Loreena McKennitt – Lost Souls

> Sendung: Artarium vom Pfingstsonntag, 31. Mai – Anlässlich der zu befeiernden Ausgießung (sowie ihrer Stattfindung in Gestalt von Regen) und überhaupt deshalb, weil eh alles immer schneller, immer lauter und immer noch penetranter daherdröhnt ringsum, also jedenfalls aus Gründen, entführen wir euch heute in ein Zwischenreich aus kräftiger Stille und sanfter Energie, nämlich Loreena McKennitts bislang letztes Studioalbum Lost Souls. Auf dem titelgebenden Stück (zugleich die Schlussnummer) taucht sie aus ihrer lebenslangen Reise durch diverse versunkene Mythologien und Musiktraditionen endgültig im Hier und Jetzt der globalen Gefährdung auf. Im Text zur gewohnt atmosphärischen Musik bezieht sie sich auf Ronald Wrights Buch “Eine KURZE Geschichte des Fortschritts” – und stellt fest: “I’m coming home to you.”

Loreena McKennitt - Lost SoulsSpeziell eine Passage (aus dem Buch) hat es McKennitt angetan: “Wright sagt, dass unsere Spezies die moralische Richtung verloren hat, immer mit dem Blick auf den ‚Fortschritt‘, und dass wir so etwas wie verlorene Seelen geworden sind.” (Aus der feinen Rezension auf nordbuzz.de zitiert.) Wie des weiteren zu erfahren war, möchte die inzwischen über 60-Jährige ihr musikalisches Wirken künftighin zurück stellen, um sich vermehrt ihrer Familie und dem Kampf um die Rettung des Planeten vor der menschgemachten Zerstörung aller Lebensgrundlagen zu widmen. Respekt! Inne zu halten und sich auf das Wesentliche zu besinnen ist die einzig gute Grundlage für wirklich tragfähige Zukunftsperspektiven. Und nicht kurzatmig und kurzsichtig immer nur noch schneller der Kurzlebigkeit fragwürdiger Reförmchen zu obliegen. Beim hörenden (wer Ohren hat) Einsinken in die Klangwelt von Lost Souls werden unweigerlich Augenblicke der Verbundenheit mit dem ursprünglich Lebendigsein an sich hervor gerufen, wie man sie zum Beispiel im Blinzeln von Sonnenlicht durch sanft windbewegte Blätter, im stillen Seufzen angesichts des Sternenhimmels oder im atemberaubend klaren Geschmack frischen Quellwassers erfahren kann. Wer in letzter Zeit nicht mehr so oft hinaus konnte wie früher, wird das zu schätzen wissen.

Wir haben vor einigen Jahren bereits ihre legendäre Livesession “Nights from the Alhambra” vorgestellt, in der maurische und orientalische Einflüsse mit keltischen Traditionen verschmelzen. Auf ihrem neuen Album taucht dazu noch das Thema der israelischen Nationalhymne haTikwa (die Hoffnung) auf und feiert als “Sun, Moon and Stars” friedliche Urständ mit zahlreichen musikalischen Nachbar*innen…

 

Also dann, Shalom!

 

Goodbye Novecento

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. März – Im Jahr 1999 entdeckte ich das damals frisch veröffentlichte Konzeptalbum Goodbye Novecento des italienischen Cantautore Antonello Venditti, in dem er seine Gefühle und Visionen im Hinblick auf den nahen Milleniumswechsel zum Ausdruck brachte. Das italienische “Novecento” bezeichnet nämlich das, was wir im Deutschen als “20. Jahrhundert” verstehen und – wegen der Zahlen – eh gern mit dem Neunzehnten verwechseln. Nun läuten wir ja gerade die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts ein (Bimbam, wie die Zeit verfliegt) und so passt diese Würdigung eines ganzen Albums auch hervorragend zu dessen 20-jährigem Erscheinungsjubiläum. Darüber hinaus scheint es in vervirten Zeiten wie diesen geboten, an die belebende Kultur der italienischen Linken zu erinnern.

