Nachhören: Eine perfekt eingerichtete Welt. Hackeln ohne Ende, denn es gibt viel zu viel von allem

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Binario Due

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. März – Binario bedeutet im Italienischen Bahnsteig oder Bahngleis und dient uns hier als Metapher für unsere Begegnung mit dem Nichtbinären. Binario Due bedeutet also, dass es nicht mehr nur eingleisig weiter geht, auf einer einzigen eingleisigen Strecke, die genau zwei festgelegte Schienen hat, rechts/links, schwarz/weiß, männlich/weiblich. Nein, da ist noch mindestens ein anderer Bahnsteig, von dem aus Reisen in ganz andere Richtungen möglich sind. Diese anderen Geleise bestehen zwar wiederum aus jeweils zwei Schienen … aber nicht einmal hier endet unsere Metapher: Biologisch bestehen wir ja alle aus zweiDer Umgang mit nichtbinären Geschlechtsidentitäten regt zur Selbstbestimmung an in einer von Rollenklischees und Geschlechterstereotypen eingeengten Welt.

Binario DueZur Klarstellung vorweg: Wir wollen in dieser Sendung einfach ein paar Beispiele aufzeigen, wo sich erste Risse im vermeintlich so festen Definitionsgefüge bilden (und Definition ist ja immer auch Herrschaft, wie uns Begriffe wie “Definitionshoheit” verraten). Und wir wollen auch zu ein paar “anderen” Denk-, Sicht- und Wahrnehmungsweisen einladen, die uns Mut machen können, neue Wege auszuprobieren. Dies alles, weil wir selbst erfahren haben, wie weh es tut, in ein Korsett, eine Zwangsjacke oder ein viel zu enges Schachterl gezwungen zu werden, nur weil jemand anders damals geglaubt hat (oder immer noch glaubt?), das müsste so sein. Wir aber sind in between

Irgendwann in den 70er Jahren tauchten ein paar langhaarige Familienväter in der Welt des Progressive Rock auf, die auf eine angenehm andere Art als sonst üblich von Liebe und Beziehung sangen. Nicht in der hörgewohnten Weise, dass es sich, wenn zwei Menschen zusammen kommen, natürlich nur um einen eindeutigen Mann und eine eindeutige Frau handeln kann, Yeah Baby, was denn auch sonst? Das war die damals aus allen Schalltrichtern auf eine/n eintönende “Normalität”, die jeder nicht heteronormative Mensch als zutiefst verletzende, penetrante Propaganda erlebte.

Die inzwischen nicht mehr ganz so langhaarigen Familiengroßväter der Rockgruppe YES stellten innerseelische Entwicklung und zwischenmenschliche Beziehungen jedoch jenseits der Chiffren und Codes dar, die mit angeblich selbstverständlichem Mannfraupimperanto assoziiert werden. Das war (und ist) dermaßen wohltuend, dass deren Altersdarbietung von “And You And I” Live in Montreaux hier bestaunt gehört. Und die Bilder, die es beim Hören aufsteigen lässt, unserer Phantasie zur Erweiterung ihrer Möglichkeitsformen beim UmGestalten unseres Selbst dienlich sein mögen …

In den 80er Jahren beschrieb Peter Gabriel das “Geheimnis eines wirklich guten Lovesongs”. Es gehe dabei darum, dass nicht explizit ausgedrückt werden dürfe, ob es sich bei der besungenen Liebe um die zwischen einem Mann und einer Frau oder zwischen zwei sonst irgendwie anderen Menschen oder überhaupt zwischen zwei Lebewesen handle. Das müsse unausgedrückt offen und so der Imagination der Zuhörenden überlassen bleiben, damit es ein wirklich wesentliches Lied über die Liebe sein könne. Umfassend inklusivund so wahr: “Love To Be Loved”

Irgendwie kommen wir noch in die GegenwartAuf einer spirituellen Reise zum Geist des Widerstands, der wie “da Wind in die Bam” durch unsere Träume weht, womöglich? Jedes Beharren auf “den eigenen Sinn” und somit auf “die eigenen Sinne” ist ein Akt des Widerstands und der Keim eines Aufbruchs: “Il prossimo treno parte dal binario due.” Der nächste Zug fährt von Gleis zwei. Wir sind viele und unsere Möglichkeiten sind unendlich. Die wahren Abenteuer sind im Kopf weil die wahren Veränderungen zuerst in uns selbst stattfinden. Also dann

 

Gute Reise!

