Lost & Found Lyrics & Songs

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. Oktober – In welche Richtung fließt der Fluss der Zeit? Bilddenkmenschen verfügen ja über erstaunliche Fähigkeiten: Sie können in ihrer Phantasie die Geschwindigkeit des Zeitablaufs verlangsamen oder beschleunigen. Sie können in die jeweilige Sequenz hinein oder aus ihr heraus zoomen. Und sie können den ganzen Film auch an jeder beliebigen Stelle anhalten und ins Einzelbild hinein gehen. Man kann es drehen und wenden wie man will … und das können sie natürlich auch … eine inwendige Kameradrohne gepaart mit der Lust auf fortwährenden Perspektivwechsel ist keine Lernbehinderung, sondern eine Begabung, die wahrlich nicht jedem gegeben ist. Wollen wir also heute einmal zwei Zeitströme in einander entgegengesetzte Richtungen fließen lassen …

Lost & Found Lyrics & Songs

Am Almkanal – Foto: Ben-Luca Malzer

“Found Lyrics” wäre ein guter Titel dieses Sendungsversuchs, denn um das Wiederentdecken von längst erledigt Geglaubtem ist darin ein Reden und ein Hören und, zumindest was mich betrifft, auch ein Staunen. In Momenten zwischenmenschlicher Resonanz entstehen neue Sichtweisen auf das, was wir zu kennen meinen, von dem wir zu wissen glauben, wie es heißt, wozu es da ist und wie wir damit umgehen (sollen). Sichtweisen … sie umfassen in unserem Fall natürlich auch Hörgewohnheiten … wir hatten doch mal diesen Claim: “Ihre Ohren werden Augen machen” … sowie das ganze Spektrum von möglichen Sinneserfahrungen. Mein Neuland für diesen Versuch ist das Frühwerk von Pink Floyd (also alles, was vor der Trennung von Roger Waters zustande kam), verbunden mit den erstaunlichsten Entdeckungen der abgründig vielschichtigen Poesien in ihren Texten. “Found Lyrics” … soweit ist alles klar. Das alles regt mich dazu an, die Resonanz von Text und Musik hier auch noch einmal ganz anders zu untersuchen.

“berühren” … das ist das Wort, mit dem die Beschreibung gelingt. Sowohl von dem, was sich zwischen zwei Menschen, als auch von dem, was sich zwischen zwei Medien ereignet. Zwei verschiedene Transportgefäße, deren äußerste Verzweigungen die äußersten Verzweigungen des jeweils anderen “berühren”. Dazwischen ist das, was geschieht. Was entsteht. Was in ein zuvor nicht Dagewesenes übergeht. Aus dem ein Gemeinsames wird. Linda Sensenberger hat diesen zugleich aktiven wie passiven Vorgang, Zustand, Übergang in ihrem ersten Roman behutsam genug beschrieben:

 

“Leos Haarspitzen berühren meine Fingerspitzen. Meine Fingerspitzen berühren Leos Haarspitzen.”

 

Peter Gabriel nennt diesen Resonanzraum menschlicher Nähe “The Secret World”

 

Die in dieser Sendung zu hörenden Texte von Christopher Schmall und Norbert K.Hund entstammen den Sendungen Erlesene Kreationen (“Editorial mit Bernd und Maurice” ab 33:05 und “In Resonanz” ab 02:43:34) sowie Sarajevo, nicht nur 1914 (“Letzter Wille” ab 22:18) bzw. Das lyrische Wir – Tenebra (“Letzter Wille” in Musik von Maik & Pirmin Styrnol ab 18:43).

 

IN RESONANZ

 

Austrodrama

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 20. September – Machen wirs kurz: Im Jahr 2025, als wir selbst gerade mit der Produktion unserer dokumentarischen Erzählung “IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” beschäftigt waren, geriet ein lieber Kollege, den ich noch aus seiner Salzburger Zeit kenne, in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Mwita Mataro hatte da soeben seinen Film “Austroschwarz” erfolgreich in die Kinos gebracht, dessen Themen und Hinterfragungen vor allem mich selbst zu ein paar Nachforschungen im Kolonialwarengeschäft meiner Vorfahr*innen inspirierte. Und so sollte Kunst unserer Ansicht nach funktionieren, dass sie immer auch Anregungen zu wiederum neuen und eigenen Verbearbeitungen anbietet. So stellen wir euch heute das auf Vinyl bereits erschienene Soloalbum “Austrodrama” von Mwita Mataro vor …