Goodbye NovecentoAntonello Venditti, ein gläubiger Christ und zugleich sozialkritischer Künstler, begründete zusammen mit Francesco De Gregori, Lucio Dalla und anderen Alt-68ern die sogenannte “Römische Schule” der Cantautori. In den 60er und 70er Jahren war es durchaus nicht ungewöhnlich, sich aus kirchlichen Kreisen heraus in die Politik der Gesellschaftsreform einzubringen. (In Salzburg etwa gründete 1966 die “Katholische Arbeiterjugend” das erste Jugendzentrum der Stadt, aus dem sich in über 50 Jahren das heutige MARK entwickelte, das gerade wieder einmal heiß umfehdet, wild umstritten ist). Ebenso umstritten waren einige Liedtexte der erwähnten Sänger/Dichter/Musikanten. So wurde Lucio Dallas “4/3/1943” (Gesù bambino) rüde zerrupft und zensiert, Antonello Venditti für sein “A Cristo” sogar gleich wegen Gotteslästerung angeklagt. Es zeigt sich immer wieder aufs Neue, was die jeweiligen Machtspieler von “eigenständigen Ansichten mündiger Bürger*innen” halten. Wer die jeweils vorgehupfte Ideologie nicht gläubigst bejubelt, wird konsequent aus der Öffentlichkeit verschwunden. Und schon sind nicht mehr die Verbrecher das Problem, sondern diejenigen, die deren Verbrechen darstellen. Das sind ja auch die sensiblen und oft prophetischen Kunstschaffenden.

Im Jahr 1979 war ein Lied namens “Bomba O Non Bomba” hier in Österreich in aller Ohren und erweckte massenhaft die erwünschten Urlaubsassoziationen. Dass sein überaus poetischer Text von Vendittis ambivalenten Erfahrungen in jener Zeit der “Bleiernen Jahre Italiens” erzählt, das wissen dagegen nur die wenigsten. Wir wollen in dieser Sendung auch die Besonderheit seiner Dichtkunst aufzeigen, nicht zuletzt anhand des Titels “In Questo Mondo Che Non Puoi Capire” vom gegenständlichen Album “Goodbye Novecento”. Das hierzu verlinkte Video sagt eh schon sehr viel…

 

Corona? Malgrado te!

 

Als der eiserne Vorhang fiel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 27. Oktober – “Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten”, sprach einst Walter Ulbricht. Kurz darauf mauerte und zäunte sich die DDR erst so richtig ein. Von 1961 bis 1989 erhob sich die Berliner Mauer als (fast) unüberwindbare Barriere zwischen Ost und West, dazu noch ein ebenso (fast) undurchdringlicher Zaun entlang der gesamten innerdeutschen Zonengrenze als Teil des eisernen Vorhangs zwischen kommunistischen und kapitalistischen Ländern. Am 9. November 1989 (also vor 30 Jahren) wurde die Berliner Mauer wieder geöffnet, und mit ihr “fiel“ nach und nach auch der restliche “eiserne Vorhang”. Aber auch vor diesem “Fall” versuchten Menschen aus verschiedenen Gründen, die Systemgrenze durchlässig zu machen. Und das waren in den meisten Fällen keine Berühmtheiten…

Als der eiserne Vorhang fielZum 30. Jubiläum dieses Vorgangs überschlagen sich die Amtsmedien wieder mal mit Gedenksendungen, dass einem dabei schwindlig wird. Mich verdrießt aber bei dem ganzen Tohuwadoku, wie Jahr für Jahr die immergleichen Prominent*innen ihre längst bekannten Erinnerungen in alle verfügbaren Kameras sülzen, wohingegen die “einfachen Leute” dabei so gut wie nie vorkommen. Als ein braves freies Medium, in dem vorzugsweise auch jene zu Wort gelangen, “die in den sonstigen Medien unterrepräsentiert sind”, bringen wir diesmal eine der vielen “kleinen” Geschichten zu Gehör, aus denen die “große” Geschichte ja ursprünglich besteht, bevor sie von den “Siegern” für ihre Zwecke interpretiert werden kann. Und diese “erzählte Wirklichkeit”, umrahmt von künstlerischen Darstellungen ihrer Zeit, soll einen geistigen Freiraum bewirken, in dem sich vortrefflich vorstellen lässt, wie es auch noch ganz anders sein könnte. Beziehungsweise, was Grenzen bedeuten. So wollen wir auch auf die etwas andere Gedenkveranstaltung “mauern MAUERN” der SAG am 4. 11. im Salzburger Literaturhaus hinweisen, bei der Mauerfall sowie eiserner Vorhang der Befragung durch dichterische Phantasie unterzogen werden.

