IN BETWEEN

Artarium am Sonntag, 8. Februar um 17:06 Uhr – Nachdem wir nun (völlig zu Recht) mit der ausgezeichneten Gedenkkultursendung “Unzerstörbar” zum 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert waren, denselben dann aber leider doch nicht gewonnen haben (warum auch immer) und jetzt am Montag, 16. Februar um 19 Uhr die Premiere unseres Dokumentarfilms “IN BETWEEN” im Das Kino stattfinden wird, sind wir auch in dieser Hinsicht (was die öffentliche Wahrnehmung unserer Arbeit anbelangt) im wahrsten Sinn des Wortes “dazwischen” oder eben “im Between”. Da bietet es sich naturgemäß an, wieder einmal so richtig innezuhalten und zu schauen, was dieses “kreative Kraftfeld” zwischen uns beiden eigentlich ausmacht und … was für eine “Zwischenwelt” wir da immer wieder erleben, gestalten und darstellen.

IN BETWEENUm diese Selbstbespiegelung auch für das unsichtbare Publikum auf unterhaltsame Weise stattfinden zu lassen und dem geheimnisvollen “Between” sowohl von innen wie auch von außen näher zu kommen, laden wir Carla Stenitzer zu uns ins Kunnstbiotop ein. Im Gespräch mit ihr werden sich nicht nur die für uns unsichtbaren Aspekte des gemeinsamen Radiomachens erhellen, sondern darüber hinaus auch die gesundheitsfördernden gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Experimente im nichtkommerziellen Umfeld eines wirklich freien Radios. Zitat aus unserem Film: “Freies Radio ist eine Notwendigkeit in diesem ganzen … Gebräu aus politischen Interessen, kommerziellen Interessen und Quotennotwendigkeiten …” Und überhaupt: “Freies Radio ist das, wo der Mensch sein kann, wer er ist … und das machen (kann), was er ist.” Dem wollen wir in dieser Sendung auf den Grund gehen.

Gleichzeitig finden wir uns dabei auch im Bereich des Nichtdefinierbaren wieder. Ein Großmeister der Innenweltbeobachtung, Peter Gabriel, hat dies in der Einführung zu seinem Song “Secret World” bei einem Livekonzert in Tinley Park so ausgedrückt: “Sometimes people collect together. But two people merge together sometimes so close that you can’t see any space in between. And all of a flash … little pockets appear … little cracks … and a little rumble in the distance … this we could describe as the secret world.” Genau um dieses öffentliche Geheimnis geht es auch in unserer Arbeit:

 

A secret world …

 

Das Leben geht weiter

Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. Januar – Aus gegebenem Anlass wiederholen wir diesmal unsere Sendung vom 27. April 2025 mit dem Titel “Unzerstörbar”. Mit ihr wurden wir vor einiger Zeit für den 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert und die Verleihung desselben findet jetzt am Donnerstag, 22. Januar im ORF-RadioKulturhaus statt. Im DrehPunktKultur erschien unlängst ein Bericht darüber, was uns “hinter den Kulissen” bei der Gestaltung dieser Sendung noch beschäftigte. Denn wiewohl sie sich mit dem Gedenken an die Salzburger Bücherverbrennung von 1938 auseinandersetzt, beleuchtet sie das Leben jener “Nachgeborenen”, die den Nationalsozialismus gerade nicht mehr selbst erlebt haben, jedoch von seinen Folgen betroffen sind.

Das Leben geht weiterWir erinnern uns noch gut an die Begegnung der Generationen, die wir gemeinsam mit Marko Feingold am jüdischen Friedhof und in der Salzburger Synagoge inszeniert und als ein bleibendes Dokument für das Archiv der Freien Radios aufbereitet haben. Jetzt, wo die letzten Überlebenden allmählich aussterben”, ist es an der Zeit, die Aufgabe des Bewahrens und des Erzählens dieser Geschichte(n) an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Denn was die Kinder und die Enkel und bald auch die Ur …und so weiter… enkel in ihrem jeweiligen Leben antreffen, das ist eingefärbt und geprägt von dem, was ihre Vorfahren erzählt, verschwiegen oder umgedeutet haben. Das Ringen ums eigene Überleben inmitten von all den Leerstellen in den Familiengeschichten qualifiziert uns zu “Zeitzeugen der nächsten Generation”. Und damit ist auch die Möglichkeit verbunden, unsere “Leerstellenforschung” als Geschichte(n) weiter zu erzählen.

