Was urlauben sie sich?

Perlentaucher Nachtfahrt am Freitag, 10. Juli um 22:06 UhrDer Begriff, der dem heutigen Wortspiel zugrunde liegt, geht zunächst von der Bedeutung “gern haben” und “gut heißen” aus und ist mit Worten wie “lieb”, “loben” und “glauben” verwandt. Doch schon im Hochmittelalter (so zwischen 1050 und 1350) findet eine Verengung der Begriffe statt, die unter “Urlaub” eine “Erlaubnis, sich zu entfernen” versteht, welche “von einem Höherstehenden gewährt” wird. Und “in neuerer Zeit” sogar eine “zeitweilige Freistellung vom Dienst”“He’s crazy!” Aber nicht doch, eher ein normaler Mensch im Maschinenraum. Liebe Mitgeschwister der zunehmenden Geschwindligkeit in Zeiten des Burnout, erlauben wir uns doch, im ursprünglichen tiefergehenden Sinn des Wortes von jeglichem Sachzwangwahn zu urlauben

Was urlauben sie sich?Es gibt ja nicht nur äußere, sondern auch innere Zwänge. “Nein! Doch! Oooh!” Und dabei ist es in jedem Fall hilfreich, “sich die Erlaubnis zu erteilen, sich zu entfernen”. Also “Abschied zu nehmen” und sowohl äußerlich als auch innerlich “fortzugehen” von all dem, was eine(n) daran hindert, “sich selbst zu sein”. Eine gewisse Distanz zu sich selbst einzunehmen, aus der heraus es dann möglich wird, “sich selbst teilnehmend zu beobachten”. Oder wie Viktor Frankl sich ausdrückte: “Den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu betreten, wodurch die (eigene) Freiheit erst ausgeübt werden kann.” Denn, liebe Mitkinder des Wirtschaftswunderlands und seiner Kolonien, “Freiheit ist ein Geschenk, dass sich nicht jeder gern machen lässt”. Und Freiheit fängt immer mit dem ersten Schritt an, den jede(r) im eigenen Leben selbst gehen muss. Den ersten (und auch den letzten) Schritt geht nämlich keine(r) für dich. Was erst einmal erschreckt, aber im Endeffekt wunderschön ist.

Was urlauben sie sichKommen wir nun zu einem weiteren Aspekt von “Urlauben”. Wie in der letzten Ausgabe des Artarium erwähnt, inspiriert die Sendereihe “Neuentdeckung Afrikas” von Guy Mavar zu allerlei eigenen Weiterforschungen und damit einhergehend Informationsnverknüpfungen, etwa zu wechselseitigen Einflüssen zwischen Afrika und Europa in Kunst und Kultur. Das soll auch in der nächsten Albumpräsentation im Artarium eine Rolle spielen. Heute regt es uns zu einer diesbezüglichen Reise rund ums Mittelmeer an, das ja einerseits Sehnsuchtsort von Urlauben aller Art (im letztgenannten Sinn der Dienstfreistellung in hochindustrialisierten Gesellschaften) ist, andererseits schon immer auch “Begegnungszone” zwischen den angrenzenden Kulturräumen war. Und da interessieren uns als Bildungsreisende und Individualtouristen natürlich all jene Spuren, auf denen sich die menschlichen Gemeinsamkeiten wiederfinden lassen, die den unterschiedlichen Ausprägungen sowohl in der Vermischung miteinander als auch in der Auseinandersetzung untereinander zugrunde liegen. Nord und Süd, Tradition und Moderne, Christentum und Islam, Orient und Okzident, Asterix und Obelixhier treffen sie alle aufeinender. Und wir urlauben uns, sie zu erleben