AustrodramaEinige der Songs daraus hat er auf seinem YouTube-Kanal (auch als recht schräge, launige Musikvideos) auch schon vorab veröffentlicht. Die komplette digitale Playlist wird sich dann noch bis zum CD-Release im Oktober Zeit lassen … Wir spielen jedoch bereits heute “das ganze Album”, zumal wir finden, dass es gehört gehört (danke, Wolf Haas). Wir, das sind diesmal Der kleine Ich und Ben-Luca Malzer, der mich auf erfrischendste Weise schon beim Digitalisieren der “Schallplatte” (yes, it’s analogue, so wie damals) mit seiner zeitlosen Hardware unterstützt hat. Was uns sogleich in die klanglichen Finessen des vorliegenden Musikwerks einsteigen lässt. Der Produktion hört man die langjährige Erfahrung des Sängers von At Pavillon im Funkpop Indierock whatever jedenfalls genreverschmelzenden Musikbetrieb deutlich an – und auch sämtliche am Zustandekommen von einem so runden und schillernd vielseitigen “Austrodrama” wie diesem Beteiligten tragen zu seinem Gelungensein bei. Allein die Texte, die ich bemerkenswert finde, könnten da für meinen Geschmack noch deutlicher klingen …

 

Zum Beispiel “Es begann alles mit Feuer”

 

Hast du’s kommen geseh’n, kommen geseh’n, kommen geseh’n?
Hör’s auf dir schönzureden, schönzureden, schönzureden
Du weißt, nichts wird, wie’s früher einmal war
Schau mich an, wenn ich mit dir red‘, schau mich an
Die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr
Sondern bunte Farbflecken, oder viel mehr
Bäume führen einen endlosen Tanz um uns rum

Es begann allеs mit Feuer, dann kam Strom
Es begann allеs mit Feuer

Es dampft aus dem Kopf, aus dem Kopf, aus dem Kopf
Du schaust zum Himmel auf, Himmel auf, Himmel auf
Beobachtest die Wolken, du schaust ihnen nach
Kann sein, dass sie von mir sind? Kann das sein?

Hören wir auf, in Metaphern zu reden
Hören wir auf, in Zahlen zu leben
Du weißt, es begann alles mit Feuer, dann kam Strom
Es begann alles mit Feuer

 

Mwita Mataro – Austroschwarz in progress

 

A Mediterranean Odyssey

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 13. September – Nach über 15 Jahren gedeihlicher Zusammenarbeit schließt sich hiermit einer von nicht wenigen Kreisen, die eine spontan-assoziative, musik/textdramaturgische sowie themenvielfältige Arbeitsweise wie die unsere immer und immer wieder in neugieriger Bewegung gehalten haben. “A Mediterranean Odyssey” von Loreena McKennitt, ein ganzes Album, das im Zusammenwirken mit der Perlentaucher-Nachtfahrt zum Thema “Synästhetische Symphonie” zur Selbsterfahrung synästhetischer Phänomene einlädt, die in streng abgrenzenden Definitionen (entweder bist du im Schachterl drin oder eben draußen) nicht vorkommen: Das Entstehen von neuen Gefühlszuständen durch von äußeren Eindrücken ausgelöste Innenwahrnehmungen zum Beispiel.

A Mediterranean OdysseyOder auch die Möglichkeit, durch entsprechende Übungen neue und bisher nicht vorhanden gewesene Verknüpfungen von Nervenbahnen im eigenen Gehirn herzustellen. Ich erinnere mich da an einen in dieser Hinsicht ganz besonders begabten Musiklehrer, den ich in den 70er Jahren in der 5. Klasse Gymnasium erleben durfte. Professor Kaspar spielte uns die unterschiedlichsten klassischen und modernen und … Musikstücke vor – und stellte uns dabei jedes Mal die Aufgabe, die Augen zu schließen und darauf zu achten, was für innere Eindrücke (Bilder, Farben, Formen, Gerüche, Szenarien, Stimmungen, Geschichten …) wir in uns wahrnehmen würden. Und anschließend lud er uns dazu ein, die jeweiligen Wahrnehmungen mit ihm und der ganzen Klasse zu teilen. Sogar die wortkargsten Mitschüler*innen, die ich als irgendwie “emotional spröde” empfand, erzählten auf ein Mal von ihren inneren Erlebnissen. Bei mir selbst fand ich heraus, dass sich zunächst nur einzelne Eindrücke einstellten, die nach mehreren Versuchen zu ganzen Filmszenen wurden.