 

Komponisten 100

In Tuning Up werden diesmal Komponisten vorgestellt, die alle im ersten Halbjahr 2026 ihren 100. Geburtstag feiern (würden).

Zuhören gibt es also Neue Musik von David Tudor, Hans Werner Henze, Friedrich Cerha, Franco Evangelisti, Morton Feldman und György Kurtag.

Nachzuhören unter: https://cba.media/762581

Querschläger Gegenwind 35 / 900

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. März – Nunmehr, was wäre Werbung in einem nichtkommerziellen Medium? Und wenn ja, wie könnte das ausschauen oder besser noch, sich anhören? Schließlich sind wir ja im Radio und “Das Beste gibt es nicht zu kaufen.” Bewirkt solch Vorhaben nicht gehörigen Gegenwind? Mitnichten. Denn “auf etwas aufmerksam machen” und “anderen davon erzählen“ – ja, auch “das, womit man gute Erfahrungen gemacht hat, anderen nahebringen wollen” und “es daher weiter empfehlen” – all das bedeutet in seinem ursprünglichen Sinn “für etwas die Trommel rühren”, also ganz allgemein “dafür zu werben”. Und so wollen wir heute für eine weit jenseits des Durchschnittsblues und der verflachten Texte agierende Musikkapelle werben, die uns schon seit einiger Zeit begleitet.

Querschläger - Gegenwind 35_900Die Rede ist von der Lungauer Band Querschläger und weder sie noch ein Vertrieb, eine Agentur oder ein Veranstalter haben uns für dieses Unterfangen auf irgendeine Weise bezahlt, begütert oder begünstigt. Darauf käme es nämlich an bei der “kommerziellen Werbung”, der wir uns aus guten Gründen enthalten – auf die jeweilige “Gegenleistung”. Und da finden wir uns auf einer Linie mit den sympathischen Nichtangepassten wieder, die ihr feines Jubiläumskonzert aus dem Salzburger Landestheater (vom 10. Oktober 2025) nicht nur in beachtlicher Tonqualität aufgenommen haben, sondern sämtlichen Verwertungsinteressen zum Trotz als Gratis-Download verfügbar machen. Naturgemäß bewerben sie auf diesem Konzert auch ihr aktuelles Album “Gegenwind”, das tun wir hiermit genauso – völlig gegenleistungslos, versteht sich. Ihr Kommentar zur Geldübermacht, die sich gegen jede Selbstbesinnung/Selbstbestimmung richtet, ist hier nachzulesen und geht so:

 

“glabst den schmårrn und trotzdem kimmst vom regn in de traufn
weil da teife weil da teife scheißt en greaßan haufn”

 

Wie das alles zusammenhängt mit dem uns seit Jahrhunderten gefickt eingeschädelten Schmårrn, der Kirche, den Nazis und den Brüdern Grimm, das wollen wir in unserer nächsten Perlentaucher-Nachtfahrt mit dem Titel “Eigensinnig” noch eingehender untersuchen. Die Querschläger jedenfalls, so viel steht fest, sind im allerbesten Sinn “eigensinnig” – das lässt sich nicht nur in den Texten von Fritz Messner nachlesen, das lässt sich auch in der 35jährigen Bandgeschichte mit über 900 Konzerten und 17 Tonträgern (Bootlegs nicht mitgerechnet) nachvollziehen. Daher also 35 / 900

 

Für die heutige Sendung in der Reihe “Das ganze Album” werden wir einige Stücke aus diesem Programm – sowohl neueste Gegenwind-Lieder als auch alte Hådern – auswählen, so dass ihr Lust aufs gesamte Jubiläumsmenü bekommt … Mahlzeit!