Was urlauben sie sichDabei kommt es immer darauf an, was uns anspricht oder was uns interessiert, worauf wir neugierig sind oder was uns einfach gefällt. Und was sich dann daraus ergibt. So ist es kaum nachvollziehbar, auf welch verschlungenen Wegen (oder waren es verträumte?) das Video “L’heure des poètes” von Grand Corps Malade hierher gelangt ist. Ganz abgesehen davon ist es vor allem auch wegen der zahlreichen darin dargestellten Künstler*innen und ihrer Bilder, die allesamt wiederum auf die Poesie des französischen Chansons verweisen, ebenso hörens- wie sehenswert. Begonnen hat das alles vor ungefähr 2 Jahren durch die Entdeckung der Musik von Gaël Faye, hat sich dann über sein Album Éphémère zusammen mit Ben Mazué und Grand Corps Malade ins Sprachliche weiter verzweigt und ist schließlich bei Omar Khir Alanam und Wolfgang Tonningers Film “Jedermann auf Reisen” gelandet – von wo aus wir in “IN BETWEEN” wieder abheben. Eine Reise ist eine Reise ist

 

eine Reise.

 

Rund um den Radioschorsch

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 28. Juni – Die Mitgliederversammlung, das Radiofabrik-Sommerfest und die seit 2008 damit einhergehende Verleihung des “Radioschorsch” sind wieder einmal erfolgreich über die Bühne gegangen. Der Radioschorsch ist unsere jährliche Auszeichnung für die besten Produktionen und beeindruckendsten Sendereihen sowie jene Lebensleistungen, die das Anliegen eines Freien Radios für Salzburg in besonderem Maß befördern und voranbringen. Sein Name bezieht sich auf das Codewort “Schorsch”, welches die Pirat*innen des damals noch illegalen Radioprojekts Bongo 500 für ihren selbstgebauten tragbaren Sender benutzten, um sich so insgeheim zum Selbstsenden zu verabreden. Rund um diesen Gründungsmythos ranken sich aber auch allerlei seltsame Legenden

Rund um den RadioschorschHeuer wurden zwei Sendereihen ausgezeichnet, nämlich weil es den drei prämierten Kolleg*innen schon vor der Auszeichnung gelungen ist, ganz ausgezeichnete Sendungen herzustellen, und das zudem über viele Jahre hinweg. *Kunnstpause zwecks dramaturgischer Steigerung der Spannung* Der Radioschorsch 2026 geht an Susanne Höll und Su Imhof für die Sendereihe “FVONK dich FREI! – Der Radiotalk mit Alltagsheld*innen” und ebenso an Guy Mavar für die Sendereihe “Neuentdeckung Afrikas”. Die Programmkommission, die auch als Vergabejury fungiert, hat sich zu den auszuzeichnenden Sendereihen wieder einiges überlegt und sich letztendlich auf eine gemeinsame Überkategorie, nämlich “Unerzähltes” verständigt. Geschichten, die so sonst nirgendwo erzählt werden, aber auch Geschichte, die andernorts so nicht (auf jeden Fall nicht so leicht) zu erfahren ist, das verbindet die beiden Projekte. Doch gibt es da entgegengesetzte Herangehensweisen, wie schon der Brainstorm zeigt:

Auf dem Weg zur Entscheidungsfindung entsponnen sich etwa Formulierungen wie “Die etwas andere SichtweiseNahsicht/Fernsicht”, “Mikro/Makro-Schorsch”, “Außen/Innen-Schorsch” und “Global/Local-Schorsch”. Weil die Neuentdeckung Afrikas vom Großen (einem ganzen Kontinent) ins Kleine (kullturelle Feinheiten und individuelle Geschichten) schwenkt, während FVONK dich FREI! vom Kleinen (den persönlichen Erlebnissen der Alltagsheld*innen) ins Große (ihren Leidenschaften und Visionen und was wir mit ihnen gemeinsam haben) übergeht. Zoom InZoom Out.

Wir haben für jede Sendereihe eine eigene Laudatio/Preisrede ausgearbeitet und hier zum Nachlesen bereitgestellt: Für Neuentdeckung Afrikas von Eva Kubin sowie für FVONK dich FREI! von Norbert K.Hund. Sehr zum Wohl allerseits. Und Fotos von den Veranstaltungen und den Schorschen demnächst hier im Stream

 

“Wer zuhören kann, ist im Vorteil.” (Wolfgang Zechner)

 

Battle&Hum#161

Samstag 20.06.2026 (Stairway zum Nachhören)

Hier wird euch geholfen, die Antidiskriminierungsagenten von B&H träufeln euch Medizin ins Ohr!