“A Mediterranean Odyssey”, wie überhaupt die Musik von Loreena McKennit ist für solche Experimente und Expeditionen (ins eigene Gehirn und dadurch auch darüber hinaus) ganz vortrefflich geeignet, weil sie so vieles ineinander verwebt, was unsere gewohnten und (von wem auch immer) normierten Vorstellungen von uns selbst und “von unserem Platz in der Welt” auflösen, fließend machen und neu (und vor allem selbstbestimmt) entdecken und dadurch bestimmen hilft. Hier begegnen sich uralte Weisheiten der keltischen Ursassen mit orientalischen Formen und Traditionen …

 

… und auch mit uns, wenn wir offen sind …

 

Das wilde Denken

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 23. August – Aha, wohl eine Sendung über Hannah Arendt, die ja gesagt haben soll, “Denken ist Zwiesprache mit sich selbst.“ Und über die unlängst ein ziemlich genialer Dokumentarfilm mit dem Titel “Denken ist gefährlich” erschienen ist? Aber nicht doch … oder … das kommt schon auch noch. Heute wollen wir unter anderem “den zwei Arten von wissenschaftlichem Denken” nachspüren, die Claude Lévi-Strauss in seinem Buch “La pensée sauvage” (auf deutsch als “Das wilde Denken” bekannt) 1962 erstmals beschrieben hat. Und, wie vor allem einer dieser beiden doch sehr unterschiedlichen “Wege zum Wissen” für die Werke von Marina Abramović, Silvia Federici und Audre Lorde wesentlich ist,  angeregt durch ein faszinierendes Buch von David Wengrow und David Graeber:

Das wilde Denken“Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit”. Zugegeben, ein weit gespanntes Thema – und aufgrund der Fachkompetenz der Autoren auch streckenweise atemlosmachend reich an wissenschaftlichen Ergebnissen und den verschiedensten Angeboten an daraus möglicherweise zu ziehenden Schlüssen … Nach etwa 300 Seiten sagte ich halblaut zu mir: “Jetzt verlieren wir uns aber bald in den vielen Daten und Fakten. Höchste Zeit, mal wieder etwas zu lesen, wo Menschen konkrete Dinge erleben, darüber nachdenken, miteinander sprechen – und daraus dann Gemeinsames entsteht.” Schon sind wir mittendrin … Denn das Faszinierende an diesem Buch ist ja, dass hier hochqualifizierte Wissenschafter ihre Erkenntnisse endlich nicht mehr nur auf einen überschaubaren Kreis an Expert*innen oder “das Fachpublikum” begrenzen, sondern sie in einer bemerkenswert verstehbaren Sprache allen an der Entwicklung ihrer Welt Interessierten mitteilen. Das habe ich bisher, etwa an den anthropologischen Forschungen meiner Cousine Elke Mader, von denen ich über Jahrzehnte hinweg so einiges mitbekommen habe, immer wieder schmerzlich vermisst: Dass sie über den wissenschaftlichen Dunstkreis hinaus der ganzen Gesellschaft zur Verfügung stehen.

 

Hier nun ein Zitat aus “Anfänge”, in dem die Autoren Claude Lévi-Strauss zitieren:

 

“… dass es nämlich zwei verschiedene Arten wissenschaftlichen Denkens gibt, die beide Funktion nicht etwa ungleicher Stadien der Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern zweier strategischer Ebenen sind, auf denen die Natur mittels wissenschaftlicher Erkenntnis angegangen werden kann, wobei die eine, grob gesagt, der Sphäre der Wahrnehmung und der Einbildungskraft angepasst, die andere von ihr losgelöst wäre; wie wenn die notwendigen Beziehungen, die den Gegenstand jeder Wissenschaft bilden, auf zwei verschiedenen Wegen erreicht werden könnten, einem, der der sinnlichen Intuition nahekommt, und einem, der ihr ferner liegt …” 

