Querschläger Gegenwind 35 / 900

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. März – Nunmehr, was wäre Werbung in einem nichtkommerziellen Medium? Und wenn ja, wie könnte das ausschauen oder besser noch, sich anhören? Schließlich sind wir ja im Radio und “Das Beste gibt es nicht zu kaufen.” Bewirkt solch Vorhaben nicht gehörigen Gegenwind? Mitnichten. Denn “auf etwas aufmerksam machen” und “anderen davon erzählen“ – ja, auch “das, womit man gute Erfahrungen gemacht hat, anderen nahebringen wollen” und “es daher weiter empfehlen” – all das bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn “für etwas die Trommel rühren”, also ganz allgemein “dafür zu werben”. Und so wollen wir heute für eine weit jenseits des Durchschnittsblues und der verflachten Texte agierende Musikkapelle werben, die uns schon seit einiger Zeit begleitet.

Querschläger - Gegenwind 35_900Die Rede ist von der Lungauer Band Querschläger und weder sie noch ein Vertrieb, eine Agentur oder ein Veranstalter haben uns für dieses Unterfangen auf irgendeine Weise bezahlt, begütert oder begünstigt. Darauf käme es nämlich an bei der “kommerziellen Werbung”, der wir uns aus guten Gründen enthalten – auf die jeweilige “Gegenleistung”. Und da finden wir uns auf einer Linie mit den sympathischen Nichtangepassten wieder, die ihr feines Jubiläumskonzert aus dem Salzburger Landestheater (vom 10. Oktober 2025) nicht nur in beachtlicher Tonqualität aufgenommen haben, sondern sämtlichen Verwertungsinteressen zum Trotz als Gratis-Download verfügbar machen. Naturgemäß bewerben sie auf diesem Konzert auch ihr aktuelles Album “Gegenwind”, das tun wir hiermit genauso – völlig gegenleistungslos, versteht sich. Ihr Kommentar zur Geldübermacht, die sich gegen jede Selbstbesinnung/Selbstbestimmung richtet, ist hier nachzulesen und geht so:

 

“glabst den schmårrn und trotzdem kimmst vom regn in de traufn
weil da teife weil da teife scheißt en greaßan haufn”

 

Wie das alles zusammenhängt mit dem uns seit Jahrhunderten gefickt eingeschädelten Schmårrn, der Kirche, den Nazis und den Brüdern Grimm, das wollen wir in unserer nächsten Perlentaucher-Nachtfahrt mit dem Titel “Eigensinnig” noch eingehender untersuchen. Die Querschläger jedenfalls, so viel steht fest, sind im allerbesten Sinn “eigensinnig” – das lässt sich nicht nur in den Texten von Fritz Messner nachlesen, das lässt sich auch in der 35jährigen Bandgeschichte mit über 900 Konzerten und 17 Tonträgern (Bootlegs nicht mitgerechnet) nachvollziehen. Daher also 35 / 900

 

Für die heutige Sendung in der Reihe “Das ganze Album” werden wir einige Stücke aus diesem Programm – sowohl neueste Gegenwind-Lieder als auch alte Hådern – auswählen, so dass ihr Lust aufs gesamte Jubiläumsmenü bekommt … Mahlzeit!

 

Eigensinnig

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. März – Was ist das“eigensinnig sein” … und was kann es für die Entwicklung des Menschenwelpen zum vollausgebildeten Homo sapiens bedeuten? Unlängst tauchte aus den Untiefen der europäischen Kulturgeschichte ein ebenso erschreckendes wie erhellendes Dokument (wieder) auf, nämlich eines der kürzesten Märchen aus der berühmten Sammlung der Gebrüder Grimm mit dem Titel “Das eigensinnige Kind”. Einmal abgesehen davon, dass dies der faktische Beweis dafür ist, dass die Nazis nicht einmal die “schwarze Pädagogik” selbst erfunden haben, offenbart diese bis aufs äußerste verdichtete Geschichte alle Elemente der von Generation zu Generation zur Seelenabtötung und Kindeszerstörung angewandten Unterwerfungsgewalt.

Eigensinnig 1“There must be some kinda way out of here …” Oder etwa nicht? Wollen wir einmal innehalten und uns die verschiedenen Aussagen in dem erwähnten Märchen genauer anschauen. Und ja, wiewohl der Text äußerst knapp ausfällt, enthält er doch in aller Kürze eine Vielzahl von Informationen, die uns exakt erklären, wie und wodurch ein Kind von seiner Mutter in Verbindung mit all den Gegebenheiten, denen sie wiederum unterworfen ist, als mögliche eigenständige Person … umgebracht wird. Der Vater, der in dem Text nicht erwähnt wird, spielt als vermittelnde Schnittstelle zwischen Mutter und Gesellschaft, als Übersetzer zwischen seiner Familie und der Außenwelt meines Erachtens eine ganz fatale Rolle. Im patriarchalen Kontext (Familienoberhaupt etc.) der Märchensammlung (erschienen im Jahr 1840) steht er für die Durchsetzung jener Werte und Normen, die von der Herrschaftsordnung in Kirche und Staat vorgegeben sind – und eingefordert werden. Und zwar mit Gewalt:

Eigensinnig 2“Wenn du nicht so bist, wie wir das haben wollen – und wenn du nicht das tust, was wir von dir haben wollen – dann kommt der liebe Gott und bringt dich um.” So übersetzen wir die Aufforderung zur Selbstvergewaltigung, der man ja vielleicht zu entkommen glaubt, indem man gehorcht und wieder andere vergewaltigt.