Ob und wie wir diese Chance für uns nutzen, ob und wie wir unser Leben für die Mitwelt fruchtbar machen, ob und wie wir dabei Schmerz und Lust erleben (und uns erlauben, auch zu zeigen, was wir fühlen), das bleibt der freien Entscheidung jeder und jedes einzelnen überlassen. Und, um der verbreiteten Angst vor Leerstellen, leeren Räumen oder der Leere an sich entgegenzuwirken, die Theaterpädagogin Peetra Jendrzejek prägte den Begriff des “kreativen Vakuums”, der bedeutet, dass jede noch offene Frage eine Sogwirkung zu ihrer eigenen Beantwortung entfaltet.

 

Und wir, die wir leben, sind schöpferische Wesen, die (auch unbewusst) antworten.

 

Ich will mich integrieren

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 9. Januar – Es ist schon erstaunlich – auf die Frage, was ihnen bei dem Satz “Ich will mich integrieren” als erstes in den Sinn kommt, fällt den meisten “in eine Gruppe”, “in die Gesellschaft”, “in diesen oder jenen Arbeitsablauf” und dergleichen mehr ein. Daran, dass diese Absicht zunächst einmal nicht nach außen, sondern nach innen gerichtet sein könnte, denken sie, wenn überhaupt, erst in zweiter Linie. Dabei ist “die innere Integration” überhaupt erst einmal die Voraussetzung dafür, dass einem Menschenwesen das Zusammenleben mit anderen lebensfreundlich gelingt. Und zwar auf eine Art und Weise, dass es die eigene Persönlichkeit nicht verbiegen oder verleugnen oder gar vergewaltigen muss, um nützlich zu sein und dadurch erst akzeptiert zu werden.

Ich will mich integrierenWie ich eine solche “innere Integration” verstehe, das gibt folgender Ausschnitt aus einem Brief an einen Freund ganz gut wieder:

„Ich will mich integrieren.“

Den Satz könnte man jetzt natürlich so lesen, dass ich damit meine „in irgendwas außerhalb von mir“ (eine Gruppe oder Gemeinschaft oder was auch immer). Doch ich bezog mich auf meine fast verlorenen, ins Unbewusste verbannten oder sonst irgendwie „von mir abgetrennten“ inneren Kinder (die ja auch niemand anderes sind als ich ^^) sowie auf meinen Wunsch, möglichst viele von ihnen noch zu meinen Lebzeiten (wieder) in oder bei mir aufzunehmen. Also eigentlich „Ich will mich in oder mit mir integrieren.“ Das könnte jetzt sowohl ich als der Erwachsene sagen, der diese Kinder (wieder) bei/in sich aufnimmt. Aber eben auch ich als jedes dieser Kinder, das den sehr lange unerfüllten Wunsch äußert, sich jetzt endlich (wieder) bei/in mir einzufinden und zurecht zu finden.

Ich will mich integrierenNun ist es ja wohl so, dass wir alle mehr oder weniger “in between” sind – also im Prozess des Austauschens von inneren und äußeren Wirkungen. Die Einwirkungen von außen können sich innerlich so oder so auswirken – und umgekehrt. Denn was da innerlich in uns wirkt, das hat wiederum Auswirkungen auf die Welt da draußen, was dann auch wieder die Rückwirkungen auf uns selbst verändert. Dies mag zunächst einmal unübersichtlich sowie in all seiner Komplexität kaum je bewusst, gesteuert, kontrolliert veränderbar erscheinen. Doch wie mir ein unlängst ganz neu zur Welt gekommener Kollege gezeigt hat, ist dieses Spiel von Wechselwirkungen vollkommen natürlich. Und zu dessen Ausübung und zunehmender Meisterschaft bringt jedes Kind auch wirklich von vornherein alles mit – aus dem unendlichen Erbe der Evolution, der Gestaltwerdung, der Schöpfung und der Sinnhaftigkeit. Nur weil die an diesem Wechselspiel des Werdens beteiligten Elterntiere oftmals nicht mehr dazu imstande sind, der Natur des Lebens hinreichend Freiraum zur Entfaltung zu geben – auch weil sie selbst allzu sehr davon entfremdet (worden) sind – braucht dieser selbst in den kleinsten Details sinnvolle Dialog nicht angezweifelt zu werden.