Eine große Inspiration war und ist uns der Song “Sommer 89” von Kettcar. Danke!

Zur Einstimmung gäbs hier noch zwei Zeitzeugenberichte: “Flucht in die Zukunft” aus der Perspektive burgenländischer Fluchthelfer- und Unterstützer*innen sowie “Tausend Augen auf dem Kassettenabspielgerät” aus Erinnerungen der Rockband Silly im Hinblick auf Songtexte und Zensur in der DDR.

 

The Wall zum Geburtstag

Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. September (Doppelstunde) – Haben wir jetzt endlich alle Jubiläen beinand? Neben Woodstock und dem 2. Weltkrieg gäbs da noch Roger Waters und The Wall. Das legendäre Pink-Floyd-Konzept-Doppelalbum kam im Herbst 1979 erstmals als Studioversion über uns – und entwickelte sich schon bald zu einer interdisziplinären Darstellungsvielheit, die bis heute immer wieder zu neuen Wegen des Musik- und Geschichtenerlebens inspiriert. So entstand etwa 1982 unter der Regie von Alan Parker ein wahrhaft genresprengender Film (Ausschnitt) zu The Wall, in den Jahren zuvor war die Rockoper noch von Pink Floyd selbst gelegentlich als Livekonzertspektakel aufgeführt worden, und 1990 inszenierte sie Roger Waters anlässlich des Falls der Berliner Mauer noch einmal neu – am Brandenburger Tor…

Roger Waters - The Wall Live (Film)Doch damit nicht genug ging der inzwischen in Ehren ergraute und nichtsdestotrotz nimmermüde Pink-Floyd-Miterfinder noch von 2010 bis 2013 mit einer behutsam weiter entwickelten Version von “The Wall Live” auf Welttournee. Der Fokus seines schier unendlichen Work-In-Progress verschob sich dabei mit der Zeit vom bloßen Beobachten allgemeiner Entfremdung hin zu einer furiosen Kritik an den dafür ursächlichen Verhältnissen. Der heute 76-jährige Roger Waters ist zu Recht zornig und weist mit dem Finger des Propheten in die klaffenden Wunden unserer Welt: Krieg als ultimative Erscheinung staatlicher Gewalt gegen den Einzelnen. Bei ihm heißt das zugrunde liegende Prinzip Staatsterrorismus – und speist sich auch aus seinem Nichterinnern an den Verlust seines Vaters Eric Fletcher Waters, welcher 5 Monate nach Rogers Geburt in der völlig verunglückten allierten Landeoperation bei Anzio zu Tode kam. Sein lebenslanges Abmühen an diesem so umfassenden Grundtrauma, und dass er es bis heute in künstlerische Ausdrucksformen zu übersetzen versteht – das macht uns den Mann einfach sympathisch. Man höre etwa “The Fletcher Memorial Home”

Roger Waters - mehr als nur der Schöpfer von The Wall

Nachdem wir uns jetzt jahrelang durch (oft recht räudige) Live-Bootlegs und obskure Audience-Videos (bis hin zur leider nicht mehr auffindbaren Konzert-Reconstruction vom Mai 2012 in San Francisco, bestehend aus ebensolchen) durchgequält haben, ist mittlerweile ein ordentlicher Konzertfilm erschienen, der am 6. September 2014 (dem 71. Geburtstag des Künstlers) erstmals gezeigt wurde. Wir spielen den Sound-Rip des Spektakels heute zu seinem 76. Geburtstag (sowie zum 58. des Hundes) und erinnern an das erstmalige Auftauchen von verstörenden Bildern: “Another Brick in the Wall”

 

So you thought you might like to go to the show

 

PS. Hier noch die berührende Geschichte, wie Roger Waters nach über 70 Jahren vom Anzio-Veteranen Harry Shindler Genaueres über den Tod seines Vaters erfuhr.