 

Eigensinnig

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. März – Was ist das“eigensinnig sein” … und was kann es für die Entwicklung des Menschenwelpen zum vollausgebildeten Homo sapiens bedeuten? Unlängst tauchte aus den Untiefen der europäischen Kulturgeschichte ein ebenso erschreckendes wie erhellendes Dokument (wieder) auf, nämlich eines der kürzesten Märchen aus der berühmten Sammlung der Gebrüder Grimm mit dem Titel “Das eigensinnige Kind”. Einmal abgesehen davon, dass dies der faktische Beweis dafür ist, dass die Nazis nicht einmal die “schwarze Pädagogik” selbst erfunden haben, offenbart diese bis aufs äußerste verdichtete Geschichte alle Elemente der von Generation zu Generation zur Seelenabtötung und Kindeszerstörung angewandten Unterwerfungsgewalt.

Eigensinnig 1“There must be some kinda way out of here …” Oder etwa nicht? Wollen wir einmal innehalten und uns die verschiedenen Aussagen in dem erwähnten Märchen genauer anschauen. Und ja, wiewohl der Text äußerst knapp ausfällt, enthält er doch in aller Kürze eine Vielzahl von Informationen, die uns exakt erklären, wie und wodurch ein Kind von seiner Mutter in Verbindung mit all den Gegebenheiten, denen sie wiederum unterworfen ist, als mögliche eigenständige Person … umgebracht wird. Der Vater, der in dem Text nicht erwähnt wird, spielt als vermittelnde Schnittstelle zwischen Mutter und Gesellschaft, als Übersetzer zwischen seiner Familie und der Außenwelt meines Erachtens eine ganz fatale Rolle. Im patriarchalen Kontext (Familienoberhaupt etc.) der Märchensammlung (erschienen im Jahr 1840) steht er für die Durchsetzung jener Werte und Normen, die von der Herrschaftsordnung in Kirche und Staat vorgegeben sind – und eingefordert werden. Und zwar mit Gewalt:

Eigensinnig 2“Wenn du nicht so bist, wie wir das haben wollen – und wenn du nicht das tust, was wir von dir haben wollen – dann kommt der liebe Gott und bringt dich um.” So übersetzen wir die Aufforderung zur Selbstvergewaltigung, der man ja vielleicht zu entkommen glaubt, indem man gehorcht und wieder andere vergewaltigt.

Lesen wir dazu jetzt den Text des Märchens im Original und lassen wir ihn auf uns wirken:

“Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.”

Outrage von Kerosin95 und Ozive

Eigensinnig 3Die Begegnung mit diesen beiden im besten Sinn politischen Künnst … schaffenden nach ihrem Konzert in der ARGEkultur war inspirierend für die heutige Auseinandersetzung mit der Frage: “Was ist eigensinnig genug für ein eigenes Leben?” oder auch “Was macht so eine möglichst eigenständige Person eigentlich aus?” Und genau da, wo Phantasie und Realität ineinander übergehen, wo die vermeintliche Verbotsgrenze zu einer tatsächliche Erlaubniszone wird, genau da wollen wir noch ein paar Betrachtungen zum “eigenen Sinn”zu den “eigenen Sinnen” anstellen. Beginnen wir mit “bei Sinnen sein” ebenso wie “seine Sinne beisammen haben”, was ja nichts anderes als das Ergebnis eines “zu sich kommens” veranschaulicht. Laut den Forschungsergebnissen von Joachim Bauer über Spiegelneuronen und Resonanzphänomene ist Eigensinn nicht nur sinnvoll, sondern grundlegend für unsere Entwicklung”. In diesem Sinn möchten wir dann auch “eigensinnlich” sein …

