfilms “IN BETWEEN” im Das Kino stattfinden wird, sind wir auch in dieser Hinsicht (was die öffentliche Wahrnehmung unserer Arbeit anbelangt) im wahrsten Sinn des Wortes “dazwischen” oder eben “im Between”. Da bietet es sich naturgemäß an, wieder einmal so richtig innezuhalten und zu schauen, was dieses “kreative Kraftfeld” zwischen uns beiden eigentlich ausmacht und … was für eine “Zwischenwelt” wir da immer wieder erleben, gestalten und darstellen.

IN BETWEENUm diese Selbstbespiegelung auch für das unsichtbare Publikum auf unterhaltsame Weise stattfinden zu lassen und dem geheimnisvollen “Between” sowohl von innen wie auch von außen näher zu kommen, laden wir Carla Stenitzer zu uns ins Kunnstbiotop ein. Im Gespräch mit ihr werden sich nicht nur die für uns unsichtbaren Aspekte des gemeinsamen Radiomachens erhellen, sondern darüber hinaus auch die gesundheitsfördernden gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Experimente im nichtkommerziellen Umfeld eines wirklich freien Radios. Zitat aus unserem Film: “Freies Radio ist eine Notwendigkeit in diesem ganzen … Gebräu aus politischen Interessen, kommerziellen Interessen und Quotennotwendigkeiten …” Und überhaupt: “Freies Radio ist das, wo der Mensch sein kann, wer er ist … und das machen (kann), was er ist.” Dem wollen wir in dieser Sendung auf den Grund gehen.

Gleichzeitig finden wir uns dabei auch im Bereich des Nichtdefinierbaren wieder. Ein Großmeister der Innenweltbeobachtung, Peter Gabriel, hat dies in der Einführung zu seinem Song “Secret World” bei einem Livekonzert in Tinley Park so ausgedrückt: “Sometimes people collect together. But two people merge together sometimes so close that you can’t see any space in between. And all of a flash … little pockets appear … little cracks … and a little rumble in the distance … this we could describe as the secret world.” Genau um dieses öffentliche Geheimnis geht es auch in unserer Arbeit:

 

A secret world …

 

Preissnbeisser

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Dezember – Zum Tag der unschuldigen Kinder vollführen wir wieder einen Zeitsprung. Und zwar in jene Zeit, in der wir wie von selbst anfingen, hinter der “heilen Welt”, die man uns vorführte (und in die man uns verführte?), jene “anderen Welten” zu erahnen, die das Wesentliche berühren und nicht bloß ein schöner Schein sein wollen. Und wir wollen einen Freund und Weggefährten würdigen, der uns über die Jahre hinweg mit seinem Sprachwitz und seiner rhetorischen Kampfkunst immer wieder zur Selbstbehauptung ungeachtet auch widerlichster Umstände inspirierte. Er hat nicht nur (zu unser aller Vergnügen) die Wortschöpfung “Preissnbeisser” geprägt, sondern auch weise Einsichten wie: “Mutter kann durch nichts zersetzt werden” formuliert. Da kommt Freude auf

PreissnbeisserCaspar August Welpentier – kein anderes Symbolbild könnte unsere heutige Themenassoziation besser versinnbildlichen zumal am Tag der unschuldigen … Auweh! Und wir werden sowohl die Entstehung des Wortes “Preissnbeisser” als auch den Besuch beim Salzburger Adventsingen anschauen, bei dem uns die Unschuld in den wohligen Worten Karl Heinrich Waggerls im wahrsten Sinn (block)flöten ging, rückblickend betrachtet … Zu solchen Zeitreisen ist ein gewisses Maß an Mut erforderlich, auch vertrauenswürdige Begleiter können in diesen finsteren Nächten (und auf der Suche nach dem Licht) unverzichtbar sein. Also unternehme ich dieses Abenteuer heute gemeinsam mit einem guten Freund, der viele brauchbare Berufungen in sich vereint: So ist er etwa ausgewiesener Hüter des Buchwissens, olfaktorischer Ingenieur, Räuchermeister, Rauhnachtsforscher und vor allem erfahrener Welt(en)reisender, mit dem ich schon öfter unterwegs war.