 

Verdutzend

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 17. März – Die wortkreative Entsprechung zu Salzteigprothese muss einfach Vollkornschraubenschlüssel sein. Verdutzend? Den Ein- und Ausgeweihten wird schnell bewusst, worum es hier geht: Vor inzwischen zwölf Jahren (in Worten 12) erschuf der nimmermüde Querkünstler Peter.W. die Sendereihe Artarium und somit ist das Dutzend voll. Uns verdutzen seitdem die schöpferischen Spätfolgen dieser Unternehmung aufs vortrefflichste – und immer wieder aufs neue! Zur Würdigung dieses Umstands, liebe Schlagerfreunde, wollen wir diesmal einem ebenso umtriebigen Wortschwurbler und Zusammenhangstifter unser Gehör leihen, nämlich Rainald Grebe, dieser Allroundrampensau zwischen Wahnsinn und Erfolg. Und wir wollen ihm dabei sogar sein abgeschlossenes Studium verzeihen. Kunnst!

Im Verdutzend billigerVolksbildnerischer Exkurs: Verdutzend als titelspendende Wortvermischung aus Dutzend und verdutzt vereint zwei etymologisch nicht verwandte Begriffe zu einer bisher dergestalt noch nicht dagewesenen Bedeutungsebene. Durch die absichtliche Legierung der beiden Wortelemente entsteht ein Kunstsinngehalt, der wiederum zu selbsteigenem Sprachspiel weiter entwickelt werden kann. Womit wir bei den philosophischen Grundfragen angelangt wären: Was ist ein Künstler? Warum gibt es kein bedingungsfreies Grundeinkommen? Und wann gibts endlich Mittagessen? Diese höchst ernsten Probleme der Zivilisation (und der mit ihr verbundenen Müdigkeit) werden wir hier in gewohnt ironischer Weise verhandeln, indem wir die Wirklichkeit bis zu ihrer Kenntlichkeit entstellen. Damit sie uns nicht allzusehr verwirrt, die Verwirrklichkeit. Ein Kunstuniversum ist eben keine Hochschulvorlesung übers Reimeschmieden.

Höchst hörenswert ist jedenfalls die bei Freirad in Innsbruck produzierte Sendereihe Ethnoskop – Kultur für die Ohren, die zudem an jedem zweiten Sonntag im Monat um 18 Uhr (also gleich nach dem Artarium) auf den Frequenzen der Radiofabrik gut zu hören ist. Wir freuen uns immer wieder über deren thematische und gestalterische Vielschichtigkeit – und eben auch darüber, dass der von uns so geschätzte Rainald Grebe dortselbst des öfteren zu (meist gesungenem) Wort kommt. Ein vielfaches Hoch also auf die gepflegte Collage aus Strandgut und Kultur. Zur Einstimmung wie auch zur Abrundung ein Amuse Geule zur anregenden Verdauung des 20. Jahrhunderts…

 

Je Geld desto Oasch

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. September – Eine kleine Einführung in die Welt des Mammonismus. Wenn es “über einen gewissen Punkt hinaus” nur noch ums Geld geht, dann sind die Auswirkungen dieser Grundhaltung für alle Beteiligten (mit Ausnahme der wenigen Gewinnler), wie wir hierorts zu sagen pflegen, oasch. Der genauen Herleitung dieses mundartlichen Ausdrucks entschlagen wir uns jetzt aber – und verweisen darauf, dass man derlei einfach “eh” spüren kann. Es geht dabei nicht unbedingt um Geld an sich (und dass es sich oasch anfühlt, wenn man gar keins hat), sondern um die Vermehrung desselben – zum Zweck seiner immer noch weiteren Vermehrung. Oder das Anhäufen von Geld – zum Zweck seiner Anhäufung. Auch die Querschläger bemerken: “Weil da Teife, weil da Teife scheißt en greaßan Haufn.”