Lesen wir dazu jetzt den Text des Märchens im Original und lassen wir ihn auf uns wirken:

“Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.”

Outrage von Kerosin95 und Ozive

Eigensinnig 3Die Begegnung mit diesen beiden im besten Sinn politischen Künnst … schaffenden nach ihrem Konzert in der ARGEkultur war inspirierend für die heutige Auseinandersetzung mit der Frage: “Was ist eigensinnig genug für ein eigenes Leben?” oder auch “Was macht so eine möglichst eigenständige Person eigentlich aus?” Und genau da, wo Phantasie und Realität ineinander übergehen, wo die vermeintliche Verbotsgrenze zu einer tatsächliche Erlaubniszone wird, genau da wollen wir noch ein paar Betrachtungen zum “eigenen Sinn”zu den “eigenen Sinnen” anstellen. Beginnen wir mit “bei Sinnen sein” ebenso wie “seine Sinne beisammen haben”, was ja nichts anderes als das Ergebnis eines “zu sich kommens” veranschaulicht. Laut den Forschungsergebnissen von Joachim Bauer über Spiegelneuronen und Resonanzphänomene ist Eigensinn nicht nur sinnvoll, sondern grundlegend für unsere Entwicklung”. In diesem Sinn möchten wir dann auch “eigensinnlich” sein …

 

Wir alle sind die Radiofabrik

 

Kein Zurück – Fürs Klima ins Gefängnis

< Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. März – Vor einiger Zeit sind wir gefragt worden, ob wir nicht anlässlich des Internationalen Frauentags wieder einmal ein besonderes, also ein themenspezifisches, auf die Inhalte dieses (bei uns auch als Feministischer Kampftag bekannten) Tages bezogenes Programm gestalten wollen. Koinzidenterweise sind wir gerade unlängst einem sehr besonderen Radiobeitrag begegnet, den wir sowieso gern mit euch teilen und so weiter verbreiten möchten, nämlich dem Feature von Radio Radieschen mit dem Titel “Kein Zurück: Fürs Klima ins Gefängnis”, das mit dem 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung, und zwar in der Kategorie “Nachhaltigkeit und Zukunftskompetenzen”, ausgezeichnet wurde. Das Feature-Format “Hörfeld” empfielt sich – und wir empfehlen es heute weiter:

Radio Radieschen - Kein Zurück: Fürs Klima ins GefängnisDas Portrait einer jungen Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht und gegen alle Widerstände ankämpft. Sie soll davon abgebracht werden, die von ihr erkannte Wahrheit über die Gefährdung unseres Lebens mit den ihr zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln aufzuzeigen und die sie umgebende Gesellschaft aufzurütteln, endlich etwas gegen die fatalen Konsequenzen einer Politik zu unternehmen, deren Grundhaltung sie als zutiefst menschen-, lebens- und somit naturverachtend begriffen hat. Als “Verfügbarmachung allen Lebens zur verwert- und handelbaren Sache”, woraus ja folgt, dass alles Leben (Mensch und Natur) hinfort als jemandes Eigentum gilt, mit dem eben alles gemacht werden kann, was immer der Absicht und dem Willen der Eigentümer entspricht. Das bedeutet auch, dass durch diese Sichtweise (die längst eine Verfahrensweise ist) Natur verdinglicht wird, man kann mit ihr machen, was man willLeben verdinglicht wird, man kann mit ihm machen, was man willund Menschen verdinglicht werden, man kann mit ihnen machen, was man will

Die Verdinglichung von Menschen, sie zu einer Sache zu machen, über die man nach Belieben verfügen kann, das beschreibt der Philosoph Vilém Flusser in dem Vortrag “Der Boden unter den Füßen” als Kennzeichen jener Entmenschlichung”, die wir in den Verbrechen der Nationalsozialisten erkennen können, als besonders dramatisches Beispiel im Holocaust und da im mittlerweile zur Chiffre gewordenenen Symbol Auschwitz. Da er diese drastische Gestaltwerdung des Destruktiven als unserem zivilisatorischen Denken immanent begreift, ist dies auch kein Vergleich.

Der Versuch, “die jüdische Rasse in Europa zu vernichten” (Adolf Hitler), und die Bedrohung des Lebens der Menschen (psychisch noch halbwegs gesund sowie in unzerstörter Natur) durch den Klimawandel, diese beiden Ereignisse sind nicht vergleichbar. Umstände und Bedingungen zu ergründen, welche zu derartigen Auswüchsen führenund darin womöglich Parallelen zu finden, das sollte allein schon deshalb getan werden, weil es uns ermöglichen kann, wieder mit uns selbst, mit einander und mit dem gesamten Leben (was immer das ist) in Dialog zu treten.

 

Es gibt keinen Dialog ohne gedeihliches Gesprächsklima.

 

Respekt und Vertrauen.

 

Und Resonanz.