 

DJ Ridi Mama’s Queer Queens & Kings:

  1. Schwester Ebra (single) – deine dickpics
  2. Antony and the Johnsons (single) – knockin‘ on heaven’s door
  3. Madonna (I’m breathless) – vogue
  4. The Oozes (single) – bitchboy

 

MC Randy Andy’s Non-Binäre:

  1. Endless Wellness (was für ein glück) – hand im gesicht
  2. Kerosin95 (coming out) – 7 kilo testo
  3. Salò (rabatt) – glock 17
  4. DONNA SAVAGE & Skofi (single) – kim possible

 

„What are you? To define is to limit“ (Oscar Wilde)

 

 

Zur Abstimmung folget dem LINK!

 

 

Status Queer

Battle&Hum #161 am Samstag, 20.06.2026, 22:00 Uhr, diesmal mit Stolz!

Ja, ja, es gibt nur zwei Geschlechter sagt die Biologie bzw. ein abweichendes Chromosom. Das Y bestimmt, wann ein Mann ein Mann ist. Wir haben die Antwort, also kein Airplay mehr für „Männer“! Wenn es doch so simpel wäre, nur Adam und Eva und vielleicht noch‘n Appl und’n Ei. Das einfache Dualitätsprinzip funktioniert sehr gut in der Elektrotechnik, da werden Stecker (male) und Buchsen (female) ja gerne so bezeichnet und keiner steckt was falsch zusammen. Die Witzbolde von ABB/Eden benennen ihre Sensoren sogar nach Adam und Eva.

Aber die Natur macht ganz ohne monotheistischer Schöpfergestalt was sie will und das ist auch gut so. Den alten Zausel (Gott, nicht Wowereit) braucht kein Mensch. Manchmal sprudeln die Hormone que(e)r durcheinander oder außen hängt ein Schwellkörper dran, aber innen ist eine Gebärmutter gewachsen oder Eierstöcke. Das Testosteron lässt den Damenbart sprießen und die Muskeln wachsen. Soweit ich weiß, gab es Hermaphroditismus schon immer, beim Menschen zwar selten aber doch. Also, nix gibt’s was es nicht gibt. In Indien sind die sogenannten Hijra’s (Trans- und Intergeschlechtliche Personen) schon seit Jahrhunderten gesellschaftlich toleriert, teilweise auch integriert (segenbringende Gäste bei Hochzeiten etc.), natürlich auch oft in prekären Umständen (Sexarbeit) lebend.

copyright © Oliver Schopf, Der Standard, www.oliverschopf.com

Da dachte ich mir, das kann doch nur gut sein, wenn diese einzementierte Heteronormativität ein bisschen aufgeweicht, der genetische Knoten gelöst und ein drittes Geschlecht eingeführt wird. Doch denkste, die konservativ bedirndelten und kleinkarierten Schnäuzhadern Alpenländler:innen (die geistige Versteinerung geht durchaus um den Erdball, bis zu den Rocky Mountains) wehren sich unerbittlich gegen eine blühende Vielfalt. So als wäre eine Kommode namens Leben ohne Schubladen nicht möglich.

Selbst einstige Kämpfer:innen für die Gleichberechtigung taumeln wie Untote aus Tante Emmas Laden und grenzen Transmenschen ganz vehement im Namen des Feminismus aus. Fantasievollen Menschen wie Schrifsteller:Innen traut man ja eher eine gewisse Weltoffenheit zu, noch dazu wenn ein Hauptprotagonist homosexuell gezeichnet wurde. Nein, auch hier sollen die dicken Mauern Hogwarts alles Abweichlerische draußen halten. Ein paar schwarze Schafe, die einen Geschlechtswechsel ausnutzen werden, wird es zwar immer geben, aber die sollte man eigentlich sofort als Heuchler:in (ich wollte jetzt nicht „Arschloch“ schreiben…) erkennen.