Je Geld desto Oasch - Szenenfoto aus Jedermann (stirbt)Womit wir beim Jedermann wären, dieser unvermeidlichen Cash-Cow  der Salzburger Festspiele. Oder auch beim informellen EU-Gipfel, bei dem die Oberhauptdarsteller der Geldmachtwerte im hübschen Bühnenbild ein paar Blasen heißer Luft zerkauen. Danach gehen alle wieder zur Tages(un)ordnung übel, und passt. Der Bundeshutständer schweigt wortreich in die Kameras und verströmt Zuversicht – fragt sich bloß, für wen? Es lebe die gepflegte Koinzidenz! Just zur selben Zeit (wie diese Sendung) findet am Burgtheater eine Aufführung der dramatischen Übertragung “Jedermann (stirbt)” von Ferdinand Schmalz statt. Dieser löblichen Bemühung verdanken wir das passende Szenenfoto. Etwas ähnliches hat Felix Mitterer schon 1991 mit dem Bühnenstück “Ein Jedermann” unternommen. Das wissen aber offenbar nur noch die wenigsten Theaterkritiker. Weils halt nicht mehr im Gespräch ist, und damit nicht mehr aktuell, und damit nicht mehr profitabel, rentabel, Telekabel. Weil es den Quadratkasperln nicht darum geht, was für die Menschen (für die sie doch schreiben, oder?) von Gewinn ist, sondern was Quote bringt, also was den Investoren Profit verschafft. Das ist Mammonismus – und genau das ist oasch!

Schön zusammengefasst. Was das jetzt alles mit dem Außengrenzschutz sowie den politischen Interventionen der EU in Afrika zu tun hat, darüber informiert etwa die hervorragende Dokumentation “Türsteher Europas” – ein Zitat daraus: “Mittlerweile sterben wohl mehr Menschen in der Wüste als im Mittelmeer.” Und wie die Zunahme (nicht der Tsunami) des Rechtspopulismus zumeist mit Banken- und Finanzkrisen zusammenhängt, darüber lässt sich in dieser SPIEGEL-Kolumne näheres erfahren.

 

Wir wünschen euch guten Appetit. Und einen gesunden Saumagen…

 

Wilfried, Gut Lack!

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Februar – In unserer beleibten Reihe “Irgend so was wie ein Nachruf” würdigen wir diesmal Wilfried Scheutz, der vor nicht allzulanger Zeit “von uns gegangen” ist (wie man zu sagen pflegt). Mit seiner unverwechselbaren Reibeisenstimme durchpflügte er seit den frühen 70ern eine Vielzahl von musikalischen Genres. Dabei oblag er nie der bloßen Nachahmerei, sondern interpretierte jedes noch so geläufige Thema in seiner ganz eigenen, oft auch eigenwilligen Art und Weise. Das Reinheitsgebot des Hergebrachten blieb dem Urviech zeitlebens erfrischend fremd, und so ist es kein Wunder, dass Wilfried, in den mehr als 45 Jahren seiner aktiven Laufbahn, aus allem nur Erdenklichen wie etwa A Capella, Rock, Volksmusik, Dichtung und Pop fortwährend Neues erschuf.

