Das Herz ist ein Muskel

Artarium am Sonntag, 22. Februar um 17:00 Uhr“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust” vom Hamburger Musikkollektiv Früchte des Zorns ist eines jener Lieder, auf das wir uns mit unserer langjährigen Radiokollegin Rosi Krenn jederzeit hätten einigen können. Die unermüdliche Beschützerin und Ermutigerin jeglicher Art von normabweichenden, unangepassten, speziellen, diversen und auch sonst “in keins von den üblichen Schachterln passenden” Lebensentwürfen ist vor kurzem und also leider viel zu früh von uns gegangen. Wenn man sie – ob ihres vielfältigen Engagements für so viele – als jemand beschreiben möchte, die (in den Worten von Roxy Music) “Both Ends Burning” war, dann darf man auch sagen, dass es für das Licht der Welt besser gewesen wäre, wenn sie noch etwas länger geleuchtet hätte …

Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust

Freiheit statt Schubhaft – Foto: Rosi Krenn

Kennen gelernt haben wir uns im sogenannten “Streiklager” der Aktion Freiheit statt Schubhaft. Während der Jugoslawienkriege flüchteten Kriegsdienstverweigerer (natürlich illegal, wie auch sonst?) zu uns nach Österreich. Sie sollten nach damals “Restjugoslawien” zurück abgeschoben werden, wo ihnen als Deserteure, also wegen “Fahnenflucht”, oftmals sogar die Todesstrafe drohte. Ein Umstand, der die Rosi bis ins Herz verletzte, was sie auf dieser mehrmonatigen Dauerkundgebung nach außen hin immer wieder in aller Drastik und Deutlichkeit zum Ausdruck brachte. Nach innen jedoch verströmte sie eine inspirierende Atmosphäre von Wohlwollen und Gastfreundschaft, die ich rückblickend als angenehm bestätigend und zugleich als in sehr einladender Weise herausfordernd empfand. Langsam wird mir klar, was für einen wesentlichen Beitrag sie dadurch auch zu meinem ersten Radioauftritt im Ö1-Feature “Im Schatten der Mozartkugel” geleistet hat, welches dort in ihrer Gegenwart aufgenommen wurde.

Und sie lebt sogar im Untertitel dieser Sendereihe weiter: Die Idee dafür, was ein Kunst- beziehungsweise Kunnst-Biotop eigentlich ist und wie sich sein Sinngehalt, seine Bedeutung beschreiben ließe, entstand damals auch unter ihrer Mitwirkung:

“Und das, was wir unter Kultur verstehen, ist, dass Menschen etwas machen, das vergleichbar ist mit einem Biotop. Das vergleichbar ist mit einem kleinen Tümpel, mit einem Schlammloch, da stehen drei Bäume, da ist ein hohes Gras – und irgendwann einmal zwischen Nachmittag und Abend kommen dort zwei Verliebte vorbei oder ein Dichterling oder sonst irgendjemand, einfach Menschen. Und die genießen das. Und denen sagt das was. Und das ist in keiner Statistik festzuhalten, das kann man in keinem Subventionsansuchen rechtfertigen – und das kann man in keiner Weise systematisch dingfest machen.”

Nur folgerichtig wurde ihre Sendung “Radio Stachelschwein” dann fast genau 20 Jahre nach unserer ersten Begegnung im Rahmen der Feier “15 Jahre Radiofabrik” 2013 mit einem Radioschorsch für “Soziale Visionen und deren Verwirklichung” ausgezeichnet. Und – hier schließt sich dieser Kreis – ich durfte diesen Preis damals überreichen und auch die entsprechende Laudatio halten. Wenn ich mir überlege, was ichvor allem zu Rosis Wesensart und Gestimmtheitnoch sagen könnte, dann möchte ich diesen Ball jetzt an euch weiterspieleneine kleine Aufgabe: 

Lasst uns einen Moment lang gemeinsam innehaltenund den ganz am Anfang dieses Artikels zitierten Songtitel (der ihre Wesensart, wie ich meine, recht gut auf den Punkt bringt) wie einen einfachen Satz auf uns wirkenWas spüren wir da? Was hören wir in uns? Was erzählt erüber das Leben?