Liebes unsichtbares Publikum, auch dieses Jahr neigt sich seinem Ende entgegen, wundersamerweise jedoch so, dass es “das neue” bereits in sich trägt, dass also das eine aus dem anderen hervor, eins in das andere übergeht, geschmeidig oder auch mit krassen Brüchen, wahrscheinlich eh wieder sowohl als auch, egal – weil Zeit ja ohnehin nicht vergeht, sondern schlicht und ergreifend IST. Auf jeden Fall will ich euch dafür danken, dass ihr uns auf unseren Expeditionen begleitet habt und ich wünsche mir, dass unsere Reisen euch auch auf euren Wegen hilfreich begleiten.

 

Was und wie Realität ist liegt im Auge des Betrachters.

 

Licht und Schatten

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. Dezember – Licht und Schatten ist ja nun wirklich ein vortreffliches Thema zur Wintersonnenwende, weil es die physikalischen Gegebenheiten dieses Phänomens auf den naturwissenschaftlichen Punkt bringt. Nichtsdestoweniger sind rund um diesen winterlichen Wendepunkt im Verhältnis von (Erd)Schatten und (Sonnen)Licht auch allerhand andere Aggregatzustände, etwa in der menschlichen Psyche und auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen wahrnehmbar. So berichten Artgenoss*innen verschiedentlich von einem Schwinden der Lebenskraft oder einem Gefühl des Ausgezehrtseins. Und auch von einer Art Zuspitzung innerer Konflikte, sozusagen von dramaturgischen Höhepunkten im inneren Ringen mit ihren willkommeneren und auch unangenehmeren Anteilen.

Licht und SchattenUm jedoch diese Betrachtungen nachhaltig zu entlangweiligen, wird die Hüterin der Licht-Schatten-Verhältnisse bei der Radiofabrik-Bildbearbeitung, Luca Standler, ein paar ergänzende und erweiternde Ebenen in die hier angefangenen Überlegungen einbringen.

Es ist durchaus erstaunlich, was auch nur eine kleine Veränderung in Helligkeit oder Kontrast für den Gesamteindruck des endgültigen Bildes bewirken kann! In dem Zusammenhang sei den Obermoralisten und Leistungszauber*innen des Persönlichkeitsentwicklungsperfektionissimus (und vielleicht sind das auch nur ein paar mir selbst innewohnende Schattenkinder) folgende Überlegung ins Stammhirn geschnitzt: “Je heller du das Licht machst, desto dunkler (und also schärfer, schwärzer – aber eben auch deutlicher) werden die Schatten.” Und sind das nicht deine eigenen schattigen Stellen, der/die du ein leuchtendes Leben uns vorzuführen versuchst? Oder eigentlich besser bloß dir selbst? Denn wir sind in dem Fall nichts anderes als dein sichtbares Publikum. Allerdings ungern – denn wie heißt es schon seit Goethe: “Man merkt die Absicht und man ist verstimmt.” Wenn wir bemerken, wir wurden nur zum Bejasagen deines Richtigseins abkommandiert …

Soweit unser Einblick in die “Dark Side”. Und weil diese Sendung ziemlich genau eine Stunde nach der planetarischen Umkehr von “immer noch dunkler” zu “ab jetzt wird es wieder heller” stattfindet (was wir auch durchaus zu feiern vorhaben), wenden wir uns jetzt wieder der “Bright Side” zu: Schlussnummer zur heurigen Finsterwerdung (wusstet ihr, dass es einen Unterschied zwischen Finsternis und Dunkelheit gibt?) soll demnach “Let’s Not Shit Ourselves (to Love and to Be Loved)” von den Bright Eyes sein, worin Conor Oberst eine der schönsten Liebesgeschichten ever erzählt:

 

And my father was there
In a chair by the window
Starin‘ so far away
I tried talking just whispered
So sorry so selfish
He stopped me and said
Child, I love you regardless
There’s nothing you could do
That would ever change this
I’m not angry, it happens
But you just can’t do it again

 

Darkness?

 

Lebens Geschichten

> Sonntag: Artarium vom Sonntag, 30 November Geschichten, die das Leben erzählt, spiegeln sich in den Menschen, die sie erlebt haben – nein, eigentlich auch immer noch erleben. Und wenn sie das tun, also von ihrem Erleben erzählen, dann verlebendigen sie ihre Erfahrungen für uns andere und der sprichwörtliche Funke” kann regelrecht überspringen. Seit einiger Zeit geht die Sendereihe Gesprächsfunken – Facetten vieler Leben diesem Phänomen nach und verwirklicht die Darstellung von persönlich erzählten Lebensgeschichten auf eine, wie wir finden, bemerkenswert berührende Art und Weise. Davon haben wir bereits einmal in der Sendung “Echte Menschen, Live!” berichtet. Und ich selbst habe mich, daraufhin neugierig geworden, mit meinen Geschichten vom Leben in eine Gesprächsfunkensendung eingeladen.

