IN BETWEEN

Artarium am Sonntag, 8. Februar um 17:06 Uhr – Nachdem wir nun (völlig zu Recht) mit der ausgezeichneten Gedenkkultursendung “Unzerstörbar” zum 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert waren, denselben dann aber leider doch nicht gewonnen haben (warum auch immer) und jetzt am Montag, 16. Februar um 19 Uhr die Premiere unseres Dokumentarfilms “IN BETWEEN” im Das Kino stattfinden wird, sind wir auch in dieser Hinsicht (was die öffentliche Wahrnehmung unserer Arbeit anbelangt) im wahrsten Sinn des Wortes “dazwischen” oder eben “im Between”. Da bietet es sich naturgemäß an, wieder einmal so richtig innezuhalten und zu schauen, was dieses “kreative Kraftfeld” zwischen uns beiden eigentlich ausmacht und … was für eine “Zwischenwelt” wir da immer wieder erleben, gestalten und darstellen.

IN BETWEENUm diese Selbstbespiegelung auch für das unsichtbare Publikum auf unterhaltsame Weise stattfinden zu lassen und dem geheimnisvollen “Between” sowohl von innen wie auch von außen näher zu kommen, laden wir Carla Stenitzer zu uns ins Kunnstbiotop ein. Im Gespräch mit ihr werden sich nicht nur die für uns unsichtbaren Aspekte des gemeinsamen Radiomachens erhellen, sondern darüber hinaus auch die gesundheitsfördernden gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Experimente im nichtkommerziellen Umfeld eines wirklich freien Radios. Zitat aus unserem Film: “Freies Radio ist eine Notwendigkeit in diesem ganzen … Gebräu aus politischen Interessen, kommerziellen Interessen und Quotennotwendigkeiten …” Und überhaupt: “Freies Radio ist das, wo der Mensch sein kann, wer er ist … und das machen (kann), was er ist.” Dem wollen wir in dieser Sendung auf den Grund gehen.

Gleichzeitig finden wir uns dabei auch im Bereich des Nichtdefinierbaren wieder. Ein Großmeister der Innenweltbeobachtung, Peter Gabriel, hat dies in der Einführung zu seinem Song “Secret World” bei einem Livekonzert in Tinley Park so ausgedrückt: “Sometimes people collect together. But two people merge together sometimes so close that you can’t see any space in between. And all of a flash … little pockets appear … little cracks … and a little rumble in the distance … this we could describe as the secret world.” Genau um dieses öffentliche Geheimnis geht es auch in unserer Arbeit:

 

A secret world …

 

Das Leben geht weiter

Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. Januar – Aus gegebenem Anlass wiederholen wir diesmal unsere Sendung vom 27. April 2025 mit dem Titel “Unzerstörbar”. Mit ihr wurden wir vor einiger Zeit für den 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert und die Verleihung desselben findet jetzt am Donnerstag, 22. Januar im ORF-RadioKulturhaus statt. Im DrehPunktKultur erschien unlängst ein Bericht darüber, was uns “hinter den Kulissen” bei der Gestaltung dieser Sendung noch beschäftigte. Denn wiewohl sie sich mit dem Gedenken an die Salzburger Bücherverbrennung von 1938 auseinandersetzt, beleuchtet sie das Leben jener “Nachgeborenen”, die den Nationalsozialismus gerade nicht mehr selbst erlebt haben, jedoch von seinen Folgen betroffen sind.

Das Leben geht weiterWir erinnern uns noch gut an die Begegnung der Generationen, die wir gemeinsam mit Marko Feingold am jüdischen Friedhof und in der Salzburger Synagoge inszeniert und als ein bleibendes Dokument für das Archiv der Freien Radios aufbereitet haben. Jetzt, wo die letzten Überlebenden allmählich aussterben”, ist es an der Zeit, die Aufgabe des Bewahrens und des Erzählens dieser Geschichte(n) an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Denn was die Kinder und die Enkel und bald auch die Ur …und so weiter… enkel in ihrem jeweiligen Leben antreffen, das ist eingefärbt und geprägt von dem, was ihre Vorfahren erzählt, verschwiegen oder umgedeutet haben. Das Ringen ums eigene Überleben inmitten von all den Leerstellen in den Familiengeschichten qualifiziert uns zu “Zeitzeugen der nächsten Generation”. Und damit ist auch die Möglichkeit verbunden, unsere “Leerstellenforschung” als Geschichte(n) weiter zu erzählen.