 

Wir alle sind die Radiofabrik

 

Kein Zurück – Fürs Klima ins Gefängnis

< Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. März – Vor einiger Zeit sind wir gefragt worden, ob wir nicht anlässlich des Internationalen Frauentags wieder einmal ein besonderes, also ein themenspezifisches, auf die Inhalte dieses (bei uns auch als Feministischer Kampftag bekannten) Tages bezogenes Programm gestalten wollen. Koinzidenterweise sind wir gerade unlängst einem sehr besonderen Radiobeitrag begegnet, den wir sowieso gern mit euch teilen und so weiter verbreiten möchten, nämlich dem Feature von Radio Radieschen mit dem Titel “Kein Zurück: Fürs Klima ins Gefängnis”, das mit dem 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung, und zwar in der Kategorie “Nachhaltigkeit und Zukunftskompetenzen”, ausgezeichnet wurde. Das Feature-Format “Hörfeld” empfielt sich – und wir empfehlen es heute weiter:

Radio Radieschen - Kein Zurück: Fürs Klima ins GefängnisDas Portrait einer jungen Frau, die für ihre Überzeugungen einsteht und gegen alle Widerstände ankämpft. Sie soll davon abgebracht werden, die von ihr erkannte Wahrheit über die Gefährdung unseres Lebens mit den ihr zur Verfügung stehenden Ausdrucksmitteln aufzuzeigen und die sie umgebende Gesellschaft aufzurütteln, endlich etwas gegen die fatalen Konsequenzen einer Politik zu unternehmen, deren Grundhaltung sie als zutiefst menschen-, lebens- und somit naturverachtend begriffen hat. Als “Verfügbarmachung allen Lebens zur verwert- und handelbaren Sache”, woraus ja folgt, dass alles Leben (Mensch und Natur) hinfort als jemandes Eigentum gilt, mit dem eben alles gemacht werden kann, was immer der Absicht und dem Willen der Eigentümer entspricht. Das bedeutet auch, dass durch diese Sichtweise (die längst eine Verfahrensweise ist) Natur verdinglicht wird, man kann mit ihr machen, was man willLeben verdinglicht wird, man kann mit ihm machen, was man willund Menschen verdinglicht werden, man kann mit ihnen machen, was man will

Die Verdinglichung von Menschen, sie zu einer Sache zu machen, über die man nach Belieben verfügen kann, das beschreibt der Philosoph Vilém Flusser in dem Vortrag “Der Boden unter den Füßen” als Kennzeichen jener Entmenschlichung”, die wir in den Verbrechen der Nationalsozialisten erkennen können, als besonders dramatisches Beispiel im Holocaust und da im mittlerweile zur Chiffre gewordenenen Symbol Auschwitz. Da er diese drastische Gestaltwerdung des Destruktiven als unserem zivilisatorischen Denken immanent begreift, ist dies auch kein Vergleich.

Der Versuch, “die jüdische Rasse in Europa zu vernichten” (Adolf Hitler), und die Bedrohung des Lebens der Menschen (psychisch noch halbwegs gesund sowie in unzerstörter Natur) durch den Klimawandel, diese beiden Ereignisse sind nicht vergleichbar. Umstände und Bedingungen zu ergründen, welche zu derartigen Auswüchsen führenund darin womöglich Parallelen zu finden, das sollte allein schon deshalb getan werden, weil es uns ermöglichen kann, wieder mit uns selbst, mit einander und mit dem gesamten Leben (was immer das ist) in Dialog zu treten.

 

Es gibt keinen Dialog ohne gedeihliches Gesprächsklima.

 

Respekt und Vertrauen.

 

Und Resonanz.