 

Dass für die Entwicklung des “ersten Weges”, den Lévi-Strauss als “Wissenschaft vom Konkreten” im Unterschied zum zweiten, der “Wissenschaft vom Abstrakten”, bezeichnet, speziell Frauen maßgeblich sein könnten, das erwähnt der Begründer des Strukturalismus in den 60er Jahren mit keinem Wort. Warum wohl? Jedenfalls werden wir in musikalisch gerahmter Zwiesprache versuchen, so viel als möglich von diesen abstrakten Ausdrucksformen in konkret Sinnliches zu übersetzen, ähnlich wie das die eingangs erwähnten Frauen in ihrer Kunst und in ihrer Sprache auch tun …

 

It’s time for a treaty

 

INCONTRO

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 14. August – Das italienische Wort “Incontro” mit seinen Bedeutungsnuancen von Begegnung bis Gegenüber haben wir in unseren letzten Artarium- wie auch Nachtfahrtsendungen bereits in einigen seiner äußerlichen Aspekte angeschaut: Was die wechselseitige Inspiration unterschiedlicher Kulturen angeht, wie sich verschiedene Einflüsse in einzelnen Menschen oder zu kleineren Gemeinschaften “vermischen”, warum es besonders schön und vor allem auch wertvoll sein könnte, selbstbewusst so etwas wie ein “Mischling” zu sein. Die nächste, noch unbeackerte Ebene des Begegnens und des Dialogs mit dem Gegenüber ist dann der Übergang vom “äußeren Anderen” zum “inneren anderen Selbst” sowie derjenige vom Menschgestaltigen ins Spirituelle …

Incontro 1In diesem brutalistischen und oft abstoßend kalt und gefühlsamputiert wirkenden Gehäuse vibrieren alle unsere Körperzellen in einem unfassbar lebendigen Tanz. Was wie ein Widerspruch erscheint, ist genauso richtig und wahr wie alles sonstige Leben auf dem zunehmend verunstalteten Planeten, den wir in unseren kreativen Expeditionen aus diesem Leben heraus bereisen. Die Dimension der Resonanz, wenn wir von Lebewesen, von Dingen, von Themen, von Umständen, von unserem Dasein im Sein selbst angerührt, angesprochen, angezogen werden, wenn wir nichts mehr anderes als nur noch antworten, mit allem, was wir sind und was uns ausmacht. Die Schwingung von Allem in allem, die wir wahrnehmen, sobald wir bemerken, dass da etwas in gleicher Weise mitschwingt, das wir so zuvor so noch nicht erkannt haben oder das wir in unserem ersten Augenblick längst vergessen haben, nur um es auf unserem Lebensweg wiederfinden zu können. Alles in allem vom Glück verfolgt.

Incontro 3Mitten im Abgehackten, im zur sinnleeren Verwurstung bestimmten Menschenzoo, im immer noch gefühllosere und abgespaltenere Funktionsklone hervorbringenden Suppentopf der Weltherrschaft stehst du, tapfer im Widerstand und immer auf der richtigen Seite und bemerkst, dass du dich längst selbst verloren hast. Dass du genauso verloren bist wie all die verlorenen Seelen ringsum und die gleiche Gewalt in dir trägst, die dir auch angetan wurde und vor der du die schützen willst, die du liebst. Und wenn du dann durch die Nacht deines Schreckens und deiner Angst hindurch gehst, um davon Zeugnis abzulegen, dass du ein Mensch bist so wie alle anderen auch … Wenn du dein Menschsein wieder zu fühlen beginnst, kannst du alles sein: Der du warst und der du bist und der du sein wirst – alles in allem – hier und jetzt und jenseits der Zeit … In unserem Incontro, in unserer Resonanz,

 

in unserem Eros.