Lebens GeschichtenDabei ist eine Folge mit dem Titel “Live and let live: Vergeben lernen – mit den inneren Kindern an der Hand” entstanden – und ich konnte in diesem Selbstversuch feststellen, dass Birgit Brandners Konzept tatsächlich funktioniert. Und zwar nicht nur mit Frauen, sondern auch mit Männern und, wie das bei mir der Fall ist, mit einem Mann, der Gewalt von weiblicher Seite erlebt hat. Nun, wodurch hat sich dieser Eindruck bei mir in Richtung eines Beobachtungsergebnisses verfestigt? Ganz einfach – beim Nachhören der fertigen Sendung ist mir aufgefallen, dass ich mich in der Gesprächssituation (von mir während der Aufnahmen noch unbemerkt) “geöffnet” und mich “der neugierigen Fragestellerin anvertraut” haben muss. Das machte ich am Klang meiner Stimme fest, den ich inzwischen schon in verschiedenen Settings zu beurteilen gelernt habe. Ich hörte dabei auf einmal viel mehr Klangfarben als sonst, eine feiner abgestimmte Sprachmelodie, und was vielleicht am bedeutendsten ist, ich spürte Begeisterung, Leidenschaft und Lebendigkeit in meiner Erzählweise, und dies im Vergleich mit anderen, durchaus gelungenen Auftritten, noch intensiver. Das alles macht mir Lust auf mehr … und ich will verstehen, wie das funktioniert

Peter Levine, dessen Somatic Experiencing ich bereits des öfteren als wesentlich für meine Traumatherapie angesprochen habe, beschreibt in seinem grundlegenden Buch “Sprache ohne Worte” ein interessantes Phänomen: Sobald sich uns ein Mensch in einer Weise aufmerksam zuwendet, dass ein sicherer Ort des Vertrauens entsteht, löst dies in uns eine umfassende Selbstregulation des gesamten Nervensystems sowie der an diesem Prozess beteiligten Biochemie aus und wir können von jetzt auf gleich wieder gänzlich “gesund und selbstentsprechend” denken und reden.

Das ist definitiv eine interessante Spur, die wir näher beleuchten wollen. Es würde nebenbei auch erklären, warum “industrielle 3-Minuten-Medizin” so frustrierend und oft auch wirkungslos ist – und warum jedwede Zuwendung im Heilungsbereich, die mit urteilsfreier Aufmerksamkeit und “sich Zeit nehmen” einhergeht, rein schon im Entstehen dieses “intuitiven Vertrauensfeldes” als irgendwie gesundend erlebt wird. Machen wir die Probe aufs Exempel oder Wiederholen wir unser Experiment: Also, diesmal neu im Artarium: Selbstversuch die Dritte mit Birgit Brandner Live On Air.

 

Wir sind ein geiles Institut

 

Rebellen und Revolutionäre

Artarium am Sonntag, 23. November um 17:06 Uhr – Wenn wir an Rebellen denken, dann kommen uns zunächst die rebellischen Posen all der “angry young men” aus der Popkultur in den Sinn, des weiteren wohl auch allerlei gegen irgendein Unrecht Aufbegehrende und nicht zuletzt unzufriedene Frauen wie zum Beispiel Pussy Riot. Wenn allerdings von Revolutionärenja, bitte auch *innen – die Rede ist, fällt leider schnell die Assoziationsklappe zu den Bedeutungen, die in einer ausschließlich aufs Äußerliche fixierten Gewaltwelt flächendeckend verbreitet sind (und werden). Wir aber wollen uns diesmal den revolutionären Umstürzen im Inneren zuwenden, die für viele praktische Anwender*innen des Menschseins als die wesentlichen und für eine eigeninitiative Gestaltung des Lebens unverzichtbaren gelten