 

Das Herz ist ein Muskel

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 22. Februar“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust” vom Hamburger Musikkollektiv Früchte des Zorns ist eines jener Lieder, auf das wir uns mit unserer langjährigen Radiokollegin Rosi Krenn jederzeit hätten einigen können. Die unermüdliche Beschützerin und Ermutigerin jeglicher Art von normabweichenden, unangepassten, speziellen, diversen und auch sonst “in keins von den üblichen Schachterln passenden” Lebensentwürfen ist vor kurzem und also leider viel zu früh von uns gegangen. Wenn man sie – ob ihres vielfältigen Engagements für so viele – als jemand beschreiben möchte, die (in den Worten von Roxy Music) “Both Ends Burning” war, dann darf man auch sagen, dass es für das Licht der Welt besser gewesen wäre, wenn sie noch etwas länger geleuchtet hätte …

Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust

Freiheit statt Schubhaft – Foto: Rosi Krenn

Kennen gelernt haben wir uns im sogenannten “Streiklager” der Aktion Freiheit statt Schubhaft. Während der Jugoslawienkriege flüchteten Kriegsdienstverweigerer (natürlich illegal, wie auch sonst?) zu uns nach Österreich. Sie sollten nach damals “Restjugoslawien” zurück abgeschoben werden, wo ihnen als Deserteure, also wegen “Fahnenflucht”, oftmals sogar die Todesstrafe drohte. Ein Umstand, der die Rosi bis ins Herz verletzte, was sie auf dieser mehrmonatigen Dauerkundgebung nach außen hin immer wieder in aller Drastik und Deutlichkeit zum Ausdruck brachte. Nach innen jedoch verströmte sie eine inspirierende Atmosphäre von Wohlwollen und Gastfreundschaft, die ich rückblickend als angenehm bestätigend und zugleich als in sehr einladender Weise herausfordernd empfand. Langsam wird mir klar, was für einen wesentlichen Beitrag sie dadurch auch zu meinem ersten Radioauftritt im Ö1-Feature “Im Schatten der Mozartkugel” geleistet hat, welches dort in ihrer Gegenwart aufgenommen wurde.

Und sie lebt sogar im Untertitel dieser Sendereihe weiter: Die Idee dafür, was ein Kunst- beziehungsweise Kunnst-Biotop eigentlich ist und wie sich sein Sinngehalt, seine Bedeutung beschreiben ließe, entstand damals auch unter ihrer Mitwirkung:

“Und das, was wir unter Kultur verstehen, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar ist mit einem Biotop. Das vergleichbar ist mit einem kleinen Tümpel, mit einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das. Und denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen – und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Nur folgerichtig wurde ihre Sendung “Radio Stachelschwein” dann fast genau 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung im Rahmen der Feier “15 Jahre Radiofabrik” 2013 mit einem Radioschorsch für “Soziale Visionen und deren Verwirklichung” ausgezeichnet. Und – hier schließt sich dieser Kreis – ich durfte diesen Preis damals überreichen und auch die entsprechende Laudatio halten. Wenn ich mir überlege, was ichvor allem zu Rosis Wesensart und Gestimmtheitnoch sagen könnte, dann möchte ich diesen Ball jetzt an euch weiterspieleneine kleine Aufgabe: 

Lasst uns einen Moment lang gemeinsam innehaltenund den ganz am Anfang dieses Artikels zitierten Songtitel (der ihre Wesensart, wie ich meine, recht gut auf den Punkt bringt) wie einen einfachen Satz auf uns wirkenWas spüren wir da? Was hören wir in uns? Was erzählt erüber das Leben?

 

“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust.”

 

PS. “Nichts ist vergeblich.”