Ob und wie wir diese Chance für uns nutzen, ob und wie wir unser Leben für die Mitwelt fruchtbar machen, ob und wie wir dabei Schmerz und Lust erleben (und uns erlauben, auch zu zeigen, was wir fühlen), das bleibt der freien Entscheidung jeder und jedes einzelnen überlassen. Und, um der verbreiteten Angst vor Leerstellen, leeren Räumen oder der Leere an sich entgegenzuwirken, die Theaterpädagogin Peetra Jendrzejek prägte den Begriff des “kreativen Vakuums”, der bedeutet, dass jede noch offene Frage eine Sogwirkung zu ihrer eigenen Beantwortung entfaltet.

 

Und wir, die wir leben, sind schöpferische Wesen, die (auch unbewusst) antworten.

 

Wie klingt Afghanistan?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. Januar – Zwei Biertrinker unterhalten sich während einer Veranstaltung namens “Afghanistan-Abend” und geraten dabei rund ums eigentliche Thema in ihre ureigensten Betrachtungsweisen. “Suchanfragen im Internet geben die kollektive Unwissenheit wieder.” Ein Schlüsselsatz aus diesem urkomischen Kopftheater, der uns hilft zu verstehen, auf welch oft verschlungenen Wegen sich Wissen, Halbwissen und Unwissen, vermengt mit Emotionen und stets in Weiterentwicklung begriffener Erinnerung, zur Vorstellung von etwas werden, von dem man dann glaubt, dass es genau so ist, wie man es jetzt gerade gesagt hat. In dem Hörspiel “Wie klingt Afghanistan?” von Thomas Glatz lässt sich eindrucksvoll und unterhaltsam nachvollziehen, wie und woraus “Für wahr gehaltenes” entsteht …

Wie klingt Afghanistan?Das Afghanistan-Thema gerade jetzt aufzugreifen hängt mit dem Umstand zusammen, dass mein Kollege Christopher Schmall und ich selbst für den 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert sind und dass die Rede zum Preis heuer von einer beeindruckenden Frau gehalten wird, und zwar von Manizha Bakhtari, Botschafterin in Österreich und Tochter des großen afghanischen Literaten Wasef Bakhtari. Der exzellente Dokumentarfilm “Die letzte Botschafterin” begleitet die kämpferische Diplomatin, die sich für Frauenrechte und Demokratie in ihrer Heimat einsetzt und die sich nach wie vor standhaft weigert, das Taliban-Regime auch nur im entferntesten als eine “Regierung” anzuerkennen. Auf ein offizielles Entlassungsschreiben des inzwischen von den “Terroristen” (wie sie die Taliban öffentlich nennt) geführten Außenministeriums reagierte sie so: “Tja, mein Herr, ich nehme keine Befehle von ihnen an, auch nicht von ihrem islamischen Emirat.”

Die letzte BotschafterinAls ich diesen Film auf Einladung vom Wolfgang Tonninger in der match.box zum ersten Mal sah, war ich gerade so sehr mit mir als 11-jährigem beschäftigt, der den Tod seines Vaters noch nie wirklich betrauern und verarbeiten hatte können, dass ich ihn regelrecht “links neben mir sitzen” spürte. Und als wir beide diese sehr lebendige Frau dabei beobachteten, wie sie immer weiter kämpfte und nicht aufgab, dabei aber nie ihre “gefährlichen” Gefühle wie Angst, Trauer und Zweifel am Sinn des ganzen unterdrückte und wie sie dann noch beim Begräbnis ihres Vaters öffentlich weinte, während sie ein Gedicht von ihm vorlas, da wurde uns beiden klar, dass wir damals genau so eine Mutter gebraucht hätten, die unserer Wut, unserer Verzweiflung und unserem Zusammenbruch standhalten würde und die nicht ausweichen, nicht ablenken und nicht mit ungeeigneten Mitteln wie Geld, Geschenken und erregter Betriebsamkeit versuchen würde, drüber hinweg zu trösten. Uns stiegen Tränen in die Augen. Tränen des Bedauerns, dass wir das damals nicht erlebt hatten. Und Tränen der Freude, dass auf ein Mal ein so deutliches Gegenbild zu einer im wahrsten Sinn verrückten (von uns und unserer Welt und vom Leben massiv ver-rückten) Person, die wir als Mutter gehabt hatten, vor uns erschien.