Rebellen und RevolutionäreDer wegweisende Psychologe und Schriftsteller Arno Gruen schreibt in seinem Buch “Der Verlust des Mitgefühls: Über die Politik der Unmenschlichkeit” in dem Kapitel “Linke und rechte Rebellen” über die Ursachen von sich fortwährend wiederholenden rebellischen Posen sowie fruchtlosen, weil nämlich stets in Gewaltexzessen erstickenden Revolutionen: “Um aus dieser Verwirrung auszusteigen, muss man erkennen können, was man als Kind tun musste, um seine fürchterliche Angst zu überleben.” Und weiter: “Um diese Problematik in einer Psychotherapie aufzuarbeiten, muss diese alte Angst – der Terror, den das Kind als Vernichtung seiner selbst erlebte – erneut durchlebt werden.” Na, habediehre! Willkommen im Abgrund, aber eben auch und gerade dort, wo hinter der Todesangst das Leben lauert, das wunderschön ist und gesund, die wirkliche Liebesfähigkeit für uns selbst und für andere – das wir jedoch in weiten Teilen zu spüren verlernt haben. Florian Friedrich weiß, worum es hier geht.

Was mich an Arno Gruens Psychologie von Anfang an fasziniert hat, war dieser selbstverständliche Zusammenhang zwischen den Lebensproblemen einzelner Menschen und den gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen sie stattfinden. So zeigt er nicht nur die sozialen Verursachungen von seelischen Verstrickungen auf, sondern auch die Auswirkungen, die deren therapeutische Verarbeitung auf die gesamte Gesellschaft (und somit auf die Welt, in der wir leben) unweigerlich haben. Er verknüpft also das Innen mit dem Außen auf der Ebene von Ursache und Wirkung:

“Wir suchen nach dem Besseren, verfallen aber immer wieder Führern, die uns unterdrücken, uns zwingen, unsere individuelle Geschichte der Unterdrückung und Rebellion zu wiederholen. So wird unsere Leidensgeschichte immer weitergegeben. Sie mag zwar unterschiedlich verlaufen, aber der Inhalt des Leidens und der Unterdrückung bleibt. Dennoch bleiben die Hoffnung auf das Gute und der Wille, Gutes zu tun, bestehen. Sie flackern immer wieder auf. Ich spreche hier nicht von organisierten politischen Bewegungen, sondern von Individuen, die zu sich selbst gefunden haben und der Gewalt und der Verlogenheit die Stirn bieten. Ob dies auf dem Weg des inneren Wiederstands oder in Form von offener Rebellion geschieht, ist dabei unerheblich. Wichtig ist, dass die Individuen zu ihrem Menschsein stehen.”

 

I look at you all, see the love there that’s sleeping

 

 

Die heilige Johanna

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. Oktober – Diesmal stellen wir euch ein im angenehmsten Sinn “etwas anderes” Theaterprojekt vor, das uns darauf neugierig gemacht hat, endlich wieder einmal eine Aufführung mit allen Sinnen zu genießen – und nicht einfach nur brav blökend das sonst übliche Überangebot zu konsumieren (wovon wir uns aber ohnehin lieber fernhalten). Wir besehen das Stück “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertolt Brecht, das schon bald in der Inszenierung von Cassandra Rühmling an verschiedensten Orten in Stadt und Land Salzburg zu sehen sein wird. Allein schon die Auswahl der Spielstätten ließ uns aufhorchen – so findet etwa die Vorpremiere am 1. 11. um 19:30 Uhr in der altkatholischen Kirche statt – das ist schon einmal erfrischend anders als “Theater immer nur im Theater”.

Die heilige JohannaBeim Schreiben dieses Artikels stelle ich fest, dass ich hier keine wie auch immer gearteten Interpretationen, Brecht-Traditionen oder sonsterlei ideologische Vereinnahmungen seines Werks anführenja, nicht einmal verlinken möchte. Das hat wohl mit der unrühmlichen Brecht-Verdammung hierzulande (in der Zeit des kalten Krieges) zu tun und mit der bizarren Geschichte rund um seine Staatsbürgerschaft. Die ihm vor 75 Jahren verliehene österreichische hat er ungeachtet der damit verbundenden Skandale und Hysterien zeitlebens beibehalten. Das freut uns (im nachhinein) am heutigen Nationalfeiertag, der einst Tag der Fahne hieß und von fähnleinschwenkenden Kindern mit “von oben” verordneter Freude “begangen” wurde. Seither widerstrebt es mir, vorgegebene Deutungen und Be-deutungen (von wem bitte, von wem?) aufgetragenerweise wiederzugeben. Und so fühle ich mich bei “echt lebensnachspürenden Inszenierungen” wesentlich wohler.