 

Arik Brauer

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Februar – Damals, Anfang der 70er Jahre, waren die Bedingungen halt günstig, das Zeitfenster stand gerade weit offen für die radikal kritischen und selbstkritischen Lieder von Arik Brauer, dessen erstes Album in Gestalt eines phantastisch realistischen Triptychons 1971 zur Welt kam. Heute, mehr als 50 Jahre danach, sind die Verhältnisse aber doch ganz andere, oder etwa nicht? Halt, Moment! Wenn wir uns anhören, wovon der Maler, Sänger und geniale Geschichtenerzähler berichtet … was er ansprichtworauf er sich einlässt … dann wird schnell klar, dass es hier um Themen geht, die nach wie vor brandaktuell sind. Damals war es gewiss revolutionär, sie in noch nie zuvor gekannter Form so darzustellen. Und heute öffnen wir ein neues Zeitfenster: Auf Wiederhören

Arik Brauer - Das legendäre LP-Cover Triptychon von 1971Arik Brauer, der 1929 geborene “Judenbua aus Ottakring”, überlebte die Zeit des Nationalsozialismus mit einer Riesenportion “Masel”, zuletzt versteckt in einem der zahlreichen Wiener Schrebergärten. 1971 tritt er in seinen Texten als Vorreiter der Versöhnung mit dem Opfer- sowie mit dem Tätersein auf, indem er diese beiden Seiten in ein und demselben Leben, auch in seiner eigenen Person, vorhanden sein lässtund dies schonungslos aufzeigt: In dem Lied “Surmi Sui” erzählt er vom eigenen Gequält- und Erniedrigtwerden durch einen sadistischen Nazilehrer, in “Rostiger, die Feuerwehr kommt” von seiner eigenen unrühmlichen Rolle beim Quälen und Erniedrigen eines rothaarigen, kurzsichtigen Klassenaußenseiters. 2018 verdichtet er seine Lebenserfahrungen noch einmal – in einer Festrede zum 80jährigen Gedenken an den “Anschluss Österreichs”. Unbedingt lesenswert!

Als Kind aus einer Nazifamilie, dem weite Teile der eigenen Herkunftsgeschichte durch Verschweigen, Verheimlichen und Uminterpretieren vorenthalten wurden, weiß ich, wie schmerzvoll notwendig dieses Ringen mit den inneren Engeln und Dämonen sein kann. Und was für erschaffende wie auch zerstörende Kräfte in der eigenen Phantasie beheimatet sind, auch wie unser jeweiliger Umgang mit ihnen die uns umgebende Realität beeinflusst, verändert, umgestaltet. Und so kann ich glaubhaft und nachvollziehbar bezeugen, welch welteröffnende Auswirkungen die Gefühle und Gedanken in den “ersten” Liedern von Arik Brauer gehabt haben und nach wie vor haben. Als ich gerade einmal 11 Jahre alt war, das war 1972, wurden mir diese Lieder, allen voran “Sein Köpferl im Sand”, von älteren Jugendlichen, die ich bewunderte, zum lauthalsen Mitsingen beigebracht. Endlich etwas echtes

 

Zur Abrundung des “echte Menschen live Erlebens” möchten wir euch noch ganz herzlich zur Premiere unseres Films IN BETWEEN (mit anschließendem Gespräch) am Montag, 16. 2. um 19 Uhr im Das Kino einladen. Hier schon mal der Trailer

 

Helene Maimann über ihren Film mit Arik Brauer

 

Obsessed with Home

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. Februar – Wir wollten schon lange einmal eine Sendung mit dem Wort “obsessed” machen – und hier ist sie. Denn – warum auch immer – das englische “obsessed” bringt eine Fülle von nicht ganz bis ins Detail fassbaren Zwischentönen und Schattierungen hervor, ganz anders als der deutsche Bedeutungsreigen rund um besessen, heimgesucht, vereinnahmt und so fort. Recht ähnlich verhält es sich mit dem englischen “home”, das unserem Gefühl nach in seiner Bedeutungsvielfalt weit über seine deutschsprachigen Entsprechungen wie zum Beispiel Daheim, Zuhause, Lebensmensch, Geborgensein, Zugehörigkeit oder Selbstübereinstimmung (“I feel at home with myself”) hinaus geht. Diese beiden Bedeutungslandschaften wollen wir am Lebensort unserer Sprachwelt verschmelzen.