Ein geschlechtsvergessenes Miteinander soll unsere Devise sein, lasst uns doch zwirbeln mit was und wem es uns gefällt und wenn wer ganz unzwirbelhaft asexuell ist, ist es auch wurst! Battle&Hum unterstreicht diese schöne Utopie mit einer wunderbaren Sendung gerade richtig zum Pride Month im Juni, am 20.06.2026 ab 22:00 Uhr! Vielleicht verbrennen sich die rechten Recken und Burgfräuleins beim Sonnwendfeuerhüpfen ja das Spatzi? Gender is between your ears, not your legs! Spin that shit!

Andreas Woldrich

 

(PS: Für alle Interessierten, derzeit läuft eine Ausstellung von Herrn Oliver Schopfs Werken (Einladung) im Karikaturmuseum Krems, geht noch bis 31.01.2027!)

 

 

 

Rund um den Peršmanhof

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 21. JuniVergangene Woche veranstaltete der KZ-Verband/VdA Salzburg im Hörsaal 388 der GesWi-Fakultät (Rudolfskai 42) einen Vortrag der Standard-Journalistin Colette Schmidt über einen skandalösen Polizeieinsatz am Widerstandsgedenkort Peršmanhof der Kärntner Slowenen im Juli 2025, dessen “Aufarbeitung” nach wie vor zu viele Fragen offen lässt. In der Einladung dazu heißt es: “Detailliert schildert sie den Ablauf der Attacke selbst und vor allem die bis heute nicht abgeschlossene Aufarbeitung des Peršmanhof-Skandals.” Wir werden uns diese Veranstaltung anschauen und am kommenden Sonntag davon berichten, speziell im Hinblick darauf, was diese unterdrückerische und feindselige Haltung von staatlichen Stellen in den betroffenen Menschen alles anrichtet …

Rund um den PeršmanhofMaja Haderlap schreibt in ihrem Roman “Engel des Vergessens” über das Fortwirken einer nie so richtig bewältigten Vergangenheit sowie die daraus entstehenden Folgeschäden: “Vaters Hilferufe verwandeln sich,  seit ich studiere,  in gesellschaftliche, ja, auch in politische. Ich beginne in öffentlichen Zusammenhängen zu denken. Bin mir sicher, dass es die Haltung zur Vergangenheit in diesem Land mit sich bringt, dass unsere Familiengeschichten so befremdlich erscheinen und sich in solcher Verlassenheit und Isolation vollziehen. Sie stehen in nahezu keiner Verbindung zur Gegenwart. Zwischen der behaupteten und der tatsächlichen Geschichte Österreichs erstreckt sich ein Niemandsland, in dem man verloren gehen kann. Ich sehe mich zwischen einem dunklen, vergessenen Kellerabteil des Hauses Österreich und seinen hellen, reich ausgestatteten Räumlichkeiten hin- und herpendeln. Niemand in den hellen Räumen scheint zu ahnen oder vermag es sich vorzustellen, dass es in diesem Gebäude Menschen gibt, die von der Politik in den Vergangenheitskeller gesperrt worden sind, wo sie von ihren eigenen Erinnerungen attackiert und vergiftet werden.” (Engel des Vergessens, S. 185/86)

Wie fühlt er sich eigentlich an, der Slowene in mir? Schauen wir einmal, was sich da so alles herausfinden lässt für einen gedeihlicheren Umgang mit uns selbst und mit der Welt … Wenn wir da noch etwas Laibach’sche Ironie drüber streuen, etwas gesellschaftskritische Viecherei darunter mischen und uns ein paar Gedanken über transgenerationale Traumaweitergabe machen … wohin wird uns das führen, wenn wir persönliche und soziale Vergangenheitsbewältigung als etwas begreifen lernen, das auch jenseits von aufgezwungenem Runterschluckenmüssen stattfinden kann?