Gut Lack WilfriedAngenehmerweise immer mit dem selbstironischen Augenzwinkern des sich selbst Spürens in einer Welt, die unvollkommen bleiben wird, aber zum Gestalten einlädt. Dies möge sich selbst erklären, zum Beispiel durch die Frühwerke “Ziwui Ziwui” oder “Orange”… Naturgemäß war für uns zwei die Hymne “Lauf Hase Lauf” ganz besonders bedeutsam, stellt sie doch die gewohnte Weltsicht auf den Kopf, indem sie den verfolgten Hasen zum Helden der Geschichte erhebt. Hier noch die Altersversion davon, dargeboten gemeinsam mit seinem Sohn Hanibal Scheutz (der im Hauptberuf Bassist bei 5/8erl in Ehr’n ist). Die Kunst der gepflegten Parodie (wofür Selbstironie ja die Voraussetzung ist) führte Wilfried schließlich mit dem A-Capella-Projekt 4Xang zu bislang unerhörten Höhen (und Bässen). Hierzu das rare Live-Video ihrer Version von Queens zeitlosem Mitgröhlhit “We Will Rock You”. Diese vier Wildererbuam brachten so ziemlich alles zu Gehirn und Hör, was nicht rechtzeitig (so ca. bis 3) vor ihnen auf den Baum floh. Und das war fürwahr nicht viel. Unter anderem verdanken wir den Herren eine grandiose Interpretation von Georg Kreislers Telefonbuchpolka, von welcher ich erstmals sämtliche Namen mit V herunter transkribierte …

Zu guter Letzt erschien bei Monkey das Album “Gut Lack”, das wir hier und jetzt vorstellen und sehr empfehlen. Mit diesem im Wissen um den nahen Tod gezeugten Opus Ultimum begibt sich der Österreicher Wilfried in die Wesensnachbarschaft von Leonard Cohen und David Bowie. Die Würde des Menschen umfasst durchaus auch sein Leiden – und Sterben.

 

Was wird?

 

Abrahams Nebenwirkungen

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Januar – Diesmal gehts um religiöse Schriften und ihre Auswirkungen auf die Weltpolitik. Speziell um eine Geschichte, die wir aus dem christlichen Alten Testament, der jüdischen Tora sowie dem heiligen Buch der Muslime, dem Koran kennen. Sie ist in der bildenden Kunst weit verbreitet und wird meist als Abrahams Prüfung oder Opferung Isaaks bezeichnet. Dazu hat das Jüdische Museum Berlin vor einiger Zeit eine mutige Ausstellung mit dem Titel “GEHORSAM” ausgerichtet, in der auch den verschiedenen Interpretationen durch die drei “abrahamitischen” Religionen nachgespürt wird. Mutig war dabei vor allem die Berufung des bildgewaltigen Filmregisseurs und ausgewiesenen Atheisten Peter Greenaway, dieses Thema  gemeinsam mit Saskia Boddeke zu bearbeiten.

Adi Holzer - Abrahams OpferNun ist wieder einmal die Dokumentation jenes Zusammenwirkens aufgetaucht: “Der grausame Gott? – Gewalt, Religion und Kunst” Sie hat mich persönlich mit einigen neuen Erkenntnissen überrascht, weshalb ich sie unbedingt weiterempfehlen möchte. Derlei fundamentalistischer Wahnsinn wie zum Beispiel Menschen auf Gottes Befehl zu opfern war mir schon immer ein Gräuel. Und diese merkwürdige Hochjubelung von Abrahams blindem Kadavergehorsam zum Heldentum der christlichen Tradition fand ich ebenfalls schon lange extrem stinkert … Riecht verdächtig nach Kirchengeschichte, nach “Gott mit uns” und Waffensegnung! Umso erstaunter war ich, zu erfahren, dass im Judentum das Nichtgeopfertwerden Isaaks im Vordergrund steht, Abrahams nebulöse Gehorsamkeit hingegen Anlass zu Hinterfragung und Widerrede ist. Ja da schau her! Den Gipfel der Erleuchtung bescherte mir dann jedoch der Imam Tareq Oubrou, der die entsprechende Passage aus dem Koran interpretierte. Dort TRÄUMT Abraham (Ibrahim) von einem göttlichen Auftrag, seinen Sohn zu opfern, und erzählt diesem am nächsten Morgen verwundert darüber. Der Korangelehrte legt diese Sure dahingehend aus, dass Eltern mit ihren Kindern über alle Themen, die deren Zukunft angehen, reden sollten – und auch mit ihnen zusammen entscheiden, was zu dann tun sei. Respekt! Und das in Zeiten, in denen wir ja gemeinhin fast ausschließlich mit Islamophobie vollgeschwallt werden.