 

“Das Herz ist ein Muskel in der Größe einer Faust.”

 

PS. “Nichts ist vergeblich.”

 

Arik Brauer

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 15. Februar – Damals, Anfang der 70er Jahre, waren die Bedingungen halt günstig, das Zeitfenster stand gerade weit offen für die radikal kritischen und selbstkritischen Lieder von Arik Brauer, dessen erstes Album in Gestalt eines phantastisch realistischen Triptychons 1971 zur Welt kam. Heute, mehr als 50 Jahre danach, sind die Verhältnisse aber doch ganz andere, oder etwa nicht? Halt, Moment! Wenn wir uns anhören, wovon der Maler, Sänger und geniale Geschichtenerzähler berichtet … was er ansprichtworauf er sich einlässt … dann wird schnell klar, dass es hier um Themen geht, die nach wie vor brandaktuell sind. Damals war es gewiss revolutionär, sie in noch nie zuvor gekannter Form so darzustellen. Und heute öffnen wir ein neues Zeitfenster: Auf Wiederhören

Arik Brauer - Das legendäre LP-Cover Triptychon von 1971Arik Brauer, der 1929 geborene “Judenbua aus Ottakring”, überlebte die Zeit des Nationalsozialismus mit einer Riesenportion “Masel”, zuletzt versteckt in einem der zahlreichen Wiener Schrebergärten. 1971 tritt er in seinen Texten als Vorreiter der Versöhnung mit dem Opfer- sowie mit dem Tätersein auf, indem er diese beiden Seiten in ein und demselben Leben, auch in seiner eigenen Person, vorhanden sein lässtund dies schonungslos aufzeigt: In dem Lied “Surmi Sui” erzählt er vom eigenen Gequält- und Erniedrigtwerden durch einen sadistischen Nazilehrer, in “Rostiger, die Feuerwehr kommt” von seiner eigenen unrühmlichen Rolle beim Quälen und Erniedrigen eines rothaarigen, kurzsichtigen Klassenaußenseiters. 2018 verdichtet er seine Lebenserfahrungen noch einmal – in einer Festrede zum 80jährigen Gedenken an den “Anschluss Österreichs”. Unbedingt lesenswert!

Als Kind aus einer Nazifamilie, dem weite Teile der eigenen Herkunftsgeschichte durch Verschweigen, Verheimlichen und Uminterpretieren vorenthalten wurden, weiß ich, wie schmerzvoll notwendig dieses Ringen mit den inneren Engeln und Dämonen sein kann. Und was für erschaffende wie auch zerstörende Kräfte in der eigenen Phantasie beheimatet sind, auch wie unser jeweiliger Umgang mit ihnen die uns umgebende Realität beeinflusst, verändert, umgestaltet. Und so kann ich glaubhaft und nachvollziehbar bezeugen, welch welteröffnende Auswirkungen die Gefühle und Gedanken in den “ersten” Liedern von Arik Brauer gehabt haben und nach wie vor haben. Als ich gerade einmal 11 Jahre alt war, das war 1972, wurden mir diese Lieder, allen voran “Sein Köpferl im Sand”, von älteren Jugendlichen, die ich bewunderte, zum lauthalsen Mitsingen beigebracht. Endlich etwas echtes

 

Zur Abrundung des “echte Menschen live Erlebens” möchten wir euch noch ganz herzlich zur Premiere unseres Films IN BETWEEN (mit anschließendem Gespräch) am Montag, 16. 2. um 19 Uhr im Das Kino einladen. Hier schon mal der Trailer

 

Helene Maimann über ihren Film mit Arik Brauer

 