 

Ein kleiner Vogel flog, als der Wald brannte, mit einem Schnabel voll Wasser immer wieder vom Fluss zum Feuer und wieder zurück. Damit könne er doch den Waldbrand nicht löschen, sagten die anderen Tiere zu ihm. „Es ist das, was ich tun kann. Das gibt mir das Gefühl, etwas bewirken zu können – und nicht nur ohnmächtig zuzuschauen.“ Ob der Waldbrand auf diese Weise erfolgreich bekämpft werden kann, das ist eine andere Frage, ergänzt Manizha Bakhtari diese Geschichte (die sie von ihrem Vater erzählt bekam). Und für mich ist die Rede, die sie halten wird, schon der Preis

 

Hören sie genau hin

 

Ein halbes Doppelalbum

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Januar – Und wieder einmal öffnen wir eine Zeitkapsel, diesmal in Gestalt einer Langspielplatte (so hießen Musikalben damals im vordigitalen Zeitalter). Wir präsentieren euch “Ein halbes Doppelalbum” von Werner Pirchner, ein im allerbesten Sinn bewusstseinserweiterndes und weit über zahllose Genres hinausreichendes Meisterwerk, das völlig zu Recht seit seinem Erscheinen im Jahr 1973 unter Kennern Kultstatus hat. Das löbliche Wiener Label monkey.music hat 2015 eine auf 750 Stück limitierte Vinyl-Neuauflage herausgebracht, von der, wie man hört, aktuell noch ein paar Dutzend erhältlich sind. Für unsere heutige Sendung vorgeschlagen hat das akustische Ausnahmeerlebnis Kollege Rupert Madreiter, den ein wohl “etwas anderer” Deutschlehrer einst in Pirchners geniale Anderswelt einlud.

 

Werner Pirchner - Ein halbes Doppelalbum“Pirchners vielschichtige Musik verbindet auf ungewohnte Weise Elemente aus Jazz, Unterhaltungs- und sogenannter Ernster Musik. Vom elektronisch verarbeiteten Jodler zum schräg harmonisierten Schubert, von einer Hommage für John Cage zur Persiflage der jugendlichen Indienwallfahrer und Drogenkonsumenten, von der parodierten Werbesprache zu noch heute gültigen sozialkritischen Texten spannt sich ein weiter Bogen. Oft wechseln seine Arbeiten zwischen unmittelbarer Vitalität und einer Art Metamusik, die sich analytisch mit vielbenutzten Musikmodellen auseinandersetzt. Als Autodidakt hatte Pirchner angefangen; eigenwillig und in kein Stilklischee einzuordnen blieb er bis zu seinem Tod.”  Wikipedia

 

“Aufgenommen zwischen 1966 & 1972 im Stadtsaal Ibk, mit zwei Revox Tonband-Maschinen. Zur gleichen Zeit startet die Karriere von Frank Zappa in Amerika. Werner Pirchner hat hier in unserem Land ähnlich kongeniales geschaffen. Wir hören hier “Pirchnereske Musik”. Werner Pirchner und sein Ensemble bewegen sich zwischen Avant-Garde und Comedy. Ein unglaublich kreatives Werk, das zu seiner Zeit seines Gleichen suchte. Die Zeit war einfach noch nicht reif für Werner Pirchner. Das gab uns den Anlass “Ein halbes Doppelalbum” im Original Cover und remastered wieder zu veröffentlichen. 1973 brachte Werner Pirchner das Album erstmals als LP heraus. In Plattensammlerkreisen hat dieses, schon damals limitierte Werk, Kultstatus und ist längst vergriffen. Limited Edition: 750 Stück, nummeriert, im Original Faltcover. Mit Sicherheit ein Reissue-Sammlerstück! Und als Download überhaupt erstmals verfügbar.”  monkey

 

“Den ersten Text habe ich geschrieben, da habe ich einmal Grippe gehabt, oder was, da bin ich im Bett gelegen und habe einen Film gesehn mit dem O.W. Fischer »Erzherzog Johanns letzte Liebe« oder so. Da haben sie das Lied gesungen »Wo das Büchserl knallt«, und bei mir is es gleich weitergegangen »Wo das Bomberl fallt«. Dann habe ich den Text fertig geschrieben und wollte, dass das jemand singt, jemand vom Rundfunk. Und der hat sich dann nicht getraut und hat gesagt, ich solls selber singen und dann hab ichs selber gesungen.” Werner Pirchner zu “Ein halbes Doppelalbum”

 