In dem Zusammenhang wollen wir nachdrücklich die Position der Bedrohten und Verfolgten einnehmen, und zwar im Hinblick auf die totalitären Ansprüche in allen Religionen und Ideologien. Gerade rund um den Holocaustgedenktag (Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar) muss uns bewusst werden, wohin so etwas wie “Der Glaube des österreichischen Katholiken Adolf Hitler” geführt hat, und wohin uns der blinde Gehorsam gegenüber jedweder “Obrigkeit” jederzeit wieder führt.

Als Hirnfutter fürs immerwährende Niewieder gibts auch unsere Hörstolpersteine

 

Es gibt, es gibt, es gibt

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. September – Es gibt einen geraden Weg, PeterLicht in der ARGEkultur (am Samstag, 30. September) – und überhaupst eine ganze Menge an Interaktion von Dichtkunst und Musik in der kommenden Woche, wovon hier ein Reden (und naturgemäß Hören) sein soll. Ein Kunnst- und Subkultur-Magazin, wie das Artarium seit seinen Anfängen vom Gründer Peter.W. immer so gern bezeichnet ward, darf, kann – ja, muss sogar gelegentlich über bevorstehende Umtriebe der heimischen wie überregional bedeutsamen Kunstschöpferei berichten. Und sich einen kritischen Seitenhieb erlauben auf die Lieb- und Inspirationslosigkeit, mit welcher derlei Veranstaltungen oft “beworben” werden, seitdem “das Internet” zunehmend von Kommerzkasperln durchseucht ist. Geld stinkt eben doch.

Es gibt das Sausen der WeltJe mehr wirtschaftliche Interessen ins Spiel kommen, je mehr es um die gewinnbringende Vermarktung der Veranstalterei geht, umso fader, phantasieloser und schlichtweg austauschbarer werden sogleich diesbezügliche Ankündigungen gefühllos automatisiert hingeklopft. Es gibt kaum noch originär eigenes Gedankengut, nur mehr Copy und Basta. Dem gegenüber sei hier nun aus vollstem Engagement für den Sinngehalt der entsprechenden Veranstaltungen eingetreten! So entstammt unser vielsagendes Artikelfoto (von Alexi Pelekanos) dem Kulturblog Mottingers-Meinung.at und zeigt die Arbeiten an PeterLichts “Das Sausen der Welt” im Wiener Schauspielhaus. Und statt der seit Jahren üblichen PeterLicht-Standardvideos (gähn!) könnt ihr euch hier schon mal einen Eindruck von der öffentlichen Zeitauflösung des Lieds “Gerader Weg” machen. Und wenn ihr dem LeseKonzert von PeterLicht am Samstag in der ARGE beiwohnen (was wir durchaus empfehlen) und mit ihm “Die Emotionale” singen wollt, dann vermittelt diese WDR-Sendungsbeschreibung einen zutreffenden Eindruck von manchem, was euch da erwarten könnte. Es gibt nämlich Performance in Progress…

Es gibt TauDarüber hinaus gibt es in den nächsten Tagen noch ein paar weitere Termine der gediegenen Art und zur gepflegten Begegnung mit Wort & Klang. So sind bereits am Montag, 25. September von 22 bis 00 Uhr die Jungautoren Thomas Mulitzer und Christopher Schmall in der Radiosendung mit der etwas spezielleren Musikauswahl, dem gehobenen Late Night Talk namens TALK2MUCH, live lesend gut zu hören. Ersterer (nebstbei von Detailsinn dargestellt) präsentiert am Freitag, 29. September um 19:30 Uhr im Salzburger Literaturhaus seinen Debutroman “Tau” (eine Replik auf Thomas Bernhards “Frost”, erschienen bei Kremayr & Scheriau), nicht ohne im Anschluss als TWO ON GLUE (zusammen mit Wolfgang Posch) zu konzertieren. Selbigen beiden verdanken wir übrigens auch eine recht schöne Doppelsendung über Ilija Trojanow. Zweiterer (der Artariumhase), inzwischen Obmann der Salzburger Autorengruppe SAG, tritt wiederum bei deren Anthologie-Vorstellung am Dienstag, 26. September ab 20 Uhr in der Panoramabar der Stadtbibliothek als beitragender Dichtkünstler auf. Viel Spaß mit den vielen Links! Wir wollen unser Publikum ja auch mal überfordern.