Obsessed with Home

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 13. Februar – Wir wollten schon lange einmal eine Sendung mit dem Wort “obsessed” machen – und hier ist sie. Denn – warum auch immer – das englische “obsessed” bringt eine Fülle von nicht ganz bis ins Detail fassbaren Zwischentönen und Schattierungen hervor, ganz anders als der deutsche Bedeutungsreigen rund um besessen, heimgesucht, vereinnahmt und so fort. Recht ähnlich verhält es sich mit dem englischen “home”, das unserem Gefühl nach in seiner Bedeutungsvielfalt weit über seine deutschsprachigen Entsprechungen wie zum Beispiel Daheim, Zuhause, Lebensmensch, Geborgensein, Zugehörigkeit oder Selbstübereinstimmung (“I feel at home with myself”) hinaus geht. Diese beiden Bedeutungslandschaften wollen wir am Lebensort unserer Sprachwelt verschmelzen.

Obsessed with HomeSind wir denn wirklich daheim dort, wo wir aufgewachsen wurden – und wie würde sich das anfühlen? Gibt es einen Ort in der Welt (ein Biotop, einen Lebensort), an dem wir unser Daheimsein festmachen oder neu begründen können? Oder ist dieses “You’re at home, baby” gar nicht so leicht an einem geographischen Ort (in der Welt dort draußen) zu finden? Und überhauptHeimat. Was soll das bedeuten, wenn ein Kind von Heimatvertriebenen sich – zwar ahnend, aber noch nicht verstehend – in einem Pflichtschulfach namens “Heimatkunde” wiederfindet? Sind die konzentrischen Kreise des Entdeckens der “Heimatstadt” ein von einem inneren Bedürfnis heraus geschehendes Bejahen dessen, was der höchst fragwürdige Heimatbegriff uns allen auferlegt – oder wohnen dem gesamten Vorgang die unausgesprochenen Wünsche der verhaltensverordnenden Vertreter*innen der Herrschaftsgesellschaft nach reibungsfreier Eingliederung in das zutiefst hierarchisch verfasste System inne?

Obsessed with HomeWie hätte so etwas jemals gelingen können?

“Bitte, bitte, halt mich fest!” oder “Hilfe! Ich will aussteigen!” Und sogleich kommen wir zu weiteren Antworten vieler Menschen auf die Frage, was für sie Heimat (im weitesten Sinn) oder eben “wo daheim sein” ausmacht. Dabei geht es in sämtlichen Variationen immer ums “Halt finden, Halt bekommen, von jemandem gehalten werden”. Sinngemäß heißt es da oft: “Heimat ist für mich dort, wo man mich, so wie ich bin, aufnimmt.” Also: “Wo man mich, so wie ich bin, annimmt.” Interessanterweise entspricht das genau der Definition von einem zwischenmenschlichen Vertrauensverhältnis, wie es etwa zwischen Therapeuten und Klienten notwendigerweise entstehen muss, damit in der sich anvertrauenden Person eine emotionale Selbstregulation stattfinden kann und davon ausgehend die brachliegenden Ressourcen zur Problembehandlung (wieder) genutzt werden können. Wenn also das Problem Heimatlosigkeit ist (und im englischen Wort “homeless” ist auch Wohnungs/Obdachlosigkeit enthalten), dann beginnt der Lösungsweg, liebe Mangelverwalter, nicht in der “Zurnummermachung” des Menschen als Problemfall – sondern in seiner bedingungslosen “Umarmung”.