Ich will mich integrierenWenn allerdings eine fundamentale Infragestellung der eigenen Person oder gar die Vernichtungsdrohung des Lebens an sich vorhanden sind, in der Vergangenheit des jeweiligen Menschenkinds (und das kann auch in seiner Familiengeschichte, quasi außenweltlich eingeerbt vorliegen), dann erweist sich die umfassende Gesundung der innenweltlichen Seelenlandschaft als notwendig. Denn auf jede Gewalteinwirkung (und als solche sind auch Gefühlsarmut, Gereiztheit und Gestresstheit der Eltern zu verstehen) reagiert unser sensibles System – um zu überleben – mit Abspaltung. Dieser Vorgang verdeutlicht das Grundbedürfnis nach dem Vorhandensein (oder im Fall ihres Fehlens) der Wiederherstellung von (mit einem selbst und untereinander) sinnvoll kommunizierenden und zusammenhängenden Persönlichkeitsanteilen in allen jeweiligen (betroffenen) Altersstufen. Ein einstweiliges Ergebnis: “Ich will mich integrieren in den Zusammenhang von vermitteln, verbinden und in between sein.”

 

Unzerstörbar

 

Preissnbeisser

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Dezember – Zum Tag der unschuldigen Kinder vollführen wir wieder einen Zeitsprung. Und zwar in jene Zeit, in der wir wie von selbst anfingen, hinter der “heilen Welt”, die man uns vorführte (und in die man uns verführte?), jene “anderen Welten” zu erahnen, die das Wesentliche berühren und nicht bloß ein schöner Schein sein wollen. Und wir wollen einen Freund und Weggefährten würdigen, der uns über die Jahre hinweg mit seinem Sprachwitz und seiner rhetorischen Kampfkunst immer wieder zur Selbstbehauptung ungeachtet auch widerlichster Umstände inspirierte. Er hat nicht nur (zu unser aller Vergnügen) die Wortschöpfung “Preissnbeisser” geprägt, sondern auch weise Einsichten wie: “Mutter kann durch nichts zersetzt werden” formuliert. Da kommt Freude auf

PreissnbeisserCaspar August Welpentier – kein anderes Symbolbild könnte unsere heutige Themenassoziation besser versinnbildlichen zumal am Tag der unschuldigen … Auweh! Und wir werden sowohl die Entstehung des Wortes “Preissnbeisser” als auch den Besuch beim Salzburger Adventsingen anschauen, bei dem uns die Unschuld in den wohligen Worten Karl Heinrich Waggerls im wahrsten Sinn (block)flöten ging, rückblickend betrachtet … Zu solchen Zeitreisen ist ein gewisses Maß an Mut erforderlich, auch vertrauenswürdige Begleiter können in diesen finsteren Nächten (und auf der Suche nach dem Licht) unverzichtbar sein. Also unternehme ich dieses Abenteuer heute gemeinsam mit einem guten Freund, der viele brauchbare Berufungen in sich vereint: So ist er etwa ausgewiesener Hüter des Buchwissens, olfaktorischer Ingenieur, Räuchermeister, Rauhnachtsforscher und vor allem erfahrener Welt(en)reisender, mit dem ich schon öfter unterwegs war.

Liebes unsichtbares Publikum, auch dieses Jahr neigt sich seinem Ende entgegen, wundersamerweise jedoch so, dass es “das neue” bereits in sich trägt, dass also das eine aus dem anderen hervor, eins in das andere übergeht, geschmeidig oder auch mit krassen Brüchen, wahrscheinlich eh wieder sowohl als auch, egal – weil Zeit ja ohnehin nicht vergeht, sondern schlicht und ergreifend IST. Auf jeden Fall will ich euch dafür danken, dass ihr uns auf unseren Expeditionen begleitet habt und ich wünsche mir, dass unsere Reisen euch auch auf euren Wegen hilfreich begleiten.