 

Live And Let Live

 

Genug ist nicht genug

> Sendung: Artarium vom Sonntag, 14. Juni – Vielleicht ist alles auch ganz anders. Bei Konstantin Wecker bin ich jedenfalls schon einmal voreingenommen, ich kenne ihn persönlich und er hat Spuren in meinem Leben hinterlassen. Spuren, die für mich wertvoll waren und mich in meiner Jugend dazu ermutigt haben, mich gegen das zu stellen, was mir als angeblich unveränderbar mitten auf meinen Lebensweg betoniert worden war. Er hat mich vor allem mit seiner Sprache dazu mitgenommen, meinen ganz eigenen Ausdruck zu entwickeln, nicht umsonst habe ich ihn immer wieder als “meinen Sprachlehrer” bezeichnet. Das alles hat mit dem 1977 erschienenen Album “Genug ist nicht genug” angefangen, das damals in Künstlerkreisen buchstäblich rauf und runter gespielt wurde – und das wir hier und heute noch einmal auflegen.

Konstantin Wecker - Genug ist nicht genugDas ist die eine Seite. Doch bliebe dieses Bild unverändert so in meiner Erinnerung bestehen, könnte man es durchaus als eine Idealisierung beschreiben, als etwas einseitiges und unverrückbares, das meiner weiteren Entwicklung mit der Zeit genauso behindernd im Weg stehen würde wie der eingangs erwähnte Vergangenheitsbeton. Denn ein mieser Macho, das konnte er auch sein. Ein Alkoholiker, der oft “eine Spur der Verwüstung durchs Leben anderer Menschen zog”. Und einer von den bösen Jungs, hinter deren rebellischen Posen ich mein Zartes und Verletzliches nur allzu gern versteckte. Seit ich aber sein Buch “Der Liebe zuliebe” gelesen habe, in dem er schonungslos über seine jahrzehntelange Alkoholabhängigkeit, seinen zuletzt erfolgreichen Entzug und seine ihm erst dadurch wieder bewusst werdende Verantwortung für alle Licht- und Schattenseiten seines wilden und zärtlichen, verwegenen und sehnsüchtigen, dramatischen und bedürftigen Lebens berichtet, beginne ich zu begreifen, wie sehr diese verschiedensten Facetten in uns allen ein wechselwirkendes Ganzes sind.

Und es erfüllt mich mit Zuneigung, und es erfüllt mich auch mit Abscheu – doch diese Gefühle, wie schmerzvoll und widersprüchlich ich sie auch erleben mag, sind meine Verantwortung, auch meinem eigenen Leben gegenüber. Sich jetzt abermals hinter einer der vielerorts angebotenen Entlastungsposen zu verstecken, wie etwa der des moralischen Rechthabens, bringt mich auf meinem Weg, meine eigenen Licht- und Schattenseiten in mir zu integrieren, auf gar keinen Fall weiter. Denn um für etwas verantwortlich sein zu können, solltest du es dir schon vertraut gemacht haben.

 

“Bitte … zähme mich!”, sagte der Fuchs.

 

PS. Der inzwischen auch ausgezeichnete Film IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” ist bis Freitag, 20. 6. mehrmals täglich im Wochenprogramm von FS1 zu sehen, immer im Doppelpack mit dem wunderbaren “Schräge Vögel Studiotalk”, moderiert von Djordje Čenić (Studio West).

 

Perlentaucher unterwegs

> Sendung: Perlentaucher Nachtfahrt vom Freitag, 12. Juni – Zugegeben, zu diesem Titel hat mich unter anderem auch eine legendäre Radiosendung des ORF, nämlich “Autofahrer unterwegs” (1957 – 1999) angeregt. Der konnte damals, “als das Kind noch ein Kind war”, wirklich niemand entkommen, sofern ein Radio auch nur in der Nähe war. Also auch nicht dem tagtäglich um Punkt 12 Uhr einsetzenden “Mittagsläuten” einer österreichischen Pfarrkirche, womit (im Subtext fällt die Maske) allein schon in dessen fortlaufender Wiederholung die flächendeckende Katholizität des Landes festgeschrieben wurde. Doch heute, wo das ursprünglich evangelische Kind erwachsen genug ist, um auch diese Abzweigung von “Kirche” hinter sich zu lassen, wird es mit teuflischem Vergnügen mitten in der Nacht die Glocken läuten!