Denn Cassandra Rühmling dringt gemeinsam mit ihrem engagierten Ensemble in die tieferen Schichten der heiligen Johanna vor. Wiewohl die politische Aktualität von ungerechter Ausbeutung deutlich zur Sprache gebracht wird, steckt in dem recht komplexen Stoff doch noch einiges mehr an psychologischem Erkenntnisgewinn, etwa über das Kommunizierenwollen und das Verstandenwerdenkönnen oder die Rückbesinnung auf ein in allen Kämpfen mit inneren wie äußeren Verhältnissen fortwirkendes “Mensch sein”, ohne das weder Überleben noch Verstehen gelingt.

Wir freuen uns also schon auf die erwähnte Vorpremiere am 1. November und ganz speziell auf die Regisseurin und zugleich Hauptdarstellerin, die bei uns im Studio zu Gast sein und uns mehr als nur einige Einblicke in “die heilige Johanna” sowie ihre faszinierende Arbeit durch die vielen Schichten des Dramas bieten wird. “Diese Frau macht kein Theater – sie ist eins.”, sagt man über sie. So eine Verkörperung dessen, was Theater ausmacht, selbst zu erleben, das empfehlen wir naturgemäß ausdrücklich. Alle Termine und Tickets elegant auf dieser Seite: Theaterplatz.at

 

Und Thomas Oberender empfiehlt: “Hören sie genau hin!”

 

Lieber Konstantin,

“Der Liebe zuliebe”, so heißt dein jüngstes Buch, das ich soeben gelesen habe. Und als ich damit angefangen hatte, drängte sich mir sogleich der Wunsch ins Bewusstsein, dir zu schreiben. Du wirst dich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern, doch wir sind uns einmal in Salzburg begegnet, das war 1979 anlässlich deines Konzerts im großen Festspielhaus. Im Anschluss daran haben wir gemeinsam gesoffen bis in den Morgen und du hast mir all dein Geld geschenkt, das du dabei hattest, für die damals geplante “Initiative Buntes Salzburg”. Und heute lese ich in diesem Buch, dass du Alkoholiker bist und vor ungefähr 4 Jahren, ziemlich zur selben Zeit wie ich, beschlossen hast, nicht mehr zu trinken, also deine Sucht der Liebe zuliebe nicht mehr auszuleben. Das, lieber Konstantin, berührt mich zutiefst – und verbindet uns noch einmal ganz neu

Lieber KonstantinDenn schon seit vielen Jahren bezeichne ich dich (auch ohne dass du davon weißt) als einen meiner wichtigsten Sprachlehrer. Deine Texte und vor allem deine Art, sie auszudrücken, dein Mut, auch die  erschreckenderen Abgründe des Gefühlslebens anzuschauen und in Worte, oft auch in unerwartete und zugleich berührende Klänge zu fassen – das alles und noch viel mehr hat mich immer wieder dazu angestoßen und herausgefordert, meinen eigenen Abgründen sowie ihren Spiegelungen in der Welt um uns herum mit Worten, in Klangbildern und Inszenierungen Gestalt zu geben, um andere auf sie aufmerksam zu machen und um sie (nüchtern betrachtet mehr denn je) in mir und nicht zuletzt für mich selbst zu verbearbeiten. Du komponierst und dichtest und gehst auf Tournee. Ich dichte auch und komponiere Radiosendungen, die gehen dann für mich “im Äther” auf Tournee. In denen bist du auch schon öfter vor- und, wie ich meine, ganz gut weggekommen. Es gibt Verbindungen jenseits des Sichtbaren

Lieber Konstantin, heute sind es im Rückblick nicht mehr nur die vielen Anregungen und Einflüsse, die wir beide gemeinsam haben und denen ich in deinem Buch wieder begegnet bin. Ich will hier zwei wesentliche Personen erwähnen, denen ich ungemein Gutes verdanke: Den großen Pier Paolo Pasolini und den wunderbaren Arno Gruen. Heute ist es vor allem der Weg, auf den du dich im Augenblick des Zerrbruchs (einer der kreativsten Druckfehler, denen ich je begegnen durfte) gemacht hast: Poetisches Wandeln und politisches Handeln durch spirituelle Entwicklung in Einklang bringen.