 

Was und wie Realität ist liegt im Auge des Betrachters.

 

Licht und Schatten

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. Dezember – Licht und Schatten ist ja nun wirklich ein vortreffliches Thema zur Wintersonnenwende, weil es die physikalischen Gegebenheiten dieses Phänomens auf den naturwissenschaftlichen Punkt bringt. Nichtsdestoweniger sind rund um diesen winterlichen Wendepunkt im Verhältnis von (Erd)Schatten und (Sonnen)Licht auch allerhand andere Aggregatzustände, etwa in der menschlichen Psyche und auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen wahrnehmbar. So berichten Artgenoss*innen verschiedentlich von einem Schwinden der Lebenskraft oder einem Gefühl des Ausgezehrtseins. Und auch von einer Art Zuspitzung innerer Konflikte, sozusagen von dramaturgischen Höhepunkten im inneren Ringen mit ihren willkommeneren und auch unangenehmeren Anteilen.

Licht und SchattenUm jedoch diese Betrachtungen nachhaltig zu entlangweiligen, wird die Hüterin der Licht-Schatten-Verhältnisse bei der Radiofabrik-Bildbearbeitung, Luca Standler, ein paar ergänzende und erweiternde Ebenen in die hier angefangenen Überlegungen einbringen.

Es ist durchaus erstaunlich, was auch nur eine kleine Veränderung in Helligkeit oder Kontrast für den Gesamteindruck des endgültigen Bildes bewirken kann! In dem Zusammenhang sei den Obermoralisten und Leistungszauber*innen des Persönlichkeitsentwicklungsperfektionissimus (und vielleicht sind das auch nur ein paar mir selbst innewohnende Schattenkinder) folgende Überlegung ins Stammhirn geschnitzt: “Je heller du das Licht machst, desto dunkler (und also schärfer, schwärzer – aber eben auch deutlicher) werden die Schatten.” Und sind das nicht deine eigenen schattigen Stellen, der/die du ein leuchtendes Leben uns vorzuführen versuchst? Oder eigentlich besser bloß dir selbst? Denn wir sind in dem Fall nichts anderes als dein sichtbares Publikum. Allerdings ungern – denn wie heißt es schon seit Goethe: “Man merkt die Absicht und man ist verstimmt.” Wenn wir bemerken, wir wurden nur zum Bejasagen deines Richtigseins abkommandiert …

Soweit unser Einblick in die “Dark Side”. Und weil diese Sendung ziemlich genau eine Stunde nach der planetarischen Umkehr von “immer noch dunkler” zu “ab jetzt wird es wieder heller” stattfindet (was wir auch durchaus zu feiern vorhaben), wenden wir uns jetzt wieder der “Bright Side” zu: Schlussnummer zur heurigen Finsterwerdung (wusstet ihr, dass es einen Unterschied zwischen Finsternis und Dunkelheit gibt?) soll demnach “Let’s Not Shit Ourselves (to Love and to Be Loved)” von den Bright Eyes sein, worin Conor Oberst eine der schönsten Liebesgeschichten ever erzählt:

 

And my father was there
In a chair by the window
Starin‘ so far away
I tried talking just whispered
So sorry so selfish
He stopped me and said
Child, I love you regardless
There’s nothing you could do
That would ever change this
I’m not angry, it happens
But you just can’t do it again

 

Darkness?

 

Lost and Found

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Dezember – Damit hier kein Mistverständnis aufkommt: So einfach ist es auch wieder nicht. Lost and Found ist nicht irgend ein Fundbüro, wo verloren gegangene oder vergessen geglaubte Sachen sich ansammeln, auf dass man sie irgendwann später vielleicht einmal wieder anfindet. Aber irgendwie halt schon auch. Nur nicht ausschließlich. Das wäre uns einfach zu eindimensional. Schließlich begehen wir mit dieser Sendung unser feinsinniges 15-jähriges Bühnenjubiläum auf den Frequenzen, die nicht nur uns die Welt bedeuten. Und da hat sich durchaus so einiges angelagert, das wir in der bewährten Weise einer näheren Betrachtung unterziehen wollen: Themen, Ideen, Konzepte, rote Fäden, sich wiederholende Formulierungen, ausgefranste Versuche, ein paar lose Enden