Obsessed with HomeHier und jetzt, wo uns unterwegs so viele begegnen, deren Bedürfnis nach Berührung, nach wertfreiem, absichtslosem und unmittelbarem Kontakt, nach einem echten Dialog auf Augenhöhe, nach Vertrauen und Respekt hinter einer Schutzschicht aus Unberührbarkeit verborgen ist, wollen wir schon einmal feststellen, dass man tatsächlich in sich selbst spürbar mehr beheimatet ist, wenn man dieses Maskenspiel des “Geht mich alles nichts an” eben nicht mitspielt, sondern geradezu gegen den Strom der scheinbaren, der vermeintlichen, der sich aufdrängenden Vereinzelung aller seine eigenen lebendigen Gefühle und Bedürfnisse nach Berührung und Resonanz unter die Leute bringt, etwa in Gestalt eines Lächelns, eines Grußes, eines wohlwollenden Blicks. Die Antwort wird nicht ausbleiben – auch wenn sie nicht immer sofort erfolgt. Und sie wird, in welcher Form auch immer, sagen: “Wie schön, dass wir miteinander verbunden sind.” In diesem IN BETWEEN zuhause sein … jetzt auch im Das Kino.

 

Obsessed with “Home is where the heart is …”

 

IN BETWEEN

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 8. Februar – Nachdem wir nun (völlig zu Recht) mit der ausgezeichneten Gedenkkultursendung “Unzerstörbar” zum 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert waren, denselben dann aber leider doch nicht gewonnen haben (warum auch immer) und jetzt am Montag, 16. Februar um 19 Uhr die Premiere unseres Dokumentarfilms “IN BETWEEN” im Das Kino stattfinden wird, sind wir auch in dieser Hinsicht (was die öffentliche Wahrnehmung unserer Arbeit anbelangt) im wahrsten Sinn des Wortes “dazwischen” oder eben “im Between”. Da bietet es sich naturgemäß an, wieder einmal so richtig innezuhalten und zu schauen, was dieses “kreative Kraftfeld” zwischen uns beiden eigentlich ausmacht und … was für eine “Zwischenwelt” wir da immer wieder erleben, gestalten und darstellen.

IN BETWEENUm diese Selbstbespiegelung auch für das unsichtbare Publikum auf unterhaltsame Weise stattfinden zu lassen und dem geheimnisvollen “Between” sowohl von innen wie auch von außen näher zu kommen, laden wir Carla Stenitzer zu uns ins Kunnstbiotop ein. Im Gespräch mit ihr werden sich nicht nur die für uns unsichtbaren Aspekte des gemeinsamen Radiomachens erhellen, sondern darüber hinaus auch die gesundheitsfördernden gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Experimente im nichtkommerziellen Umfeld eines wirklich freien Radios. Zitat aus unserem Film: “Freies Radio ist eine Notwendigkeit in diesem ganzen … Gebräu aus politischen Interessen, kommerziellen Interessen und Quotennotwendigkeiten …” Und überhaupt: “Freies Radio ist das, wo der Mensch sein kann, wer er ist … und das machen (kann), was er ist.” Dem wollen wir in dieser Sendung auf den Grund gehen.

Gleichzeitig finden wir uns dabei auch im Bereich des Nichtdefinierbaren wieder. Ein Großmeister der Innenweltbeobachtung, Peter Gabriel, hat dies in der Einführung zu seinem Song “Secret World” bei einem Livekonzert in Tinley Park so ausgedrückt: “Sometimes people collect together. But two people merge together sometimes so close that you can’t see any space in between. And all of a flash … little pockets appear … little cracks … and a little rumble in the distance … this we could describe as the secret world.” Genau um dieses öffentliche Geheimnis geht es auch in unserer Arbeit:

 

A secret world …

 

Bluescafe 7

Auch im Jahr 2026 wird das Bluescafe gepflegt und zum kleinen Schwarzen kommt vielleicht das kleine Goldbraune dazu – Interpretationen offen!

Was die Interpretationen betrifft, so haben sich diese zumindest mal auf die Originale konzentriert, auch wenn manche meinen, das wäre was für Schlafmützen, die sich „in the pines“ aufgehalten haben.

Also für die historisch informierten bzw. sich informieren wollenden hier die Vortragenden:

Bessie Smith, Leadbelly, Blind Lemon Jefferson, Mahalia Jackson, Muddy Waters, Jimmy Reed, Robert Johnson, Mack Rice und J.J. Cale.