 

Incontro culturale

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. Juli – Eine ganze Sendung nur mit italienischer Musik! Weil es bei jedem “ins Leben treten”, bei jeder Begegnung zuallererst darum geht, wie es sich anfühlt. “Wenn es nicht spüren darf, dann fängt es halt an zu denken” (das kleine Lebewesen). Natürlich, sonst hätte es nicht überlebt. Doch Spüren und Denken müssen zusammenwirken, damit ihr ganzer Reichtum und ihre ganze Kraft zur Entfaltung kommen. Und dieses gleichzeitige Vorhandensein und sich auswirken können von Intellekt und Emotionalität ist ein Wesensmerkmal italienischer (und überhaupt mediterraner) Lebenskultur. Ein Incontro culturale, bei dem sich unsere beiden Hirnhälften (und noch mehr) begegnen und das Gefühlte mit dem Gedachten in Einklang bringen. Das Leben umarmt sich sozusagen selbst.

Als das Kind noch ein Kind war, verbrachte ich mehrere Wochen jedes Sommers in der Bucht von Sistiana. Dort begann meine Reise ins Eigene – etwa bei den bunten Fischen unter Wasser oder in den Vorstellungen des Freiluftkinos. Seitdem verbinde ich emotionale Spontaneität und ein dem Leben zugewandtes Entdecken (und in weiterer Folge auch beschreiben können) der eigenartigsten Abenteuer mit dem, was passiert, wenn man in Italien ist. Und das reimt sich auf erstaunliche Weise darauf, worüber Christopher und ich uns in einigen der letzten Perlentaucher-Sendungen unterhalten haben, wenn es ums Unterwegssein ging und ja: “Was urlauben sie sich?” Die wahrgenommenen Übergänge und Wechselwirkungen zwischen alpiner, mitteleuropäischer und eben mediterraner Lebenskultur stellen “den sprachlich-gedanklichen Überbau” oder “die distanziert-reflektierte Beschreibung” dessen dar, was wir bei der Begegnung mit den sich dort begegnenden Kulturen so alles empfinden, erleben, und spüren.

Anders ausgedrückt: “Die Pizza schmeckt gut.” Ja, aber was genau meinst du mit “gut”? Kannst du das etwas detaillierter ausführen? Oder – wie fühlt sich das an, was du als ersten Eindruck mit “gut” beschreibst? Anderes Beispiel: “Dieser Song taugt mir voll.” Aha – bitte versteh mich nicht falsch, wenn ich jetzt “Warum?” frage. Ich will damit nicht an deinem Geschmack zweifeln, sondern verstehen, was genau an dem Song dein “gefällt mir” hervorruft. “Ist es der Klang der Stimme? Oder ist es diese Verschiebung zwischen dem Schlagzeug und dem Gesangsrhythmus?”

Anmerkung: Für das Zustandekommen dieser Sendung waren einige Musiktipps sowie Hintergrundgeschichten meines Pizzaiolo Illy von der Pizzeria No. 1 überaus hilfreich.

 

Incontro culturale

 

Rund um den Radioschorsch

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Juni – Die Mitgliederversammlung, das Radiofabrik-Sommerfest und die seit 2008 damit einhergehende Verleihung des “Radioschorsch” sind wieder einmal erfolgreich über die Bühne gegangen. Der Radioschorsch ist unsere jährliche Auszeichnung für die besten Produktionen und beeindruckendsten Sendereihen sowie jene Lebensleistungen, die das Anliegen eines Freien Radios für Salzburg in besonderem Maß befördern und voranbringen. Sein Name bezieht sich auf das Codewort “Schorsch”, welches die Pirat*innen des damals noch illegalen Radioprojekts Bongo 500 für ihren selbstgebauten tragbaren Sender benutzten, um sich so insgeheim zum Selbstsenden zu verabreden. Rund um diesen Gründungsmythos ranken sich aber auch allerlei seltsame Legenden …

Rund um den RadioschorschHeuer wurden zwei Sendereihen ausgezeichnet, nämlich weil es den drei prämierten Kolleg*innen schon vor der Auszeichnung gelungen ist, ganz ausgezeichnete Sendungen herzustellen, und das zudem über viele Jahre hinweg. *Kunnstpause zwecks dramaturgischer Steigerung der Spannung* Der Radioschorsch 2026 geht an Susanne Höll und Su Imhof für die Sendereihe “FVONK dich FREI! – Der Radiotalk mit Alltagsheld*innen” und ebenso an Guy Mavar für die Sendereihe “Neuentdeckung Afrikas”. Die Programmkommission, die auch als Vergabejury fungiert, hat sich zu den auszuzeichnenden Sendereihen wieder einiges überlegt und sich letztendlich auf eine gemeinsame Überkategorie, nämlich “Unerzähltes” verständigt. Geschichten, die so sonst nirgendwo erzählt werden, aber auch Geschichte, die andernorts so nicht (auf jeden Fall nicht so leicht) zu erfahren ist, das verbindet die beiden Projekte. Doch gibt es da entgegengesetzte Herangehensweisen, wie schon der Brainstorm zeigt:

Auf dem Weg zur Entscheidungsfindung entsponnen sich etwa Formulierungen wie “Die etwas andere Sichtweise … Nahsicht/Fernsicht”, “Mikro/Makro-Schorsch”, “Außen/Innen-Schorsch” und “Global/Local-Schorsch”. Weil die Neuentdeckung Afrikas vom Großen (einem ganzen Kontinent) ins Kleine (kullturelle Feinheiten und individuelle Geschichten) schwenkt, während FVONK dich FREI! vom Kleinen (den persönlichen Erlebnissen der Alltagsheld*innen) ins Große (ihren Leidenschaften und Visionen und was wir mit ihnen gemeinsam haben) übergeht. Zoom In … Zoom Out.

Wir haben für jede Sendereihe eine eigene Laudatio/Preisrede ausgearbeitet und hier zum Nachlesen bereitgestellt: Für Neuentdeckung Afrikas von Eva Kubin sowie für FVONK dich FREI! von Norbert K.Hund. Sehr zum Wohl allerseits. Und Fotos von den Veranstaltungen und den Schorschen demnächst hier im Stream …

 

“Wer zuhören kann, ist im Vorteil.” (Wolfgang Zechner)

 

The Rainbow Division

> Sendung: Artarium vom Pfingstsonntag, 24. Mai – In unserer letzten Nachtfahrt der Perlentaucher “Vom Fallen zum Fliegen” haben wir gefragt, wer die Geschichte des dreifarbigen Regenbogens an einem Türmchen nahe der Basteigasse kennt. Und im Artikel dazu auch gleich die Antwort gegeben: Die doch für manche überraschende Auflösung haben wir dem Buch “ERINNERN STADT VERGESSEN” aus dem Mosaik-Verlag entnommen. Es handelt sich dabei nämlich nicht um (in die Jahre gekommene) Graffiti-Kunst von farbverspielten Salzburger Anti-Grauschleier-Kids, sondern um das Symbol der 42. Infanteriedivision der U.S. Army, der Rainbow Division, welche sich 1945, im Zuge der Befreiung Salzburgs von der NS-Herrschaft, auch hier in der Stadt einquartierte – und ihr Revier mit dem Zeichen des Regenbogens markierte.

The Rainbow DivisionEine schöne und sympathische Hinterlassenschaft, die an eine wirkliche BEFREIUNG erinnert: von Gesinnungsterror, Verfolgung und Unterdrückung, Krieg, Not, Elend, Hunger, Vertreibung – und dem millionenfachen Morden an Unschuldigen, aus niedrigsten Beweggründen wie etwa Habgier, Mordlust, Rachsucht, Rassismus …

Es ist schon bemerkenswert, dass kaum jemand die Geschichte des Regenbogens an diesem speziellen Ort kennt – oder das Zeichen der Rainbow Division in dieser bunten Wandmalerei erkennt (die aufgrund des starken Verkehrs am Rudolfskai leider schon stark verwittert ist, das gleiche gilt für die daneben angebrachte Erklärtafel, die ob ihrer Verdrecktheit kaum noch lesbar ist). Nächste Frage: Warum hat diese 42. U.S. Infanteriedivision überhaupt den Regenbogen als Symbol? Interessant …