Perlentaucher unterwegsEine weitere Anregung, die sich um einiges nachhaltiger auswirkt, indem sie die gesamte Nachtfahrt-Perlentaucher-Sendereihe schon von der Grundidee des Titels her prägt, danken wir einem Kollegen, der in den Nullerjahren einmal das Konzept des Perlentauchens als eine generelle Lebenshaltung für unseren Umgang mit dieser Welt formuliert hat. Daraus sollte damals ein Dokumentar-, vielleicht sogar ein Spielfilm, auf jeden Fall etwas ziemlich Experimentelles entstehen. Leider hat es dazu nicht gereicht oder “es ging nicht besser”, wie auch immer, halt schon schade. Doch diese Grundidee, so habe ich sie zumindest damals verstanden: “Menschen wie uns, die die Welt so wahrnehmen, dass sie fortwährend eine Art Schatzsuche leben und noch im größten Dreck und unter den widerlichsten Umständen die verborgensten Besonderheiten entdecken, denen selbst die unscheinbarsten Ereignisse kostbar und wesentlich geraten, darin zu begleiten, sie kreativ darzustellen und zu feiern.”

Perlentaucher unterwegsZeit für eine Zwischenbilanz: Christopher Schmall und ich haben seit 2010 gemeinsam als “die Perlentaucher” hierohrs so allerlei entwickelt, gestaltet und zu Gespür gebracht. Von unseren allerersten “Adventsingen” über diverse Auseinandersetzungen mit dem letzten Abendnormahl des Heteronormativen sowie etwas (sehr) andere Betrachtungen zu Zeit und Lebenszeit bis in eine gegenwärtige filmische Umsetzung derartiger Lebens-Kunnst-Werke als Schräge-Vögel-Produktion unter dem Titel IN BETWEEN – Ein Doppelportrait. Man kann also sagen, dass sich da einiges aus der oben beschriebenen “Grundidee” wiederfindet. Und auch wieder nicht, denn war da nicht noch was anderes in all den vergangenen Jahren? Das vehemente Scheißdrauf im Hinblick auf das, was mir vorenthalten wurde? Das kämpferisch-aggressive Trotzdem, sobald es darum geht, sich einfach zu nehmen, was einem (auch vermeintlich) zusteht? Das in rotzigen, rebellischen Posen erstarrte Hausbesetzertum, auch wenn es ums bloße Daseindürfen geht? Also da sein, am Leben, bei sich, in der eigenen Heimat, die ja niemandem gehört und die einem auch niemand streitig machen kann? Was wäre das dann überhaupt – Heimat, Leben, Dasein? Und Flucht? Vielfalt? Vertreibung?

Perlentaucher unterwegsDie vor Jahrzehnten von Kindern und Jugendlichen an den Mauern rund um das Herrnauer Kloster- und Kirchenareal angebrachten Wandmalereien zum Beispiel sind solche inspirierenden “Perlen”. Ungeachtet der religiösen Mythen, in deren Kontext sie naturgemäß eingebettet sind, transzendieren sie ihre ursprüngliche Entstehung und laden zum “In sich aufnehmen” der ihnen innewohnenden Bildgewalt ein. Schier unerschöpfliche Schöpfungskraft aus stets wiederkehrender kindlicher Gestaltungslust sprengt die Grenzen unserer hergebrachten, eingewohnten und vorgefertigten Interpretationen. Wenn wir sie lassen. Wenn wir es zulassen können. Wenn du die Bilder, die hier im Artikel wiedergegeben sind, auf dich wirken, wenn du sie mit Respekt (also ohne sie vorab zu verzwecken, zu etwas machen zu wollen, was oder wozu sie deiner Meinung nach sein sollten) ihr Eigenleben entfalten lässtwas siehst du? Wie fühlt sich das an? Wo genau? Du tauchst gerade nach Perlen

 

oder, um es mit PeterLicht zu sagen: “Alles was du siehst gehört dir”

 

PS. Der inzwischen auch ausgezeichnete Film IN BETWEEN. Ein Doppelportrait” ist bis Freitag, 20. 6. mehrmals täglich im Wochenprogramm von FS1 zu sehen, immer im Doppelpack mit dem wunderbaren “Schräge Vögel Studiotalk”, moderiert von Djordje Čenić (Studio West).