All dem ist nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen – außer der herzlichen Einladung, sich dieses außergewöhlich inspirierende Kopftheater aufmerksam anzuhören und dadurch Werner Pirchners sehr wesentliches Vermächtnis mit uns zusammen ins Hier und Jetzt zu befördern. Denn seine Statements sind von zeitloser Gültigkeit. Die Möglichkeit dazu besteht sowohl am 11. 1. um 17 Uhr auf allen Frequenzen der Radiofabrik und im Livestream, als auch danach noch auf unserem Kanal in der Mediathek der Freien Radios (und zwar ohne Ablaufdatum). Sehr zum Wohl 

 

Wir sind ein geiles Institut

 

Rebellen und Revolutionäre

Artarium am Sonntag, 23. November um 17:06 Uhr – Wenn wir an Rebellen denken, dann kommen uns zunächst die rebellischen Posen all der “angry young men” aus der Popkultur in den Sinn, des weiteren wohl auch allerlei gegen irgendein Unrecht Aufbegehrende und nicht zuletzt unzufriedene Frauen wie zum Beispiel Pussy Riot. Wenn allerdings von Revolutionärenja, bitte auch *innen – die Rede ist, fällt leider schnell die Assoziationsklappe zu den Bedeutungen, die in einer ausschließlich aufs Äußerliche fixierten Gewaltwelt flächendeckend verbreitet sind (und werden). Wir aber wollen uns diesmal den revolutionären Umstürzen im Inneren zuwenden, die für viele praktische Anwender*innen des Menschseins als die wesentlichen und für eine eigeninitiative Gestaltung des Lebens unverzichtbaren gelten

Rebellen und RevolutionäreDer wegweisende Psychologe und Schriftsteller Arno Gruen schreibt in seinem Buch “Der Verlust des Mitgefühls: Über die Politik der Unmenschlichkeit” in dem Kapitel “Linke und rechte Rebellen” über die Ursachen von sich fortwährend wiederholenden rebellischen Posen sowie fruchtlosen, weil nämlich stets in Gewaltexzessen erstickenden Revolutionen: “Um aus dieser Verwirrung auszusteigen, muss man erkennen können, was man als Kind tun musste, um seine fürchterliche Angst zu überleben.” Und weiter: “Um diese Problematik in einer Psychotherapie aufzuarbeiten, muss diese alte Angst – der Terror, den das Kind als Vernichtung seiner selbst erlebte – erneut durchlebt werden.” Na, habediehre! Willkommen im Abgrund, aber eben auch und gerade dort, wo hinter der Todesangst das Leben lauert, das wunderschön ist und gesund, die wirkliche Liebesfähigkeit für uns selbst und für andere – das wir jedoch in weiten Teilen zu spüren verlernt haben. Florian Friedrich weiß, worum es hier geht.

Was mich an Arno Gruens Psychologie von Anfang an fasziniert hat, war dieser selbstverständliche Zusammenhang zwischen den Lebensproblemen einzelner Menschen und den gesellschaftlichen Gegebenheiten, in denen sie stattfinden. So zeigt er nicht nur die sozialen Verursachungen von seelischen Verstrickungen auf, sondern auch die Auswirkungen, die deren therapeutische Verarbeitung auf die gesamte Gesellschaft (und somit auf die Welt, in der wir leben) unweigerlich haben. Er verknüpft also das Innen mit dem Außen auf der Ebene von Ursache und Wirkung:

“Wir suchen nach dem Besseren, verfallen aber immer wieder Führern, die uns unterdrücken, uns zwingen, unsere individuelle Geschichte der Unterdrückung und Rebellion zu wiederholen. So wird unsere Leidensgeschichte immer weitergegeben. Sie mag zwar unterschiedlich verlaufen, aber der Inhalt des Leidens und der Unterdrückung bleibt. Dennoch bleiben die Hoffnung auf das Gute und der Wille, Gutes zu tun, bestehen. Sie flackern immer wieder auf. Ich spreche hier nicht von organisierten politischen Bewegungen, sondern von Individuen, die zu sich selbst gefunden haben und der Gewalt und der Verlogenheit die Stirn bieten. Ob dies auf dem Weg des inneren Wiederstands oder in Form von offener Rebellion geschieht, ist dabei unerheblich. Wichtig ist, dass die Individuen zu ihrem Menschsein stehen.”