Lost and Foundund ein Sack voll ambivalenter Gefühle: Der Geist des Hasen ist uns erschienen. Die Vergangenheit wirft ihre Schatten voraus und die Dämonen der Nazizeit lassen sich nicht so einfach abschütteln. Eine Verschwörung des Verschweigens, die uns über Generationen hinweg derart gefühlsbehindert sein lässt, dass wir den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge gar nicht mehr spüren, geschweige denn lebensecht ausdrücken können. Was auch dazu führt, dass wir uns selbst hassen und diese Grundhaltung (oft sogar in aller Freundlichkeit) an andere Menschen weitergeben. In Familien führt dies zu einer tragischen Vererbung von lebensfeindlichem Verhalten und weltweit führt dies zur Vernichtung der Natur. Wie ist der Gedankensprung von der Naziideologie zur globalen Lebensfeindlichkeit erklärbar? Nun: “Alle Schweinderln sind aus Nazipan.” Anders gesagt: “Auschwitz war von Anfang an als Möglichkeit in unserer Kultur enthalten.” Vilém Flusser

Lost and FoundDer Boden, auf dem wir stehen (unsere Kultur) ist also morsch. Und dennoch leben und arbeiten wir weiter IN BETWEEN zwischen den Möglichkeiten des Aufgebens, des sich Fallenlassens in den Untergang (das wäre der eine Tod) und jenen des Verdrängens, des sich Ablenkens bis zur totalen Unbewusstheit (das wäre dann der andere). Da dazwischen gibts aber noch einen, den eigenen, der naturgemäß am Ende unserer physischen Existenz auf uns wartet. Der lässt sich sowieso nur er-leben (und nicht vermeiden, egal wie sehr man ihn auch ausblendet). Also leben wir, möglichst echt, möglichst intensiv und möglichst unserer Natur entsprechend (Natur steht hier auch ganz bewusst als Gegenpol zu “Kultur”) uns entgegen und dem, was unser Leben ist. Mit allen Fragen, die noch offen sind, beantworten wir uns selbst und einander und verurteilen wir uns nicht. Das haben, wie bereits angeführt, eh schon andere. Wir sind lebenswertes Leben … und mit unserer Suche nach den Leerstellen der Geschichte(n) und mit der Frage nach den Aufgaben der nachfolgenden Generationen (den heutigen Zeitzeugen) in der Artarium-Ausgabe “Unzerstörbar” für den heurigen Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert. Mich bestärkt das in meiner Absicht, den “Pakt des Schweigens” zu durchbrechen.

Lost and FoundDazu, sowohl Familienforschung als auch Traumatherapie in der Richtung eines selbstbestimmten Akts sprachlichen Ausdrucks mit der Radiogestaltung zu verbinden, hat mich einerseits meine Arbeit an Misha Schoenebergs Manuskript “Mein Vater, Auschwitz und der 7. Oktober” – andererseits auch das Buch “Sag du es deinem Kinde” über Nationalsozialismus in der eigenen Familie von Friedemann Derschmidt inspiriert, das auf einem noch viel umfänglicheren und vielschichtigeren Kunst- und Forschungsprojekt namens “Reichel komplex” aufbaut. Für mich als ebenfalls von einigermaßen komplexer Familienvererbung Betroffenen eines der fruchtbarsten, bringendsten und zum Selbstweiterforschen anregendsten Bücher zu diesem Themenkreis. Schauen wir einmal (gern auch mit den Ohren), was aus dieser Art von Entdeckungsreise in die angeblich nichtvorhandenen Abgründe unserer Familien noch so alles entsteht …

 

You found what was lost … and now?