 

Herabwürgung religiöser Lehren

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. Juli – Eine intelligente Sendung über das, was geht – und das, was nicht geht. Und darüber, wie man es doch machen und dabei auf der sicheren Seite bleiben kann. Es geht natürlich um die sogenannten No-Gos der Programmgestaltung wie etwa Sexismus, Rassismus, Aufrufe zur Gewalt und das elegante Beleidigen von Religionsvertretern sowie sonstigen Oberhäuptern. Ganz offensichtlich (das legt ja schon der Titel nahe) handelt es sich hierbei um einen satirischen Beitrag, der im Brecht’schen Sinn (unter anderem durch Übertreibung) “die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit entstellt“. Oder wie beschrieb einst Karl Kraus den Salzburger Jedermann? – “Der aberwitzigste Dreck” – und trat umgehend aus der katholischen Kirche aus. Na also, geht doch. Und jetzt wir: ACHTUNG SATIRE!

HerabwürgungRufen wir also zunächst einmal zum Oralverkehr mit einem Gangsta-Rapper sowie zur Tötung eines populären TV-Moderators auf, verhöhnen wir sodann pauschal alle männlichen Journalisten (das ist doch sowas von sexistisch), bevor wir die christliche Religion schmähen und dabei die geistige Gesundheit des Papstes in Frage stellen, Angela Merkel “ficken” sagen lassen – und darüber nachdenken, warum sich Kurz auf Furz reimt. Alles ganz schön gefährlich – doch im geigneten Kontext, in indirekter Rede, als Satire kenntlich gemacht oder einfach nur mit dem richtigen Konjunktiv geht viel mehr, als man glaubt, können zu dürfen. Denn unsere Inhaltsregeln sind nicht dazu da, bestimmte Themenbereiche insgesamt aus dem Programm zu verbannen. Sie dienen vielmehr dazu, bestimmte Haltungen wie Hetze, Kommerz, Propaganda und überhaupt das Fürdummverkaufen der Hörer_innen hintan zu halten. Genau dafür gibt es auch die Programmkommission. Und nicht dafür, dass hier alle so schön sprechen, wie es einige Wichtigkeiten wohl gern hätten, dass wir ihnen Honig ums Maul brunzen.

Herabwürgung WarnhinweisAuf jeden Fall werden wir in dieser Sendung einige Möglichkeiten des Umgangs mit “schwierigen Themen” exemplarisch anleuchten, naturgemäß auf die uns eigene Art der augenzwinkernden Zwischentöne. Denn zwischen Warz und Schweiß existieren ja unzählbare Schattierungen von Gunkel und Heil. Womit wir beim Antisemitismus angelangt wären, einer der zahllosen Varianten des Rassismus (den wir nicht mögen). Und somit bei einem weiteren Grund, weshalb diese Darbietung keine (nach § 188 StGB strafbare) Herabwürdigung religiöser Lehren ist, sondern die Darstellung genau jener Herabwürgung, die viele Menschen guten Willens Tag für Tag so unsäglich schlucken macht, wenn sie versuchen, zu verdauen, was ringsum vorgeht. Die fortwährende Herabwürgung des Brechreizes, den uns die Hirnblasen der religiösen Leeren verursachen. (Siehe “Die Ursache” von Thomas Bernhard).

Deppert sein sollte man dabei lieber nicht. Aber hört selbst …