Obsessed with HomeSind wir denn wirklich daheim dort, wo wir aufgewachsen wurden – und wie würde sich das anfühlen? Gibt es einen Ort in der Welt (ein Biotop, einen Lebensort), an dem wir unser Daheimsein festmachen oder neu begründen können? Oder ist dieses “You’re at home, baby” gar nicht so leicht an einem geographischen Ort (in der Welt dort draußen) zu finden? Und überhauptHeimat. Was soll das bedeuten, wenn ein Kind von Heimatvertriebenen sich – zwar ahnend, aber noch nicht verstehend – in einem Pflichtschulfach namens “Heimatkunde” wiederfindet? Sind die konzentrischen Kreise des Entdeckens der “Heimatstadt” ein von einem inneren Bedürfnis heraus geschehendes Bejahen dessen, was der höchst fragwürdige Heimatbegriff uns allen auferlegt – oder wohnen dem gesamten Vorgang die unausgesprochenen Wünsche der verhaltensverordnenden Vertreter*innen der Herrschaftsgesellschaft nach reibungsfreier Eingliederung in das zutiefst hierarchisch verfasste System inne?

Obsessed with HomeWie hätte so etwas jemals gelingen können?

“Bitte, bitte, halt mich fest!” oder “Hilfe! Ich will aussteigen!” Und sogleich kommen wir zu weiteren Antworten vieler Menschen auf die Frage, was für sie Heimat (im weitesten Sinn) oder eben “wo daheim sein” ausmacht. Dabei geht es in sämtlichen Variationen immer ums “Halt finden, Halt bekommen, von jemandem gehalten werden”. Sinngemäß heißt es da oft: “Heimat ist für mich dort, wo man mich, so wie ich bin, aufnimmt.” Also: “Wo man mich, so wie ich bin, annimmt.” Interessanterweise entspricht das genau der Definition von einem zwischenmenschlichen Vertrauensverhältnis, wie es etwa zwischen Therapeuten und Klienten notwendigerweise entstehen muss, damit in der sich anvertrauenden Person eine emotionale Selbstregulation stattfinden kann und davon ausgehend die brachliegenden Ressourcen zur Problembehandlung (wieder) genutzt werden können. Wenn also das Problem Heimatlosigkeit ist (und im englischen Wort “homeless” ist auch Wohnungs/Obdachlosigkeit enthalten), dann beginnt der Lösungsweg, liebe Mangelverwalter, nicht in der “Zurnummermachung” des Menschen als Problemfall – sondern in seiner bedingungslosen “Umarmung”.

Obsessed with HomeHier und jetzt, wo uns unterwegs so viele begegnen, deren Bedürfnis nach Berührung, nach wertfreiem, absichtslosem und unmittelbarem Kontakt, nach einem echten Dialog auf Augenhöhe, nach Vertrauen und Respekt hinter einer Schutzschicht aus Unberührbarkeit verborgen ist, wollen wir schon einmal feststellen, dass man tatsächlich in sich selbst spürbar mehr beheimatet ist, wenn man dieses Maskenspiel des “Geht mich alles nichts an” eben nicht mitspielt, sondern geradezu gegen den Strom der scheinbaren, der vermeintlichen, der sich aufdrängenden Vereinzelung aller seine eigenen lebendigen Gefühle und Bedürfnisse nach Berührung und Resonanz unter die Leute bringt, etwa in Gestalt eines Lächelns, eines Grußes, eines wohlwollenden Blicks. Die Antwort wird nicht ausbleiben – auch wenn sie nicht immer sofort erfolgt. Und sie wird, in welcher Form auch immer, sagen: “Wie schön, dass wir miteinander verbunden sind.” In diesem IN BETWEEN zuhause sein … jetzt auch im Das Kino.

 

Obsessed with “Home is where the heart is …”