 

Rebellen und Revolutionäre

Artarium am Sonntag, 23. November um 17:06 Uhr – Wenn wir an Rebellen denken, dann kommen uns zunächst die rebellischen Posen all der “angry young men” aus der Popkultur in den Sinn, des weiteren wohl auch allerlei gegen irgendein Unrecht Aufbegehrende und nicht zuletzt unzufriedene Frauen wie zum Beispiel Pussy Riot. Wenn allerdings von Revolutionärenja, bitte auch *innen – die Rede ist, fällt leider schnell die Assoziationsklappe zu den Bedeutungen, die in einer ausschließlich aufs Äußerliche fixierten Gewaltwelt flächendeckend verbreitet sind (und werden). Wir aber wollen uns diesmal den revolutionären Umstürzen im Inneren zuwenden, die für viele praktische Anwender*innen des Menschseins als die wesentlichen und für eine eigeninitiative Gestaltung des Lebens unverzichtbaren gelten

Rebellen und RevolutionäreDer wegweisende Psychologe und Schriftsteller Arno Gruen schreibt in seinem Buch “Der Verlust des Mitgefühls: Über die Politik der Unmenschlichkeit” in dem Kapitel “Linke und rechte Rebellen” über die Ursachen von sich fortwährend wiederholenden rebellischen Posen sowie fruchtlosen, weil nämlich stets in Gewaltexzessen erstickenden Revolutionen: “Um aus dieser Verwirrung auszusteigen, muss man erkennen können, was man als Kind tun musste, um seine fürchterliche Angst zu überleben.” Und weiter: “Um diese Problematik in einer Psychotherapie aufzuarbeiten, muss diese alte Angst – der Terror, den das Kind als Vernichtung seiner selbst erlebte – erneut durchlebt werden.” Na, habediehre! Willkommen im Abgrund, aber eben auch und gerade dort, wo hinter der Todesangst das Leben lauert, das wunderschön ist und gesund, die wirkliche Liebesfähigkeit für uns selbst und für andere – das wir jedoch in weiten Teilen zu spüren verlernt haben. Florian Friedrich weiß, worum es hier geht.

Was mich an Arno Gruens Psychologie von Anfang an fasziniert hat, war dieser selbstverständliche Zusammenhang zwischen den Lebensproblemen einzelner Menschen und den gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen sie stattfinden. So zeigt er nicht nur die sozialen Verursachungen von seelischen Verstrickungen auf, sondern auch die Auswirkungen, die deren therapeutische Verarbeitung auf die gesamte Gesellschaft (und somit auf die Welt, in der wir leben) unweigerlich haben. Er verknüpft also das Innen mit dem Außen auf der Ebene von Ursache und Wirkung:

“Wir suchen nach dem Besseren, verfallen aber immer wieder Führern, die uns unterdrücken, uns zwingen, unsere individuelle Geschichte der Unterdrückung und Rebellion zu wiederholen. So wird unsere Leidensgeschichte immer weitergegeben. Sie mag zwar unterschiedlich verlaufen, aber der Inhalt des Leidens und der Unterdrückung bleibt. Dennoch bleiben die Hoffnung auf das Gute und der Wille, Gutes zu tun, bestehen. Sie flackern immer wieder auf. Ich spreche hier nicht von organisierten politischen Bewegungen, sondern von Individuen, die zu sich selbst gefunden haben und der Gewalt und der Verlogenheit die Stirn bieten. Ob dies auf dem Weg des inneren Wiederstands oder in Form von offener Rebellion geschieht, ist dabei unerheblich. Wichtig ist, dass die Individuen zu ihrem Menschsein stehen.”

 

I look at you all, see the love there that’s sleeping

 

 

Lieber Konstantin,

“Der Liebe zuliebe”, so heißt dein jüngstes Buch, das ich soeben gelesen habe. Und als ich damit angefangen hatte, drängte sich mir sogleich der Wunsch ins Bewusstsein, dir zu schreiben. Du wirst dich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern, doch wir sind uns einmal in Salzburg begegnet, das war 1979 anlässlich deines Konzerts im großen Festspielhaus. Im Anschluss daran haben wir gemeinsam gesoffen bis in den Morgen und du hast mir all dein Geld geschenkt, das du dabei hattest, für die damals geplante “Initiative Buntes Salzburg”. Und heute lese ich in diesem Buch, dass du Alkoholiker bist und vor ungefähr 4 Jahren, ziemlich zur selben Zeit wie ich, beschlossen hast, nicht mehr zu trinken, also deine Sucht der Liebe zuliebe nicht mehr auszuleben. Das, lieber Konstantin, berührt mich zutiefst – und verbindet uns noch einmal ganz neu