The RainbowWir nehmen all dies zum Anlass, in unserer Sendung noch mehr über das Symbol des Regenbogens in verschiedenen historischen, gesellschafspolitischen und mythologischen Zusammenhängen herauszufinden, und auch darüber nachzusinnen, was mit diesem ebenso flüchtigen wie faszinierenden Naturphänomen passiert, wenn man es “einfängt” und es sich dann irgendwie “auf die Fahne schreibt”. Es gibt da ja einige konkrete Beispiele, von der biblischen Geschichte über die Bauernkriege und die Friedensbewegung bis zum Symbol der LGBT-Bewegung (der aktuelle Begriff ist wohl LGBTQIA+ doch da fehlt mir persönlich das * aber wahrscheinlich ist das auch schon wieder überholt, überholt es sich fortwährend selbst, womit wir bei der Flüchtigkeit des Phänomens an sich kurz innehalten könnten …) Vom Schnelldurchlauf in die Superzeitlupe: Was gibt es eigentlich noch für kulturelle, spirituelle, mythologische Bedeutungsebenen jenseits der uns “aufs erste assoziieren” geläufigen – oder der uns von unserem kulturellen Hintergrund vorgeprägten? “The Rainbow Serpent” aus vielen Schöpfungsmythen der Aborigines (der indigenen Völker Australiens) könnte uns auf eine Reise jenseits unserer Vorstellungen mitnehmen. Neugierig?

 

Bloody Rainbow

 

Die guten Kräfte – Eine Rezension

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. April – Es ist ein Buch entsprungen … Und wir haben uns (mit Vergnügen, das sei vorab gesagt) darauf eingelassen. Es heißt “Die guten Kräfte” und entstammt den Schreibfedern von Walter Gröbchen und Thomas Mießgang. Bei diesen beiden Namen klingelt nicht nur irgendwas in meiner Erinnerung, da höre ich plötzlich irgendwo aus dem Hirnarchiv auftauchend längst vergessen geglaubte Musicbox-Beiträge aus den 80ern und 90ern wieder, die vor Formulierlust und Sinnstimmigkeit geradezu übergehen – und die mir schon immer Lust aufs Selbstdenken und Selbstsprechen gemacht haben. Wo der Sinn stimmt und die Stimme sinnlich Resonanz zum Eigensinn erzeugt erklären uns die guten Kräfte die Welt: “Liebe Kinder, ihr könnt ganz beruhigt sein. Ich bin wieder da…”

Die guten KräfteSo findet etwa Walter Gröbchen in seiner Betrachtung von Wilfrieds frühem Austropop-Beitrag “Ziwui Ziwui” solch tröstende Worte:

“Ein Song wie Ziwui Ziwui atmet pure Lebenslust, Zeitlosigkeit, Unschuld. Und radikale Menschlichkeit. Ziwui ziwui // ziwui ziwui // ziwui ziwui ziwuia // zibal zabal Zechnkas // es wiad scho hoiba druia – Zeilen wie diese schafft, bei Gott!, keine künstliche Intelligenz. Das ist so genial jenseitig, dass es einem die Fußnägel aufrollt. Ein Landler? Ein Juchzer? Ein Jodler? Ein dadaistisches Manifest? Egal. Kinder verstehen augenblicklich, wovon die Rede ist. Menschmaschinen verzweifeln daran.”

Koinzidenz! Da begegnen wir einander am Puls der Zeit: In unserer letzten Sendung über Wolfgang Borcherts “Formulierlust und Wortschöpfkunst” gerieten wir (ab 29:30) auch in eine Betrachterei darüber, was Künstliche Intelligenz zur Sprachzerstörung beiträgt, indem sie aus ohnehin schon einseitig funktionsreduzierter Sprache “lernt” und gaben diesem Essenzierungsprozess den Namen “Verblöddichtung”. Bitte. Danke. Guten Morgen! Es ist immer wieder so unendlich befreiend und ermutigend, anderen Menschen zu begegnen, die Sprache zur lustvollen Weltaufbereitung verwenden!

Genau das, nämlich gut recherchierte Hintergründe mit lebendigen Anekdoten und persönlicher – nein, nicht Meinung, vielmehr Haltung in einer Form zu verbinden, die immer wieder Lust aufs Lesen macht – und die erkennen lässt, dass es den Autoren beim Formulieren genauso gegangen sein muss: Sprache als gepflegte Kunstform. Sich selbst lustvoll auszudrücken und das Eigene wiederum anderen resonant zu vermitteln – dafür Inseln zu stiften ist uns nicht nur zutiefstes Bedürfnis, sondern zudem der schönste selbstgewählte Bildungsauftrag. Wir sind ein geiles Institut.