 

I look at you all, see the love there that’s sleeping

 

 

Die heilige Johanna

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 26. Oktober – Diesmal stellen wir euch ein im angenehmsten Sinn “etwas anderes” Theaterprojekt vor, das uns darauf neugierig gemacht hat, endlich wieder einmal eine Aufführung mit allen Sinnen zu genießen – und nicht einfach nur brav blökend das sonst übliche Überangebot zu konsumieren (wovon wir uns aber ohnehin lieber fernhalten). Wir besehen das Stück “Die heilige Johanna der Schlachthöfe” von Bertolt Brecht, das schon bald in der Inszenierung von Cassandra Rühmling an verschiedensten Orten in Stadt und Land Salzburg zu sehen sein wird. Allein schon die Auswahl der Spielstätten ließ uns aufhorchen – so findet etwa die Vorpremiere am 1. 11. um 19:30 Uhr in der altkatholischen Kirche statt – das ist schon einmal erfrischend anders als “Theater immer nur im Theater”.

Die heilige JohannaBeim Schreiben dieses Artikels stelle ich fest, dass ich hier keine wie auch immer gearteten Interpretationen, Brecht-Traditionen oder sonsterlei ideologische Vereinnahmungen seines Werks anführenja, nicht einmal verlinken möchte. Das hat wohl mit der unrühmlichen Brecht-Verdammung hierzulande (in der Zeit des kalten Krieges) zu tun und mit der bizarren Geschichte rund um seine Staatsbürgerschaft. Die ihm vor 75 Jahren verliehene österreichische hat er ungeachtet der damit verbundenden Skandale und Hysterien zeitlebens beibehalten. Das freut uns (im nachhinein) am heutigen Nationalfeiertag, der einst Tag der Fahne hieß und von fähnleinschwenkenden Kindern mit “von oben” verordneter Freude “begangen” wurde. Seither widerstrebt es mir, vorgegebene Deutungen und Be-deutungen (von wem bitte, von wem?) aufgetragenerweise wiederzugeben. Und so fühle ich mich bei “echt lebensnachspürenden Inszenierungen” wesentlich wohler.

Denn Cassandra Rühmling dringt gemeinsam mit ihrem engagierten Ensemble in die tieferen Schichten der heiligen Johanna vor. Wiewohl die politische Aktualität von ungerechter Ausbeutung deutlich zur Sprache gebracht wird, steckt in dem recht komplexen Stoff doch noch einiges mehr an psychologischem Erkenntnisgewinn, etwa über das Kommunizierenwollen und das Verstandenwerdenkönnen oder die Rückbesinnung auf ein in allen Kämpfen mit inneren wie äußeren Verhältnissen fortwirkendes “Mensch sein”, ohne das weder Überleben noch Verstehen gelingt.

Wir freuen uns also schon auf die erwähnte Vorpremiere am 1. November und ganz speziell auf die Regisseurin und zugleich Hauptdarstellerin, die bei uns im Studio zu Gast sein und uns mehr als nur einige Einblicke in “die heilige Johanna” sowie ihre faszinierende Arbeit durch die vielen Schichten des Dramas bieten wird. “Diese Frau macht kein Theater – sie ist eins.”, sagt man über sie. So eine Verkörperung dessen, was Theater ausmacht, selbst zu erleben, das empfehlen wir naturgemäß ausdrücklich. Alle Termine und Tickets elegant auf dieser Seite: Theaterplatz.at

 

Und Thomas Oberender empfiehlt: “Hören sie genau hin!”

 

Kolonialwaren

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 19. Oktober – Wenn heute jemand das N-Wort (für Menschen dunkler Hautfarbe) nicht verwenden will, dann hoffentlich deshalb, weil es (und seine noch abwertendere Variante, die schwarze Menschen als rechtlosen Besitz weißer Plantagenbesitzer bezeichnet) nach wie vor die Geschichte eines über Jahrhunderte verübten Verbrechens gegen die Menschlichkeit weiter erzählt – und zwar so, als wäre es ganz normal gewesen, mit Menschen wie mit Kolonialwaren zu handelnSachen, die einem gehören und mit denen man machen kann, was man will. Und wenn wir uns heute so umschauen auf der Welt, dann wird genau die Geschichte – von höheren und niedrigeren Menschen und vom Recht der einen, die anderen zu besitzen und zu beherrschen – vielerorts wieder traurige Realität.