Lieber KonstantinDenn schon seit vielen Jahren bezeichne ich dich (auch ohne dass du davon weißt) als einen meiner wichtigsten Sprachlehrer. Deine Texte und vor allem deine Art, sie auszudrücken, dein Mut, auch die  erschreckenderen Abgründe des Gefühlslebens anzuschauen und in Worte, oft auch in unerwartete und zugleich berührende Klänge zu fassen – das alles und noch viel mehr hat mich immer wieder dazu angestoßen und herausgefordert, meinen eigenen Abgründen sowie ihren Spiegelungen in der Welt um uns herum mit Worten, in Klangbildern und Inszenierungen Gestalt zu geben, um andere auf sie aufmerksam zu machen und um sie (nüchtern betrachtet mehr denn je) in mir und nicht zuletzt für mich selbst zu verbearbeiten. Du komponierst und dichtest und gehst auf Tournee. Ich dichte auch und komponiere Radiosendungen, die gehen dann für mich “im Äther” auf Tournee. In denen bist du auch schon öfter vor- und, wie ich meine, ganz gut weggekommen. Es gibt Verbindungen jenseits des Sichtbaren

Lieber Konstantin, heute sind es im Rückblick nicht mehr nur die vielen Anregungen und Einflüsse, die wir beide gemeinsam haben und denen ich in deinem Buch wieder begegnet bin. Ich will hier zwei wesentliche Personen erwähnen, denen ich ungemein Gutes verdanke: Den großen Pier Paolo Pasolini und den wunderbaren Arno Gruen. Heute ist es vor allem der Weg, auf den du dich im Augenblick des Zerrbruchs (einer der kreativsten Druckfehler, denen ich je begegnen durfte) gemacht hast: Poetisches Wandeln und politisches Handeln durch spirituelle Entwicklung in Einklang bringen.

(Mitschnitt): Im Artarium am Sonntag, 28. September gehen Christopher Schmall und ich der Frage nach, wie sich der Weg des Konstantin Wecker in seinem Werk und in unseren jeweils eigenen Werdegängen wiederspiegelt und was für uns dabei “ein roter Faden” sein kann. Weil in jeder gesättigten Lösung aus Poesie und Widerstand, Wut und Disziplin, Vergebung und Aufbegehren, kurz gesagt in jedweder kreativen Ursuppe eine erste Struktur aus Lebensordnung und dem Wunsch nach Gestaltung der Utopie zu finden ist, an der sich längst vorhandene Elemente herauskristallisieren:

 

Das ist Poesie

 

Listening to Perlentaucher

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. September – “Liebes unsichtbares Publikum!”, so sprechen wir euch in unseren beiden Sendereihen an, sowohl hier im Artarium als auch an jedem 2. Freitag im Monat in der Perlentaucher Nachtfahrt (immer von 22:06 bis 01:00 Uhr). Doch unsere Zuhörys (entgendert nach Phettberg) haben ja verschiedenartige Vorlieben und neigen daher oft eher der einen oder der anderen Darreichungsform zu. Also wollen wir heut mal die Gelegenheit ergreifen, euch, liebes Artariumpublikum, unsere “Musikliterarische Gefühlsweltreise mit tiefgründigen Themen” schmackhaft zu machen. Denn wenn die Radiohasen drei Stunden am Stück Zeit haben, ihre Poesie zu entfalten, entsteht naturgemäß eine andere Art von Sendung ….. und eine andere Art von Erfahrung beim Zuhören.

Listening to Perlentaucher“Die Poesie vermag es, uns eine Ahnung zu vermitteln von dem, was unseren Verstand übersteigt.” So beschreibt das Konstantin Wecker in seinem neuen Buch “Der Liebe zuliebe”, das ich mit Vehemenz empfehle (das wird einer eigenen Sendung bedürfen). “Die Poesie vermag es, uns zu befähigen, das Wunder des Lebens in uns mit der brutalen Realität um uns herum wieder in Einklang zu bringen, auch wenn vieles zunächst einmal unwiederbringlich zerstört erscheint.” So möchte ich diesen Gedanken weiter führen. Und was machen wir dann gemeinsam in unseren monatlichen Nachtsendungen, in denen wir als Perlentaucher auf die Suche gehen nach den verborgenen Kleinoden der Poesie, die unmittelbare Berührung mit überraschender Erkenntniss verbinden? Das ist schwer zu beschreiben, doch darum geht es bei unseren Expeditionen eben auch: Worte zu finden für das Unsagbare:

“Wir wachsen so selbstverständlich mit der Sprache auf, dass uns teilweise gar nicht mehr auffällt, wie zauberhaft und magisch sie sein kann. Sie kann Welten öffnen, fantastisch und traumhaft; sie vermag es aber auch uns zu verletzen, hässlich zu sein, widerlich und ekelerregend. Sie ist unendlich weit, farbenfroh und so facettenreich; dennoch stoßen wir hin und wieder an ihre Grenzen. Sprache kann wirklich sprachlos machen. Manchmal verschlagt es uns die Worte, wir können nichts mehr sagen, bringen keinen Satz mehr hervor, als hätten wir ganz und gar verlernt zu sprechen …

Ich als Dichter lebe von ihr. Ich liebe und ich hasse sie; und bin auf sie angewiesen. Es ist schon merkwürdig wie ein Wort den Sinn eines ganzen Satzes verändern kann. Es ist ein ständiges Abwiegen, ein andauerndes Überlegen und Feilen, eine Arbeit, eine Beschäftigung, die niemals aufhört, immer weiter geht. Ich bin im Bann der Worte. Und kann doch über sie bestimmen! Ich glaube, es ist eine Art Symbiose. Ohne Worte könnte ich nicht meine Gedanken nieder schreiben und ohne mich blieben sie nur seltsame Hieroglyphen.” (Christopher Schmall in “Dichterwerdung” vom 8. August 2013)

Listening to You, Perlentaucher …

 

90125 (Yes Album)

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. September – Das ganze Album in Begleitung seiner (und meiner) Zeitumstände und eine Betrachtung des Songtexts von “It Can Happen”. Wir feiern die Rückkehr des Hasen von der Festspielfront mit einem überraschend untypischen Yes-Album aus dem Inbetween der Band zwischen Auflösung und Neuformierung Anfang der 80er Jahre. Es handelt sich dabei um das nach seiner Katalognummer benannte “90125”, das vom Soundbild wie von den den Arrangements her auffallend neuartige und für altgediente Yes-Fans oft ungewohnte Wege einschlug. Letztendlich wurde es (ob man derlei nun begrüßt oder ablehnt) als wesentlich rockiger und auch mainstreamtauglicher empfunden als deren bisherige vielschichtig verzwirbelte Prog-Phantasien. Kunstvoll und vieldeutig war es allemal.

90125 (Yes Album)Mich ereilte dieses Klangwerk just zu der Zeit, als ich im Gymnasium zu Horn (im Waldviertel) zur “Matura” ansetzte um dann in weiterer Folge in Wien weiterführenden Studien zu obliegen. Was ich dabei allerdings überhaupt nicht wusste, war, wo ich mit meinem Leben eigentlich hin wollte. Und in genau so einem “In-Between” trafen mich diese Gestalt gewordenen Gedankensplitter auf 90125, mit denen die Musiker ihr Ringen um Neuorientierung nach dem Ende des bislang Gewohnten verbearbeiteten. Es passte, sowohl textlich als auch atmosphärisch, perfekt in mein eigenes Übergangsloch. Ich meine damit jenen Zustand, in dem schon klar ist, dass das Bisherige zu Ende geht, aber das Künftigedas Werdenwollende wie das daraus Erwachsenkönnendenoch nicht so deutlich zu erkennen ist, wie man das gern hätte. Und ich glaube heute, dass in mir durch die Begegnung mit diesen oft unenträtselbaren Stimmungsbildern ein gewisses Maß an innerem Wissen um mein Wohinwollen gewachsen ist. So wie wir oft nicht bewusst wissen, aber“aus dem Bauch heraus” (intuitiv) richtig handeln.

You can fool yourself
You can cheat until you’re blind
You can cut your heart
It can happen

You can mend the wires
You can feed the soul apart
You reach
It can happen to you
It can happen to me
It can happen to everyone eventually

Created out of fantasy
Our destination calls

Wie gesagt … It can happen