(Mitschnitt): Im Artarium am Sonntag, 28. September gehen Christopher Schmall und ich der Frage nach, wie sich der Weg des Konstantin Wecker in seinem Werk und in unseren jeweils eigenen Werdegängen wiederspiegelt und was für uns dabei “ein roter Faden” sein kann. Weil in jeder gesättigten Lösung aus Poesie und Widerstand, Wut und Disziplin, Vergebung und Aufbegehren, kurz gesagt in jedweder kreativen Ursuppe eine erste Struktur aus Lebensordnung und dem Wunsch nach Gestaltung der Utopie zu finden ist, an der sich längst vorhandene Elemente herauskristallisieren:

 

Das ist Poesie

 

Virgin

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. Juli – Virgin? Wohl nicht im Sinn sexueller Unberührtheit. Ganz im Gegentum, zurück zum Unzerstörten, das immer schon war und das sämtliche Sinne und Sensationen ganz natürlich in sich wahrnimmt – und sie aus sich selbst heraus ins Leben entfaltet. Virgin – das neue Album von Lorde öffnet mir Zugänge in ungeanhnte Welten jenseits der Hörgewohnheit, die jedweden allzu “massentauglichen” Pop von vorn herein ausblendet. Das ist einerseits ihrer zutiefst glaubhaften Poesiearbeit sowie ihrer überzeugenden musikalischen Gestaltung zu verdanken, die das Gesamtbild genauso stimmig wie selbstbestimmt klingen lassen. Und andererseits dem jahrelangen Bemühen meines Sendungspartners Christopher Schmall, von der Musik lyrisch zu erzählen. Und so beschreibt er “lordes virgin”:

Virgin (Lorde Album)junge frau
hämmert fragen
wandelt form zwischen
egotod und dna
augenblicklich
durchscheinblau
erwachsen aus scherben
könnt sie’s bloß sehen
loses abbild

nur logisch auf musik
mit poesie zu reagieren
verdichtungsreaktor einschalten
sich annähern mit rätselsinnlichkeit
nicht als funktionsinfozerrede
zwar kann über musik zu schreiben
so manches offenlegen
kann schleier lüften licht
werfen auf verborgene zusammenklänge
oder interviews mit der künstlerin
der herrscherin ihrer welt
in denen sie über ihr werk spricht
zum beispiel als nebenprodukt
innerseelischer entwicklungen
dich klararten mit klärkunst
dich freiheitern und basteln
am sound deiner selbstoffenbarung
greif in dein verstricktes dunkel
deinen urwald aus widerspruch
und gleichzeitigkeit aus dir
strömen lassen stöhnen
murmeln singen sprudeln
quellen krachend brechen

wrack werden horizont
jemand anderes erinnerung
als gäbe es keinerlei grenzen
so himmel so
himmlisch angesengt
so hin und her
wie schaukel über abgrund
sterne blinzeln herauf
und deine füße auf asphalt
in deiner hand flüssiger kristall
wunder über wunden
im blut die unnatur
die natürliche spaltung
und verschmelzung im blut
nicht mehr als versuche
die existenz zu ergründen
anzupinnen ans bewusstsein
vom atemhauch auf feuchtheißer haut
nach ekstase und ausschweifung
löst sich ein funke du
wir glühen alleinsam
also laufen ins messer
scharfe ungewisse wilde jetzt
in den moment in die halbe ewigkeit
zwischen zwei wimpernschlägen
wir tanzen und tanzen und springen
und krallen uns fest
auch an einander
und lassen nicht los
was wir glauben zu wissen
und stolpern ins leben
und fallen zerschellen
lassen uns sterben
aus den trümmern
setzen sich wieder und wieder
zusammen ein sein ein weiter
vielleicht nicht rein nicht unbefleckt
doch neugierig hungrig verwegen
jeder tag ein verwandeln
nichts bleibt still
die dinge sprechen aus dir
du hörst dir zu
bleibst dir nah
während du auf abstand gehst
um die fäden zu sehen
an die wir geknüpft sind
du malst bilder vom chaos
von der ruhe im wahnsinn
und der schönheit einer abgefuckten welt

 

Post Scriptum – Gespräche und Interviews, zum selbst Entdecken:

Fashion Neurosis (with Bella Freud)

Therapuss (with Jake Shane)

Solid Air (with Derrick Gee)

Tapes Note Podcast (with Producer Jim-E Stack)

triple j (with Abby & Tyrone)