Nachzuhören unter: https://cba.media/757116

 

Das Leben geht weiter

Sendung: Artarium vom Sonntag, 25. Januar – Aus gegebenem Anlass wiederholen wir diesmal unsere Sendung vom 27. April 2025 mit dem Titel “Unzerstörbar”. Mit ihr wurden wir vor einiger Zeit für den 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert und die Verleihung desselben findet jetzt am Donnerstag, 22. Januar im ORF-RadioKulturhaus statt. Im DrehPunktKultur erschien unlängst ein Bericht darüber, was uns “hinter den Kulissen” bei der Gestaltung dieser Sendung noch beschäftigte. Denn wiewohl sie sich mit dem Gedenken an die Salzburger Bücherverbrennung von 1938 auseinandersetzt, beleuchtet sie das Leben jener “Nachgeborenen”, die den Nationalsozialismus gerade nicht mehr selbst erlebt haben, jedoch von seinen Folgen betroffen sind.

Das Leben geht weiterWir erinnern uns noch gut an die Begegnung der Generationen, die wir gemeinsam mit Marko Feingold am jüdischen Friedhof und in der Salzburger Synagoge inszeniert und als ein bleibendes Dokument für das Archiv der Freien Radios aufbereitet haben. Jetzt, wo die letzten Überlebenden allmählich aussterben”, ist es an der Zeit, die Aufgabe des Bewahrens und des Erzählens dieser Geschichte(n) an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Denn was die Kinder und die Enkel und bald auch die Ur …und so weiter… enkel in ihrem jeweiligen Leben antreffen, das ist eingefärbt und geprägt von dem, was ihre Vorfahren erzählt, verschwiegen oder umgedeutet haben. Das Ringen ums eigene Überleben inmitten von all den Leerstellen in den Familiengeschichten qualifiziert uns zu “Zeitzeugen der nächsten Generation”. Und damit ist auch die Möglichkeit verbunden, unsere “Leerstellenforschung” als Geschichte(n) weiter zu erzählen.

Ob und wie wir diese Chance für uns nutzen, ob und wie wir unser Leben für die Mitwelt fruchtbar machen, ob und wie wir dabei Schmerz und Lust erleben (und uns erlauben, auch zu zeigen, was wir fühlen), das bleibt der freien Entscheidung jeder und jedes einzelnen überlassen. Und, um der verbreiteten Angst vor Leerstellen, leeren Räumen oder der Leere an sich entgegenzuwirken, die Theaterpädagogin Peetra Jendrzejek prägte den Begriff des “kreativen Vakuums”, der bedeutet, dass jede noch offene Frage eine Sogwirkung zu ihrer eigenen Beantwortung entfaltet.

 

Und wir, die wir leben, sind schöpferische Wesen, die (auch unbewusst) antworten.

 

Wie klingt Afghanistan?

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 18. Januar – Zwei Biertrinker unterhalten sich während einer Veranstaltung namens “Afghanistan-Abend” und geraten dabei rund ums eigentliche Thema in ihre ureigensten Betrachtungsweisen. “Suchanfragen im Internet geben die kollektive Unwissenheit wieder.” Ein Schlüsselsatz aus diesem urkomischen Kopftheater, der uns hilft zu verstehen, auf welch oft verschlungenen Wegen sich Wissen, Halbwissen und Unwissen, vermengt mit Emotionen und stets in Weiterentwicklung begriffener Erinnerung, zur Vorstellung von etwas werden, von dem man dann glaubt, dass es genau so ist, wie man es jetzt gerade gesagt hat. In dem Hörspiel “Wie klingt Afghanistan?” von Thomas Glatz lässt sich eindrucksvoll und unterhaltsam nachvollziehen, wie und woraus “Für wahr gehaltenes” entsteht …