 

Handkuss

 

Mir geht es wie dem Borchert

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. April – Mir geht es wie dem Borchert. Naja, doch nicht so ganz. Aber schon auch irgendwie. Denn da will ein Text aus mir heraus, ein langer Text, für den ich (jedenfalls diese Woche) viel zu wenig Zeit habe. Und auch wenn es nicht meine Restlebenszeit ist, die da vor mir schwindet, so werde ich doch an seinem Ende mehr gesagt haben wollen, als mir jetzt möglich scheint. Wie machen wir nun aus dieser Not vielleicht sogar eine Tugend? Thomas Bernhard formuliert das in der Ursache so: “Aber ich deute nur an.” Was eine gute Herangehensweise ist an ein Thema, das so bodenlos abgründig ist, dass es einem sowieso lebenslang immer zu viel sein wird, von den nachfolgenden Generationen einmal ganz zu schweigen. Also versammle ich hier alle Andeutungen … und ihr könnt selber weiter suchen …

Wolfgang Borchert - Draußen vor der Tür“Sag deinem Kumpel die Wahrheit, beklau ihn im Hunger, aber sag es ihm dann. Und erzähl deinen Kindern nie von dem heiligen Krieg: Sag die Wahrheit, sag sie so rot wie sie ist: voll Blut und Mündungsfeuer und Geschrei. Beschwindel das Mädchen noch nachts, aber morgens, morgens sag dann die Wahrheit: Sag, daß du gehst und für immer. Sei gut wie der Tod. Nitschewo. Kaputt.

Denn wir sind Neinsager. Aber wir sagen nicht nein aus Verzweiflung. Unser Nein ist Protest. Und wir haben keine Ruhe beim Küssen, wir Nihilisten. Denn wir müssen in das Nichts hinein wieder ein Ja bauen. Häuser müssen wir bauen in die freie Luft unseres Neins, über den Schlünden, den Trichtern und Erdlöchern und den offenen Mündern der Toten: Häuser bauen in die reingefegte Luft der Nihilisten, Häuser aus Holz und Gehirn und aus Stein und Gedanken …”

aus “Wolfgang Borchert – Das ist unser Manifest”

 

In der ARGEkultur findet am Donnerstag, 23. April, am Freitag, 24. April sowie am Samstag, 25. April jeweils um 19:30 Uhr eine Aufführung von Wolfgang Borcherts “Draußen vor der Tür” statt – in der Bearbeitung von Jakob Schulte und Johannes Brömmel, die “einen surrealen wie bedrohlich aktuellen Zugriff auf Wolfgang Borcherts berühmtes Nachkriegsdrama von 1947” ermöglicht. Thematisch abgerundet werden alle drei Abende durch die Hör-Installation “VOR UNSERER TÜR” im Foyer, wo die Besucher*innen “ein weiteres zeitgenössisches Echo auf das Stück” erleben können.

Ich habe es als Jugendlicher gelesen (geradezu verschlungen) und war zutiefst beeindruckt. Und zwar von der unmittelbaren Direktheit und Schonungslosigkeit, mit der da die Wahrheit über den mörderischen Krieg und die nach wie vor genauso lebensbedrohliche Nachkriegszeit gesagt wird, eine Wahrheit, die so wichtig ist für das Verstehen der eigenen Person und all dessen, was seither geschehen ist und noch heute geschieht sowie unter bestimmten Voraussetzungen (die wir auch nur verstehen, wenn wir die Wahrheit kennen) in der Zukunft geschehen wird …

Eine Wahrheit, die mir von meiner Familie (die diesen Krieg und diese Nachkriegszeit noch selbst miterlebt hat) aus welchen Gründen auch immer weitgehend vorenthalten wurde. Doch auf einmal platzt eine lang versperrt gewesene Tür auf und ich denke mir: “Man kann über diese Dinge ja doch reden!” Und dann gibt es auch keine Grenzen mehr, von denen man geglaubt hat, dass sie existieren: Ein Traum erweist sich als ein Schlüssel für die reale Geschichte von der vermeintlichen Schuld. Gott tritt auf und … resigniert. Der Fluss kann sprechen … sie spuckt den Lebensmüden an Land …

 

Ein in vielerlei Hinsicht herausragendes Werk, dem wir näher kommen wollen.