Nun haben wir in Österreich keine böse Kolonialgeschichte (wie etwa die belgische eine war) … möchte man immerhin meinen. Doch wenn wir unser Augenmerk von Afrika oder überseeischen Gebieten auf den benachbarten Balkan richten, dann sieht das schon wieder anders aus. Auch wenn es dabei nicht um den allseits begehrten Kaffee ging, um Kolonialwaren und deren billige Inbesitznahme ging es auch im Fall von Bosnien-Herzegowina. Meine eigene Familiengeschichte kann davon Finsteres berichten – und zwar von Seiten der Täter*innen. Noch heute preist man etwa den Holzreichtum Bosniens als gewaltige natürliche Ressource. Zur Zeit der Okkupation (und später Annexion) durch Österreich-Ungarn (von 1878 bis 1918) wurde mein Urgroßvater als ein Mitglied der “k.u.k. Landesregierung” in hohen Positionen der “Forstabteilung” damit beschäftigt, so viel Holz als möglich aus den bosnischen Wäldern “zu gewinnen”, und zwar um Schwellen für den Eisenbahnbau in der gesamte Monarchie bereit zu stellen. Hier ein Video seiner Villa in Sarajevo.

Man kann ihn also durchaus als einen privilegierten Ausplünderungsbeauftragten bezeichnen. Und jetzt schauen wir uns einmal das Verhältnis der Österreicher*innen zu den Einwohner*innen Ex-Jugoslawiens an – wie es sich seit damals entwickelt hat – und wie es sich heute darstellt und vor allem anfühlt (und zwar für beide Seiten). An diesem Punkt der Überlegung kommt unweigerlich das österreichische T-Wort, nämlich “Tschusch”, ins Spiel. Danke, Lukas Resetarits! Und die bemerkenswerte Beobachtung, wie sich die Ausgegrenzten “der ersten Generation” verwandelten …

Im Grunde handelt diese Sendung auch “vom Hausneger” und “vom Lakai” – zwei weiteren zutiefst abwertenden Bezeichnungen für zwei längst überholt geglaubte gesellschaftliche Positionen – in die wir jedoch zu unseren Lebzeiten persönlich hineinvergewaltigt wurden, wovon wir in Gestalt von zwei anschaulichmachenden Anekdoten noch berichten werden. Und davon ausgehend wollen wir versuchen, die unselige Spirale der Gewalt zu durchbrechen, in der viele frühere Opfer später zu Tätern werden (fast schon zwangsläufig). Und ja, hier sind das speziell Täterinnen.

 

“De Frauen san de Tschuschn vo da Wöd” (John Lennon auf Wienerisch)

 

PS. Mwita Mataro (At Pavillon) hat uns durch seinen Film “Austroschwarz” und mit seinem Song “Schwarzer Hase” zum Nachdenken über die Kolonialwaren angeregt – und somit des weiteren auch zur Gestaltung der heutigen Signation inspiriert.

 

Peter Gabriel geht in seiner Arbeit am jüngst erschienenen “Live and Let Live” der Frage nach, inwieweit “Forgiveness” im Sinne von Nelson Mandela beim der für uns alle so notwendigen Befreiung aus den Verstrickungen von Schuld und Rache eine wesentliche Rolle spielt – ja, geradezu unverzichtbare Voraussetzung dafür ist.

 

Lieber Konstantin,

“Der Liebe zuliebe”, so heißt dein jüngstes Buch, das ich soeben gelesen habe. Und als ich damit angefangen hatte, drängte sich mir sogleich der Wunsch ins Bewusstsein, dir zu schreiben. Du wirst dich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern, doch wir sind uns einmal in Salzburg begegnet, das war 1979 anlässlich deines Konzerts im großen Festspielhaus. Im Anschluss daran haben wir gemeinsam gesoffen bis in den Morgen und du hast mir all dein Geld geschenkt, das du dabei hattest, für die damals geplante “Initiative Buntes Salzburg”. Und heute lese ich in diesem Buch, dass du Alkoholiker bist und vor ungefähr 4 Jahren, ziemlich zur selben Zeit wie ich, beschlossen hast, nicht mehr zu trinken, also deine Sucht der Liebe zuliebe nicht mehr auszuleben. Das, lieber Konstantin, berührt mich zutiefst – und verbindet uns noch einmal ganz neu