Wie klingt Afghanistan?Das Afghanistan-Thema gerade jetzt aufzugreifen hängt mit dem Umstand zusammen, dass mein Kollege Christopher Schmall und ich selbst für den 28. Radiopreis der Erwachsenenbildung nominiert sind und dass die Rede zum Preis heuer von einer beeindruckenden Frau gehalten wird, und zwar von Manizha Bakhtari, Botschafterin in Österreich und Tochter des großen afghanischen Literaten Wasef Bakhtari. Der exzellente Dokumentarfilm “Die letzte Botschafterin” begleitet die kämpferische Diplomatin, die sich für Frauenrechte und Demokratie in ihrer Heimat einsetzt und die sich nach wie vor standhaft weigert, das Taliban-Regime auch nur im entferntesten als eine “Regierung” anzuerkennen. Auf ein offizielles Entlassungsschreiben des inzwischen von den “Terroristen” (wie sie die Taliban öffentlich nennt) geführten Außenministeriums reagierte sie so: “Tja, mein Herr, ich nehme keine Befehle von ihnen an, auch nicht von ihrem islamischen Emirat.”

Die letzte BotschafterinAls ich diesen Film auf Einladung vom Wolfgang Tonninger in der match.box zum ersten Mal sah, war ich gerade so sehr mit mir als 11-jährigem beschäftigt, der den Tod seines Vaters noch nie wirklich betrauern und verarbeiten hatte können, dass ich ihn regelrecht “links neben mir sitzen” spürte. Und als wir beide diese sehr lebendige Frau dabei beobachteten, wie sie immer weiter kämpfte und nicht aufgab, dabei aber nie ihre “gefährlichen” Gefühle wie Angst, Trauer und Zweifel am Sinn des ganzen unterdrückte und wie sie dann noch beim Begräbnis ihres Vaters öffentlich weinte, während sie ein Gedicht von ihm vorlas, da wurde uns beiden klar, dass wir damals genau so eine Mutter gebraucht hätten, die unserer Wut, unserer Verzweiflung und unserem Zusammenbruch standhalten würde und die nicht ausweichen, nicht ablenken und nicht mit ungeeigneten Mitteln wie Geld, Geschenken und erregter Betriebsamkeit versuchen würde, drüber hinweg zu trösten. Uns stiegen Tränen in die Augen. Tränen des Bedauerns, dass wir das damals nicht erlebt hatten. Und Tränen der Freude, dass auf ein Mal ein so deutliches Gegenbild zu einer im wahrsten Sinn verrückten (von uns und unserer Welt und vom Leben massiv ver-rückten) Person, die wir als Mutter gehabt hatten, vor uns erschien.

 

Ein kleiner Vogel flog, als der Wald brannte, mit einem Schnabel voll Wasser immer wieder vom Fluss zum Feuer und wieder zurück. Damit könne er doch den Waldbrand nicht löschen, sagten die anderen Tiere zu ihm. „Es ist das, was ich tun kann. Das gibt mir das Gefühl, etwas bewirken zu können – und nicht nur ohnmächtig zuzuschauen.“ Ob der Waldbrand auf diese Weise erfolgreich bekämpft werden kann, das ist eine andere Frage, ergänzt Manizha Bakhtari diese Geschichte (die sie von ihrem Vater erzählt bekam). Und für mich ist die Rede, die sie halten wird, schon der Preis

 

Hören sie genau hin

 

Ein halbes Doppelalbum

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 11. Januar – Und wieder einmal öffnen wir eine Zeitkapsel, diesmal in Gestalt einer Langspielplatte (so hießen Musikalben damals im vordigitalen Zeitalter). Wir präsentieren euch “Ein halbes Doppelalbum” von Werner Pirchner, ein im allerbesten Sinn bewusstseinserweiterndes und weit über zahllose Genres hinausreichendes Meisterwerk, das völlig zu Recht seit seinem Erscheinen im Jahr 1973 unter Kennern Kultstatus hat. Das löbliche Wiener Label monkey.music hat 2015 eine auf 750 Stück limitierte Vinyl-Neuauflage herausgebracht, von der, wie man hört, aktuell noch ein paar Dutzend erhältlich sind. Für unsere heutige Sendung vorgeschlagen hat das akustische Ausnahmeerlebnis Kollege Rupert Madreiter, den ein wohl “etwas anderer” Deutschlehrer einst in Pirchners geniale Anderswelt einlud.

 

Werner Pirchner - Ein halbes Doppelalbum“Pirchners vielschichtige Musik verbindet auf ungewohnte Weise Elemente aus Jazz, Unterhaltungs- und sogenannter Ernster Musik. Vom elektronisch verarbeiteten Jodler zum schräg harmonisierten Schubert, von einer Hommage für John Cage zur Persiflage der jugendlichen Indienwallfahrer und Drogenkonsumenten, von der parodierten Werbesprache zu noch heute gültigen sozialkritischen Texten spannt sich ein weiter Bogen. Oft wechseln seine Arbeiten zwischen unmittelbarer Vitalität und einer Art Metamusik, die sich analytisch mit vielbenutzten Musikmodellen auseinandersetzt. Als Autodidakt hatte Pirchner angefangen; eigenwillig und in kein Stilklischee einzuordnen blieb er bis zu seinem Tod.”  Wikipedia

 

“Aufgenommen zwischen 1966 & 1972 im Stadtsaal Ibk, mit zwei Revox Tonband-Maschinen. Zur gleichen Zeit startet die Karriere von Frank Zappa in Amerika. Werner Pirchner hat hier in unserem Land ähnlich kongeniales geschaffen. Wir hören hier “Pirchnereske Musik”. Werner Pirchner und sein Ensemble bewegen sich zwischen Avant-Garde und Comedy. Ein unglaublich kreatives Werk, das zu seiner Zeit seines Gleichen suchte. Die Zeit war einfach noch nicht reif für Werner Pirchner. Das gab uns den Anlass “Ein halbes Doppelalbum” im Original Cover und remastered wieder zu veröffentlichen. 1973 brachte Werner Pirchner das Album erstmals als LP heraus. In Plattensammlerkreisen hat dieses, schon damals limitierte Werk, Kultstatus und ist längst vergriffen. Limited Edition: 750 Stück, nummeriert, im Original Faltcover. Mit Sicherheit ein Reissue-Sammlerstück! Und als Download überhaupt erstmals verfügbar.”  monkey

 

“Den ersten Text habe ich geschrieben, da habe ich einmal Grippe gehabt, oder was, da bin ich im Bett gelegen und habe einen Film gesehn mit dem O.W. Fischer »Erzherzog Johanns letzte Liebe« oder so. Da haben sie das Lied gesungen »Wo das Büchserl knallt«, und bei mir is es gleich weitergegangen »Wo das Bomberl fallt«. Dann habe ich den Text fertig geschrieben und wollte, dass das jemand singt, jemand vom Rundfunk. Und der hat sich dann nicht getraut und hat gesagt, ich solls selber singen und dann hab ichs selber gesungen.” Werner Pirchner zu “Ein halbes Doppelalbum”

 

All dem ist nun wirklich nichts mehr hinzuzufügen – außer der herzlichen Einladung, sich dieses außergewöhlich inspirierende Kopftheater aufmerksam anzuhören und dadurch Werner Pirchners sehr wesentliches Vermächtnis mit uns zusammen ins Hier und Jetzt zu befördern. Denn seine Statements sind von zeitloser Gültigkeit. Die Möglichkeit dazu besteht sowohl am 11. 1. um 17 Uhr auf allen Frequenzen der Radiofabrik und im Livestream, als auch danach noch auf unserem Kanal in der Mediathek der Freien Radios (und zwar ohne Ablaufdatum). Sehr zum Wohl 

 

Wir sind ein geiles Institut