Lieber KonstantinDenn schon seit vielen Jahren bezeichne ich dich (auch ohne dass du davon weißt) als einen meiner wichtigsten Sprachlehrer. Deine Texte und vor allem deine Art, sie auszudrücken, dein Mut, auch die  erschreckenderen Abgründe des Gefühlslebens anzuschauen und in Worte, oft auch in unerwartete und zugleich berührende Klänge zu fassen – das alles und noch viel mehr hat mich immer wieder dazu angestoßen und herausgefordert, meinen eigenen Abgründen sowie ihren Spiegelungen in der Welt um uns herum mit Worten, in Klangbildern und Inszenierungen Gestalt zu geben, um andere auf sie aufmerksam zu machen und um sie (nüchtern betrachtet mehr denn je) in mir und nicht zuletzt für mich selbst zu verbearbeiten. Du komponierst und dichtest und gehst auf Tournee. Ich dichte auch und komponiere Radiosendungen, die gehen dann für mich “im Äther” auf Tournee. In denen bist du auch schon öfter vor- und, wie ich meine, ganz gut weggekommen. Es gibt Verbindungen jenseits des Sichtbaren

Lieber Konstantin, heute sind es im Rückblick nicht mehr nur die vielen Anregungen und Einflüsse, die wir beide gemeinsam haben und denen ich in deinem Buch wieder begegnet bin. Ich will hier zwei wesentliche Personen erwähnen, denen ich ungemein Gutes verdanke: Den großen Pier Paolo Pasolini und den wunderbaren Arno Gruen. Heute ist es vor allem der Weg, auf den du dich im Augenblick des Zerrbruchs (einer der kreativsten Druckfehler, denen ich je begegnen durfte) gemacht hast: Poetisches Wandeln und politisches Handeln durch spirituelle Entwicklung in Einklang bringen.

(Mitschnitt): Im Artarium am Sonntag, 28. September gehen Christopher Schmall und ich der Frage nach, wie sich der Weg des Konstantin Wecker in seinem Werk und in unseren jeweils eigenen Werdegängen wiederspiegelt und was für uns dabei “ein roter Faden” sein kann. Weil in jeder gesättigten Lösung aus Poesie und Widerstand, Wut und Disziplin, Vergebung und Aufbegehren, kurz gesagt in jedweder kreativen Ursuppe eine erste Struktur aus Lebensordnung und dem Wunsch nach Gestaltung der Utopie zu finden ist, an der sich längst vorhandene Elemente herauskristallisieren:

 

Das ist Poesie

 

Listening to Perlentaucher

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. September – “Liebes unsichtbares Publikum!”, so sprechen wir euch in unseren beiden Sendereihen an, sowohl hier im Artarium als auch an jedem 2. Freitag im Monat in der Perlentaucher Nachtfahrt (immer von 22:06 bis 01:00 Uhr). Doch unsere Zuhörys (entgendert nach Phettberg) haben ja verschiedenartige Vorlieben und neigen daher oft eher der einen oder der anderen Darreichungsform zu. Also wollen wir heut mal die Gelegenheit ergreifen, euch, liebes Artariumpublikum, unsere “Musikliterarische Gefühlsweltreise mit tiefgründigen Themen” schmackhaft zu machen. Denn wenn die Radiohasen drei Stunden am Stück Zeit haben, ihre Poesie zu entfalten, entsteht naturgemäß eine andere Art von Sendung ….. und eine andere Art von Erfahrung beim Zuhören.

Listening to Perlentaucher“Die Poesie vermag es, uns eine Ahnung zu vermitteln von dem, was unseren Verstand übersteigt.” So beschreibt das Konstantin Wecker in seinem neuen Buch “Der Liebe zuliebe”, das ich mit Vehemenz empfehle (das wird einer eigenen Sendung bedürfen). “Die Poesie vermag es, uns zu befähigen, das Wunder des Lebens in uns mit der brutalen Realität um uns herum wieder in Einklang zu bringen, auch wenn vieles zunächst einmal unwiederbringlich zerstört erscheint.” So möchte ich diesen Gedanken weiter führen. Und was machen wir dann gemeinsam in unseren monatlichen Nachtsendungen, in denen wir als Perlentaucher auf die Suche gehen nach den verborgenen Kleinoden der Poesie, die unmittelbare Berührung mit überraschender Erkenntniss verbinden? Das ist schwer zu beschreiben, doch darum geht es bei unseren Expeditionen eben auch: Worte zu finden für das Unsagbare:

“Wir wachsen so selbstverständlich mit der Sprache auf, dass uns teilweise gar nicht mehr auffällt, wie zauberhaft und magisch sie sein kann. Sie kann Welten öffnen, fantastisch und traumhaft; sie vermag es aber auch uns zu verletzen, hässlich zu sein, widerlich und ekelerregend. Sie ist unendlich weit, farbenfroh und so facettenreich; dennoch stoßen wir hin und wieder an ihre Grenzen. Sprache kann wirklich sprachlos machen. Manchmal verschlagt es uns die Worte, wir können nichts mehr sagen, bringen keinen Satz mehr hervor, als hätten wir ganz und gar verlernt zu sprechen …

Ich als Dichter lebe von ihr. Ich liebe und ich hasse sie; und bin auf sie angewiesen. Es ist schon merkwürdig wie ein Wort den Sinn eines ganzen Satzes verändern kann. Es ist ein ständiges Abwiegen, ein andauerndes Überlegen und Feilen, eine Arbeit, eine Beschäftigung, die niemals aufhört, immer weiter geht. Ich bin im Bann der Worte. Und kann doch über sie bestimmen! Ich glaube, es ist eine Art Symbiose. Ohne Worte könnte ich nicht meine Gedanken nieder schreiben und ohne mich blieben sie nur seltsame Hieroglyphen.” (Christopher Schmall in “Dichterwerdung” vom 8. August 2013)

Listening to You, Perlentaucher …

 

Tantes Inferno

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 24. August“Wir müssen unsere Eltern in ihrem historischen Kontext verstehen.” Dieses Zitat von Peter Hodina erweist sich als umso zutreffender, je mehr und je länger ich mich mit der Geschichte meiner Familie beschäftige. Und dabei habe ich über die Jahre so einiges entdeckt, was man vor mir unbedingt hätte geheimhalten wollen. So etwa die Verstrickungen meiner Tante in die Ideologie des Nationalsozialismus, deren schädigende Auswirkungen auf mich und meine Mutter ich erst langsam (im Rahmen einer Traumatherapie) zu verstehen beginne. Noch vor einigen Jahren habe ich einen viel zu euphemistischen Nachruf auf sie verfasst. Heute sage ich rückblickend: “Es war die Hölle.” Das Kind darf sich wieder spüren – und auch das titelgebende Wortspiel mit “Dantes Inferno” machen …

Tantes InfernoEs gilt also einiges zu berichtigen und auch die Geschichte(n) so zu erzählen, dass sie nie mehr hinter dem muffigen Vorhang des Schweigens und Vergessens zum Verschwinden gebracht werden können. Es gilt, sich selbst wieder zu begegnendort, wo man im tiefsten Inneren schon immer gewusst hat, was gespielt wird, wo man sich aber schon zu lange nicht bewusst hinzuschauen getraut hat, weil die eingeflößte Todesangst vor der Wahrheit viel zu groß war. Wie zersetzend sich eine nationalsozialistische Erziehung von frühester Kindheit an auswirkt, das hat Sigrid Chamberlain in ihrem Buch “Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” minutiös dargestellt. Der eigentliche Skandal aber besteht darin, dass jener zutiefst menschenverachtende “Erziehungsratgeber” von Johanna Haarer, der darin die Hauptrolle spielt, auch nach Kriegsende immer wieder neu aufgelegt wurde (zuletzt 1987), bis in die 2000er Jahre als Lehrmaterial für die Ausbildung in Säuglingspflege verwendet wurde, und dass die kinderfeindlichen Erziehungsmethoden, die solchem auf Gehorsam und Funktionieren abzielenden “Kinderabrichten” innewohnen, nach wie vor von einigen sogenannten Experten als sinnvolle Maßnahmen angepriesen werden. DAS macht hilflos – und wütend.

Dabei muss es aber nicht bleiben: “Denn ist ein Buch, das geschrieben werden muss, erst einmal geschrieben, ist das Grauen in Worte gebannt. Das bedeutet nicht unbedingte Heilung, doch Linderung für die Seele. Schreiben ist selbstbestimmtes Handeln, es befreit aus der Opferrolle.” Zitat aus Misha Schoenebergs “Mein Vater, Auschwitz und der 7. Oktober”. Ein solches Buch, das ich gerade lese, ist der Roman “Wenn das der Führer wüsste” von Otto Basil (ein sträflicherweise kaum bekannter österreichischen Publizist und Schriftsteller), der mir Tantes Inferno zu lindern vermag.

Meine eigene Erzählung beginnt mit dieser RadiosendungWas hat es mit dem von mir erlebten und überlebten Inferno – und mit meiner Tante – auf sich?

Wir öffnen eine Zeitkapsel …